Antonin Dvorak: Rusalka (Theater Bremen, 11.11.2017)

Ein Abstecher in die schöne Hansestadt, verbunden mit dem Besuch der grandiosen Max Beckmann Ausstellung mit anschließender Premiere einer Oper im Theater Bremen, ist nicht das schlechteste, was einem an einem kalten Novembertag widerfahren kann, zumal es sich mit Dvoraks‘ Rusalka um ein eher selten gespieltes Werk handelt, mit dem sich der neue 1. Kapellmeister der Bremer Oper, Harmut Keil vorstellte. Mit großem Erfolg, wie sich zeigte!
Von den 10 Opern ( mit Rusalka sind 9 davon lt Steiger auf CD dokumentiert; u.a. Dimitrij, Der Jakobiner, Katinka und der Teufel und Armida), die Dvorak (1841-1904) komponierte, ist Rusalka (1901)  wohl die Einzige, die international wieder mit großem Erfolg auf die Bühnen gebracht wird. Wenigen ist der Inhalt bekannt; deshalb eine Kurzform der ohnehin etwas inhaltsarmem Geschichte.
Rusalka (tschechisches Wort für Nixe), in ihrem unstillbaren Wunsch, eine irdische, empfindsame Frau zu werden, liebt Prinzen. Der Wassermann warnt. Eine zu Rate gezogene Hexe ist behilflich, unter der Bedingung, dass Rusalka stumm bleiben müsse. Prinz will sie zur Frau; durch ihre Stummheit erkaltet aber seine Liebe. Er wird untreu mit Fürstin. Wassermann warnt wieder. Hexe ist wieder hilfreich an der Seite der seelisch orientierungslosen, sehnsuchtskranken Nixe. Sie soll den geläuterten, irdischen Prinzen den Todeskuss geben, was mit dessen einvernehmen auch geschieht und ihm den erwarteten Tod im seligsten Moment seines Daseins beschert.
Was hätte die Regie (Anna-Sophie Mahler), Bühne (Duri Bischoff) und Kostüme (Geraldine Arnold) aus diesem märchenhaften Stoff machen können, auch gesellschaftskritisch (Frauenbild) in die heutige Zeiten verlegt! Stattdessen wird das Geschehen in einer tristen, abbruchreifen, von Wasserschäden, bröckelndem Putz und abgelösten Tapeten der hässlichsten Art geprägter Dachwohnung (Nasse Welt der Nixen) und in einer darunterliegenden Wohnung in ähnlichem Zustand (Irdische Welt) angesiedelt, das Elend mit einer Treppe verbunden. In diesem trostlosen Ambiente der 50er Jahre agieren ebenso trostlos bekleidete Darsteller (bis auf Fürstin und Hexe), was beim Erscheinen des (grandios singenden) Chors besonders unschön auffiel. Die ganze Inszenierung mit einer mitunter nicht schlüssigen Personenführung (Auftritt der Solisten durch eine niedrige Wandöffnung, (optisch) durch die Wand und seitlich gardinenverhangenem Fenster) wurde der Handlung dieses Werkes nicht so ganz gerecht.
Die Bremer Philharmoniker bescherten unter der Leitung von Hartmut Keil einen wunderbaren, transparenten, überaus differenziert ausziselierten Klangteppich. Die ganze Schönheit dieser grandios orchestrierten Partitur mit ihren volksliedhaften, slawisch geprägten Melodien und Rhythmen, kamen beeindruckend zur Geltung, wobei wagnereanisch dramatisch anmutende Sequenzen nicht fehlten. Ein überzeugender Einstand des Dirigenten.
