Wolfgang A. Mozart: Die Entführung aus dem Serail (Hamburgische Staatsoper 14.10.2021)

Die Intendanz der Staatsoper wird es sicher David Bösch danken, so kurzfristig eingesprungen zu sein und die Lücke eines fast unmittelbar vor der Premiere sich verflüchtigenden Regisseurs geschlossen zu haben. Trotzdem ist dem Einspringer eine recht unterhaltsame Inszenierung gelungen. Dennoch stellt sich die Frage, ob es in einer derartigen Situation nicht ratsam wäre, eine szenisch angereicherte, konzertante Aufführung auf die Bühne zu bringen. Dafür gäbe es sehr gelungene Beispiele, gerade auch zu Zeiten von Corona. Die Bühnenausstattung geht so gar nicht.
Das Bühnenbild erinnert an eine ehemalige Fernsehwerbung, in welcher der Tod an die Tür klopft :“ gib mir dein Le… oh dein Leben ist schon schlimm genug“, dreht sich nach einem Blick in die Wohnung um und geht. Alles sieht nach einer geräumten Notunterkunft aus. Die Zelte sind weg, ein paar Matratzen und ein altes Sofa sind übrig geblieben und allerhand anderer Müll, während im Hintergrund ein Zeichentrickfilm die Idylle einer einsamen Insel vorgaukelt. Es scheint, als ob Regisseur und Ausstatter hier ihren Sperrmüll bis zum nächsten Abholtermin kostenpflichtig unterstellen durften. Und dass bei einer heiteren Mozartoper, angesiedelt in orientaler Umgebung. Zum Glück war die musikalische Seite eine reine Freude. Für Dovlet Nurgeldiyev als Belmonte sprang der in Berlin gefeierte Tenor Martin Mitterrutzner ein und gab einen grandiosen, lyrisch eleganten Belmonte mit bezaubernden Spitzentönen und berührend ausgeformten Pianopassagen. Großartig auch Michael Laurenz als Pedrillo. Für diese Inszenierung wurde nicht nur seine Sonate aus dem dritten Akt eingedeutscht. Nahezu alle Zwischentexte wurden modernisiert, sodass eine frische, schlüssige und kurzweilige Rahmenhandlung entstand. Die finnische Sopranistin Tuuli Takala bestach in den lyrischen aber auch in den dramatischen Passagen als Konstanze. Narea Son gab eine frische, freche Blonde: bezaubernd und einfach umwerfend. Ante Jerkunica beeindruckte mit einem elegant gesungenen, bestechenden Osmin. Der Bassa Selim von Burghart Klaußner hätte etwas charakteristischer, markanter ausfallen können. Er sprach zwar deutlich mit einem elegant anmutenden Sprechton, was stellenweise aber etwas eintönig wirkte, weil Sprachnuancen zu dezent angedeutet wurden. Das Philharmonische Staatsorchester Hamburg unter der Leitung von Adam Fischer sorgte für einen phänomenalen Klangteppich. Dieser großartige Dirigent gehört zweifellos zu den hervorragendsten Mozart- Experten weltweit. Herrlich auch der Chor der Staatsoper Hamburg.              Sven Godenrath, Hamburg

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Opernexperte
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