Großartig, gleich zu Beginn die Nymphen. 1. Nymphe Iryna Dziashko, die im dritten Akt ein wunderbares, kurzes Solo zu singen hatte, Nathalie Mittelbach als 2. Nymphe, die auch durch ihr Solo im dritten Akt zu begeistern verstand und Anna-Maria Torkel als dritte Nymphe; alle drei Stimmen harmonierten grandios miteinander. Die amerikanische Sopranistin, Patricia Andress als Rusalka, wußte sowohl in lyrischen, wie auch in den dramatischen Sequenzen zu überzeugen. Ihr Lied an den Mond glich einem Kleinod der besonderen Art: ergreifend und berührend.  Nadine Lehner, in verführerisch rotem Kleid als Fürstin, glänzte durch ihren grandiosen Stimmeinsatz mit gezielt eingesetztem, sinnlichen Timbre , ihrer fesselnden Interpretation und ihrer fulminanten Bühnenpräsenz. Der chilenische Tenor, Luis Olivares Sandoval war als Prinz stimmlich mit seiner leicht ansprechenden Höhe und seinem Stimmschmelz, der ihn auch für das Rossinifach empfehlen würde, großartig. Claudio Otelli bestach mit seinem lyrischen Bariton, der auch zu dramatischen Ausbrüchen fähig war, als Wassermann. Die italienische Altistin, Romina Boscolo legte bei ihrer Rollenausdeutung der bösen Hexe Jezibaba mehr Wert auf eine dramatische, schlüssige Rolleninterpretation und begeisterte mit ihrem prächtigen Alt und einem markanten Timbre: eine bestechende Leistung. Loren Lang überzeugte als Förster und Jäger. Nathalie Mittelbacher gab zudem noch den Küchenjungen.
Musikalisch ein großer Erfolg. Viel Beifall für Orchester, Dirigenten, Solisten und den fabelhaften Chor.
Mit der kürzlichen „Lady“ und dieser „Rusalka“ hat der Verfasser nach einigen Jahren das Theater Bremen für sich „wiederentdeckt“ und ist beeindruckt, auf welch hohem Niveau in allen Rollen durchgehend gesungen wird, denn nach dem Besuch zahlreicher Aufführungen im Lande, aber auch international, kann man nur feststellen, dass dies selbst an „goßen“ Häusern leider keine Selbstverständlichkeit ist.
Sven Godenrath, Hamburg
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Christian Gundlach & Craig Simmons: Der bewegte Mann; Das Musical (Altonaer Theater 27.10.2017)

Die Bühne zierte viel Lametta, das immer wieder als Raumteiler eingesetzt wurde. Ferner zwei Sofas, die auch als Betten genutzt wurden und zwei Türen zu den Kleiderschränken. Musikalisch fühlte sich der Verfasser an Rosenstolz, Mika und die Scissor Sisters erinnert. Die Handlung dreht sich kurz gesagt darum: Norbert ist homosexuell und sehnt sich nach einer festen Beziehung, gerät aber ständig an Männer, die lediglich an einem kurzen One-night-stand interessiert sind. Axel ist mit Doro zusammen, betrügt diese aber immer wieder mit anderen Frauen, auch im heimischen Schlafzimmer. Als sie ihn dort wiedereinmal mit einer anderen erwischt, setzt sie ihn vor die Tür. In einer Selbsthilfegruppe für „Sexsüchtige“, in der Axel der einzige heteroorientierte Mann ist, trifft er auf Norbert, der ihn bei sich aufnimmt. Kurz darauf erfährt Doro, dass sie von Axel schwanger ist.
Die Musik kam vom Band. Die Darsteller arbeiteten mit Mikrophonen und Headsets, die leider auch einmal verrutschten. Darstellerisch war es ein witziger, kurzweiliger Abend. Die Pointen waren trotz der leicht überzogen wirkenden Handlung überaus amüsant und wurden trefflich herausgearbeitet. Elias Krischke in der Rolle des Axel als sportlich durchtrainierter Lebemann überzeugte, auch ohne Garderobe. Überhaupt wurde so die eine oder andere nackte Tatsache geboten. Jennifer Siemann sang die Doro, die als immer wieder vergebens liebende Seele war zwar darstellerisch überzeugend; gesanglich wurde die Stimme an manchen Stellen aber leider etwas dünn. Jan Kersjes gelang es, das Publikum zu berühren, aber auch zu amüsieren. Johannes Merz bot die beste gesangliche Leistung des Abends als Waltraut und Michael Ehspanner als Fränzchen sorgten als Travestiekünstler überwiegend für die amüsanten Momente in diesem Stück. Sascha Rotermund als etwas tumber Metzger (Lebensgefährte von Norbert ab Akt 2), war ebenfalls überaus amüsant. Luis Meloni als Lisa, Tanja Bahmani als Claudia und Madelaine Lauw als Elke, rundeten das Ensemble trefflich ab. Sven Niemeyer war als Günther und Pfarrer zu erleben.
Wenn man den Abend jetzt von der Handlung aus betrachtet, war es, von der schauspielerischen Leistung her, ein großartiger Abend. Das Problem dieser Produktion war: es waren singende Schauspieler auf der Bühne, offenkundig keine schauspielernden Sänger. Hier erwies sich der Einsatz von Mikrofonen teilweise als weniger glücklich, denn dieses wirkte wie eine technische Verstärkung, die jede Trübung, selbst den kleinsten Intonationsfehler, vor allem, wenn die Stimmen etwas weniger rund klangen oder dünn wurden, deutlich hören ließ. Ohne Mikrofon wäre vieles wahrscheinlich weniger aufgefallen. Dennoch, wer einen kurzweiligen Abend erleben möchte, bei dem es viel zu lachen gibt und nicht so viel Wert auf herausragende, gesangliche Leistungen legt, wird sich hervorragend amüsieren, denn die Story wird kurzweilig und amüsant verpackt angeboten.
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Claudio Monteverdi: Il Ritorno d’Ulisse in Patria (Hamburgische Staatsoper, 29.10.2017)

Nach- L’Incoronazione di Poppea- vor einigen Jahren, folgte jetzt -Il Ritorno d’Ulisse in Patria- von 1641 ein weiteres Werk des genialen, italienischen Komponisten Claudio Monteverdi (1567-1643), von dem nur noch drei seiner Opern überliefert sind. Dessen- L’Orfeo- von 1607 gilt als die überhaupt erste der nun schon über 400 Jahre währenden Kunstform Oper.  Der neue „Ulisse“ ist seit 1965 unter Albert Bittner und einem Züricher Gastspiel von 1978 unter Nikolaus Harnoncourt, die dritte Produktion dieses Werkes an diesem Haus. Interessant ist, das im Falle des „Ulisse“ nur die Basslinie vollständig vorliegt und dennoch, so sagte Vaclav Lukas, der Dirigent des Abends, steht alles in den Noten, was man wissen muss, um bezogen auf dieses Werk, die Musik für alle Instrumente nachvollziehen und es authentisch aufführen zu können. Insbesondere in den Ensembleszenen kann man bei Monteverdi, der mit seinem L’Orfeo die Operntradition begründet hat, noch die Nähe zur Madrigalmusik (14.-16-Jh) heraushören; die Arien hingegen weisen hier schon auf die spätere Barockmusik hin. In der Willy Decker Inszenierung, die das eher inhaltsarme Werk schnörkellos mit einer beeindruckenden Personenführung auf die Bühne bringt,  ist das Bühnenbild eher spärlich: Ein langer, großer Tisch, der immer wieder von unten nach oben gefahren wird, an welchem die Götter speisen und Champagner-Saufgelagen verfallen und einer runden, sich drehenden Scheibe, auf der die Menschen ihr Dasein nach dem Willen der Götter fristen dürfen; alles überragt von einem gigantischen Kronleuchter.
Der tschechische Dirigent, Cembalist und Hornist Vaclav Luks (Jg. 1970) und das vom ihm 2005 in Prag entwickelte Orchester Collegium 1704, das aus dem 1991 gegründeten Kammermusikorchester seiner Musikhochschule hervorging, boten an diesem Abend auf ihren Originalinstrumenten, die auch teilweise überaus originell anmuteten, einen phänomenalen Monteverdiklang und, wenn bedenkt, dass eigentlich für die meisten Instrumente keine Noten überliefert sind, kommt man aus dem Staunen nicht heraus.
Auch die Besetzung konnte sich sowohl sehen, wie auch hören lassen. Der Countertenor Christoph Dumaux als „Menschliche Zerbrechlichkeit“ und als „Anfinomo“, war mit seiner hervorragend geführten Stimme einer der Höhepunkte des Abends. Der elegante, brilliante, eher zurückgenommene Mezzoklang von Sara Mingardo als (20 Jahre in Trauer und Hoffnung lebende) Penelope, war phantastisch (hier kamen leichte Erinnerungen an Janet Baker auf). Denis Velev als „Il Tempo“ war in seiner gesanglichen Leistung leider nicht immer konstant, wirkte er am Anfang noch eher etwas „unbeholfen“, so steigerte er sich dann im Laufe des Abends. Gabriele Rossmanith war gesanglich und darstellerisch eine zauberhafte „Fortuna“ und „Giunone“. Ein nicht näher erwähnte Solist des Knabenchores beeindruckte in der Rolle des Amore. Der amerikanisch-österreichische Tenor, Kurt Streit, gelang es, als Ulisse ein großartiges Rollenporträt zu zeichnen. Seine enorme Agilität war schon erstaunlich, wenn man bedenkt, dass er aus einem 20-jährigen(!) Krieg heimkehrt. (Penelope muss eine bemerkenswerte Königin gewesen sein). Kurt Sreits‘  schöner Tenor klang eher etwas dunkler, besaß aber eine brilliante, schallkärftige Höhe. Katja Pieweck, mit ihrer einnehmenden Bühnenpersönlichkeit und ihrem runden, warmen Stimmklang, war in der Rolle der Ericlea hervorragend besetzt. (Sie empfiehlt sich weiterhin für große Rollen!). Marion Tassou gestaltete einen überzeugenden Melanto. Alexander Kravets als Jupiter und Luigi De Donato als Neptun waren schlichtweg herausragend , insbesondere auch in ihrer Interaktion. Dorottya Lang bestach als Minerva. Rainer Trost war als Eumete großartig. Oleksiy Palchykov als Eurimaco und Dovlet Nurgeldiyev als Telemaco waren an diesem Abend in Höchstform. Viktor Rud gab den Pisandro und Peter Galliard in der Rolle des „Iro“ war lange stimmlich  nicht mehr so bezwingend zu erleben gewesen, wie an diesem Abend; eine berührende und auch in ihrer Situationskomik bestechende Rolleninterpretation. Die drei Damen, gesungen von Lisa Wolfert, Alina Hill und Stephanie Behr harmonierten ebenfalls sehr überzeugend miteinander.
Einhelliger Jubel für alle Beteiligten, (den Regisseur und sein Team eingeschlosen) für einen großen Abend, der diesem, auch musikgeschichtlich bedeutenden Komponisten zu seinem 450sten Geburtstag, vollauf gerecht wurde.
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Opera classics:Beautiful Arias by Mozart, Haydn, Handel and Rossini;Henk neven, Rebecca Bottone, Ruby Hughes, Clara Mouriz (BBC Music Magazin, Oktober 2017)

Eine CD, die man gehört haben sollte. Der Bariton Henk Neven, der schon im ONYX Verlag zwei imposante Lieder CDs vorgelegt hat, singt hier mit seinem edlen, schlank geführten Bariton bestechend gut in seiner differenzierten Textausdeutung die Arien: Der Vogelfänger, Ombra mai fu und Hai gia vinta la causa. Rebecca Bottone überzeugt mit ihrem lyrischen, brilliant anmutenden Sopran in den Arien: In uomini, in soldati, S’altro che lacrime, Una donna a quindici anni. Ruby Hughes gibt von Haydn eine berührende Arianna a Naxos und Clara Mouriz besticht mit ihrem Mezzo in der Konzertarie Giovanna d’Arco von Rossini und in der Finalszene aus La Cenerentola. Eine CD, die dem Verfasser beim Hören viel Freude bereitet hat.

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Gioacchino Rossini: La Gazetta (Allee Theater, Altona 22.10.2017)

Zwischen seinen beiden wohl am häufigsten gespielten Opern, Il Barbiere de Seviglia und La Cenerentola entstand La Gazetta; ein witziges, kurzweiliges Werk, das sich leider in den Spielplänen des Opernbetriebes dauerhaft nie so richtig durchsetzen konnte. Die Ouvertüre und zwei Ensembleszenen entstammen dem Barbiere. Eine Arie wurde später in seiner La Cenerentola zum neuen Leben erweckt. Bei Rossini nichts Außergewöhnliches. Seine nicht so wohlgelittene „Reise nach Reims“ fand sich schließlich später auch in einigen seiner anderen Werke wieder.
Ein gut situierter Geschäftsmann gibt eine Annonce auf, in welcher er seine Tochter zur Frau anbietet ohne zu ahnen, dass diese bereits anderwertig verliebt ist. In einem pariser Hotel kommt es dann auch schon zur ersten Verwechslung, als ein vermeintlicher Kandidat die falsche Schöne als jene Dame mit griechischer Figur und römischem Profil entdeckt und sich prompt verliebt. Doch auch da gibt es einen Schwiegervater, der in finanziellen Schwierigkeiten steckt und seine Tochter kurzerhand, um sein Unternehmen zu retten, an einen anderen verschachern will; doch durch den beherzten Einsatz von Madame La Rose heiraten am Ende die richtigen Paare und die Väter geben ihren Segen. Das Werk wurde von Barbara Hass, die für die deutsche Textfassung sorgte und von  Alfonso Romero Mora (Regie) modern aufgepeppt. Lisa Überbacher (Bühnenbild-und Kostüme) stellte verschieden dünne, verschiebbare Wände auf die Bühne. Schon im ersten Bild loben alle, auf ihre Mobiltelephone starrend, die schöne Landschaft. Sehr aktuell! Später im Hotel streiten sich Vater und Tochter per SMS und -oh Schreck -dann rief sie auch noch an.
Marius Adam als Mann von Welt und Grandseigneur war an diesem Abend in der Rolle des Don Pomponio Storione voll in seinem Element, darstellerisch und auch gesanglich einfach köstlich. Cecilia Rodriguez-Moran mit ihrer dramatischen Stimme und ihren herrlich geläufigen Koloraturen plus einigen zickigen Marotten war nicht zu schlagen. Ljuban Zivanonic wurde zu Beginn ein nicht angeschlossenes Mikrophon gereicht und so servierte er die erste Arie vom körperlichen Ausdruck her, in Schlagerstarmanier. Die Stimme ist überaus attraktiv, wird schlank geführt, ist in der Höhe allerdings leicht eingeschränkt. Da er über ein ansprechendes Äußeres verfügt, kam ihm die kurze Strippeinlage, verführerisch ausgeführt bis auf ein Hüfthandtuch, wohl nicht ungelegen. Robert Elibay-Hartog (Bariton) in der Rolle des Philipe (in Lisette verliebt) hatte leichte Probleme mit den Verzierungen. Dennoch, ein überaus attraktives Stimmtimbre und er machte deutlich, dass  ihm im Liedfach eine große Karriere bevorstehen könnte. Titus Witt bestach als Signor Anselmo. Natscha Dwulecki war eine herrlich quirlige Doralice und Feline Knabe mit ihrem sinnlichen Mezzo war als Madame La Rose grandios. In den Ensembleszenen bewies dieses Haus einmal mehr, wo dessen Stärken liegen. Alle Stimmen waren perfekt aufeinander abgestimmt und harmonierten trefflich miteinander. Ettore Prandi sorgte für einen herrlichen Rossiniklang. Ein amüsanter, kurzweiliger Abend. Die charakteristischen Merkmale der Musik Rossinis‘ wurden von allen Beteiligten bestens herausgearbeitet.
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Franz Schreker: Der ferne Klang „Lübecker Erstaufführung“ (Theater Lübeck 21.10.2017)

Es ist für jedes Opernhaus schon eine enorme Herausforderung, dieses personalintensive, 1912 in Frankfurt/Main uraufgeführte Werk auf die Bühne zu bringen. Das ist dem Theater Lübeck im Rahmen einer Erstaufführung grandios gelungen!
„Der ferne Klang“, „Die Gezeichneten“ und „Schatzgräber“ sind die heute bekanntesten und in ihrer Entstehungszeit erfolgreichsten Werke des 1878  in Monaco geborenen und 1934 zu Beginn des „Nazireichs“ in den Tod getriebenen, österreichischen Komponisten und Dichters Franz Schreker. Gesellschaftliche Probleme, geradezu Begierden und Abgründe menschlichen Verhaltens sind Inhalte seines Schaffens, und von ihm textlich symbolträchtig, fesselnd, drastisch, aber auch hochpoetisch und emotional meisterhaft „verdichtet“. Anders als Berg, Schoenberg und andere Komponisten seiner Zeit, blieb Schreker der (ausklingenden) Romantik verbunden, obwohl Einflüsse der „Moderne“ mit außergewöhnlichen Klangfarben nicht zu verkennen sind. Nach Wagner und zu Zeiten von Strauss und Puccini, hat Schreker seinen eigenen Stil bewahrt; man könnte sagen, dass er in einigen Seqenzen seiner überaus vielschichtigen, glühenden, manchmal sinnlichen Klangbilder den Klangrausch einiger Strausswerke noch übertroffen hat.
Der hier kurz geschilderte Inhalt dieser Oper besteht aus zwei, eigentlich sehr unterschiedlichen Handlungen, die aber auf sehr subtile, emotionale und geheimnisvolle Weise miteinander verbunden sind. Der junge Komponist Fritz, auf der Suche nach dem fernen, idealen Klang, sozusagen nach dem „Goldenen Schnitt der Musik“ für seine neue Oper, liebt Grete, ein Mädchen, das in ärmlichen, geradezu trostlosen familiären Verhältnissen mit einem, dem Alkohol verfallenen Vater lebt. Fritz zieht es aber vor, sich zu trennen, um weiter den „fernen Klang“ zu suchen, während Grete nach einigen Wirren zwangsverheiratet und zur Prostitution gezwungen wird. Im Auf und Ab Ihrer Karriere als Edel-Kurtisane trifft sie in großen, zeitlichen Abständen auf Fritz, bis beide nach dem Misserfolg seiner neuen Oper erkennen, dass sie füreinander bestimmt sind. Es ist aber zu spät; Fritz stirbt, ohne den fernen Klang gefunden zu haben. Irgendwie scheinen fast alle Hauptfiguren nach einem „Fernen Klang“ in ihrem Dasein zu suchen; niemand scheint ihn zu finden, sich nicht eingestehend, dass es ihn wohl auch nicht gibt und alle Hoffnung vergebens ist.
Die Handlung trägt wohl gewollte, satirische Anspielungen auf Vorgänge der damaligen Zeit, trotz aller Tragik. Der Regisseur, Jochen Biganzoli, der zuvor schon sehr erfolgreich die „Lady Macbeth von Mzensk“ in Lübeck in Szene gesetzt hat, zeigt auch in dieser Produktion, dass er sehr komplexe Werke mit viel Fantasie und einer sehr überzeugenden Personenführung, eindrucksvoll auf die Bühne bringen kann. Unterstützt wird dies durch eine eher spärliche Ausstattung von Wolf Gutjahr, die aber einen sehr stimmigen Rahmen für das Geschehen bereitet. Ein enges, schuhkartonartiges Wohnzimmer auf der ansonsten leeren, dunklen Bühne vermittelt die trostlose Umgebung, in der Grete lebt. Die Glitzerwelt der Kurtisanen wird durch bühnenhohe, lamettaähnliche Vorhänge (Loriot: „Früher war mehr Lametta“) an den drei Bühnenseiten wirkungsvoll dargestellt, alles gut beleuchtet von Falk Hampel und farbenfroh kostümiert von Katharina Weissenborn. Einer der Höhepunkte der Inszenierung ist nach der „Inthronisierung“ Gretes‘ im Bordell im glitzernden Kostüm in einer Art gläsernen, etwa 3 Meter hochgehievten Telefonzelle unter der sich eine Horde befrackter Männer nach Grete verzehrt, die Aufforderung an das Publikum, sich in die Foyers zu begeben und sich bei (echtem Sekt) und Häppchen (wohl aus Etatgründen nicht erhältlich), unter die sich anbietenden Damen in glitzernden Kleidern mit Perücken und Sonnenbrillen zu mischen, wohl als eine Art Kontakthof gedacht, von launigen Gesängen einiger Solisten begleitet. Ein toller Regieeinfall!
Dem Dirigenten des Abends, Andreas Wolf, derzeit kommissarischer GMD für Konzert und Oper in Lübeck, ist ein ganz großer Wurf gelungen. Er besitzt das außergewöhnliche Talent, bei aller Liebe zum musikalischen Detail, dabei das Ganze nicht aus den Augen zu verlieren. Das gelingt selbst namhaften, schon auf eine längere Karriere zurückblickenden Pultstars nicht immer. Die orchestrale Umsetzung dieser sehr anspruchsvollen Partitur gelingt überaus brilliant und spannend und vermittelt den Eindruck, dass Orchester und Dirigent mehr aus den Noten „herausgespielt“ haben, als bislang anderweitig zu erleben war. Eine grandiose Leistung, die Andreas Wolf erneut zu höheren Weihen in der Hansestadt empfiehlt.
Die deutsche Sopranistin, Cornelia Ptassek (Rollen: Senta, Medea, Alceste, Contessa, Violetta, Agathe, Feldmarschallin, Ariadne etc.)  gelang es bravourös, alle Facetten der enorm herausfordernden Rolle der Grete darstellerisch und gesanglich grandios herauszuarbeiten. Im ersten Akt, die etwas kindlich naive Grete, im zweiten dann die abgebrühte, aber  desillusionierte „Dirne“, als welche sie von ihrem früheren Geliebten Fritz bezeichnet wird und im dritten Akt dann die von ihrem gräflichen Ehemann schon nach wenigen Jahren verlassene Grete, die auf der Straße anschaffen gehen muss, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können und sich tagsüber die Freier vergangener Nächte vom Hals halten muss. Die Künstlerin besticht mit eher dunkel timbrierter Stimme und einer enormen Ausdrucksskala, sowohl  in den lyrischen, wie auch dramatischen Passagen. Eine  bezwingende Sängerdarstellerin mit großer Bühnenpräsenz.  Der ungarische Tenor, Zoltan Nyari, –wer bisher immer dachte, nur Strauss-Tenöre hätten es schwer; bei Schreker geht es ihnen auch nicht viel besser–, gestaltet die Partie des Fritz, gespickt mit hohen Tönen, die nur ein Tenor mit einer guten Technik makellos  auszuformen versteht. Zoltan Nyari nahm  jede Klippe, die Höhe sprach leicht und scheinbar mühelos an. Eine großartige Rollengestaltung. (Zu seinem Repertoire gehören u.a. Siegmund, Hoffmann, Tristan, Froh, Don Jose und Erik)  Der Bariton, Tim Stolte, mit seinem runden, eleganten Baritonklang, als guter Freund im letzten Bild zu hören, gab einen großartigen Rudolf. Steffen Kubach überzeugte als Vater und Andrea Stadel gab eine überzeugende, gebeutelte Mutter. Taras Konoshchenko war gleich in mehreren Rollen vertreten, sowohl als Wirt, als Baron und Polizist zeichnete er jedesmal ein großartiges Rollenporträt mit seinem runden, ansprechenden Stimmklang. Johan Hyunbong Choi bestach als Schmierenschauspieler, Graf und Schauspieler; ein großartiger Sänger und Darsteller. Gerard Quinn interpretierte einen fulminanten Dr. Vigelius, wie immer mit grandiosem Stimmeinsatz. Wioletta Hebrowska war in den Rollen, Ein altes Weib, Eine Spanierin, als Kellnerin und Ein Mädchen mit ihrem fulminanten Mezzo einer der Höhepunkte des Abends. Evmorfia Metaxaki als Mizi , Caroline Nkwe als Milli, die nicht nur wegen ihrer Haut- sondern auch wegen ihrer sinnlichen Stimmfarbe herausstach  und Emma McNairy als Mary, gaben ein Damentrio par exellence. Nicht zu vergessen, der grandiose Chor und Extrachor des Hauses, die Gäste, sowie die Zigeunerkapelle und die Venezianische Banda. Ein grandioser Abend, den man sich nicht entgehen lassen sollte.
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Almicare Ponchielli: La Gioconda; Mazzaria-Gavazzeni, Giordani, Gertseva, Mastromarino, Rysov, Tirendi; März 2006 (DVD, Kicco classics)

Unter der Leitung von Donato Renzetti bietet das Orchestra del Teatro Massimo Bellini di Catania einen exzellenten Ponchielliklang. Das Bühnenbild ist klassisch ausgestattet; etwas weniger opulent, als man es vielleicht von der Met kennt, aber mit teilweise opulenten Kostümen garniert. Die Sopranistin Lucia Mazzaria-Gavazzeni, die vor allem im weniger bekannten Repertoire veröffentlicht wurde (u.a. in Mirra, Risurrezione, Elisabetta al castello, Poliuto, Caterina Cornaro, Cassandra) gibt eine brilliante, in allen Lagen überzeugende Gioconda. Tenor Marcello Giordani singt einen großartigen Enzo und Julia Gertseva ist eine vom Stimmklang her, sehr sinnliche Laura. Alberto Mastromarino interpretiert  einen überzeugenden Barnaba, Michail Rysov singt den Alviso und Lidia Tirendi besticht als La Cieca. Eine durchgehend großartige Produktion die man gesehen haben sollte.

Veröffentlicht unter 02. Neues auf dem CD & DVD Klassikmarkt | Kommentar hinterlassen