Stars von Morgen – 6. Harburger Rathauskonzert 2016/2017 – Studierende der Klasse Prof. Mark Tucker (Harburger Rathaus, 17.05.2017)

Dieser Abend hätte genauso gut auch— Berliner Aids Gala 2017— heißen können, wenn man sich einmal ganz nüchtern das Talent der einzelnen, dort aufgetretenen Künstler betrachtet, denn das gesangliche Niveau bei Veranstaltungen dieser meist hochpreisigen Art ist in der Regel,  trotz prominenterer Namen, bis auf einzelne Ausnahmen, auch nicht nennenswert höher. Den Zuhörer erwartete an diesem Abend ein interessant zusammengestelltes Programm von Bach Kantaten, Arien von Händel, Mozart, Beethoven, Massenet, Puccini und Johann Strauss, bis hin zu Liedern von Mozart, Schubert, Wolf, Faure und Debussy, kompetent und abwechselnd begleitet am Klavier von Gráinne Dunne und Mariana Popova.
Einzig, woran noch etwas gearbeitet werden muss, ist an der Präsentation, wenn Sänger hintereinander die Bühne betreten als wäre man bei einer Trauerfeier. Natürlich sollte ein Sänger stets den Eindruck erwecken, bei Arien in der Rolle zu sein, die man interpretiert. Wichtig ist, dass nichts aufgesetzt wirkt, sondern möglichst natürlich und mit innerer Anteilnahme und tief empfunden das Werk vermittelt wird. Hier jedoch wirkten die Auftritte mitunter eher einstudiert, denn wirklich emotional interpretiert; daran müsste noch etwas gefeilt werden.
Als Erste trat die Sopranistin Jenny Kalbfleisch getragenen Schrittes aufs Podium. Sie sang von J. S. Bach die beiden Arien „Ich habe genug“ und „Schlummert ein“. In der Tiefe war die Stimme überaus klangschön, in der Höhe hingegen, wirkte sie leider  eher uncharmant. Zudem hatte der Verfasser den Eindruck, dass manche Töne angeschliffen wurden, was sich teilweise ungünstig auf die Diktion auswirkte. Zudem vermisste der Verfasser in ihrem Vortrag ein wenig vokale Fantasie; der Gesangsvortrag klang etwas eintönig und wurde so leider nach einigen Minuten auch etwas weniger interessant. Es müßte noch etwas  daran gearbeitet werden, dass der Vortrag lebendiger wirkt und somit den Zuhörer packt und begeistert.
Als Zweite trat mit der gleichen Grabesmine die Sopranistin Ana Carolina Coutinho auf und sang aus der Matthäus Passion das Rezitativ:“ Er hat uns allen wohl getan“ gefolgt von der Arie: “ Aus Liebe will mein Heiland sterben“. Dieser Vortrag enthielt sehr viel Charme; Phrasen wurden hervorragend ausgeformt und gestaltet und auch der Text wurde glaubwürdig vermittelt. Im zweiten Teil interpretierte sie dann ähnlich großartig das Lied „Anakrons Grab“ von Hugo Wolf.
Ähnlich dreinblickend erschien der Altus Jung Kwon Jang. Grandios gesungen und ausgeformt, mit perfektem Timing und mit beeindruckender Bühnenpräsenz gestaltete er die Arie „Cara Sposa“ aus Händels‘ Rinaldo.  Diesem Sänger hätte man einen ganzen Abend lang zuhörern mögen. Im zweiten Teil folgte dann eine jener Paraderollen für nahezu jeden Altus bzw. Countertenor: die Arie des Prinzen Orlovsky aus der Fledermaus.“Ich lade gern mir Gäste ein“, die er bravourös zelebrierte.
Mit viel Esprit, Charme und einer Spur Koketterie trat Gabriele Jocaite (Sopran) aufs Podium und gab aus Cosi fan tutte „In uomini in soldati“ zum Besten. Die Stimme war in allen Lagen ausgeglichen und die Arie wurde hervorragend gestaltet.  Darauf folgte noch  die Arie der Susanna: „Venite inginocchitevi“, ebenfalls mit viel Charme  gestaltet.
Noch aus dem letzten Jahr blieb dem Verfasser der Auftritt des Tenors Dustin Drosdziok im Rahmen eines Konzertes im  kleinen Saal der Hamburger Musikhalle in Erinnerung. Schon damals war das Talent dieses jungen Mannes  spürbar gewesen, wahrscheinlich stand ihm zu diesem Zeitpunkt nur noch eine gewisse Schüchternheit im Wege, um ganz aus sich heraus gehen zu können.  Um so erfreulicher die Wiederbegegnung mit dieser Stimme. Verglichen mit seinen Leistungen des letzten Jahres, schien er bei seinem diesjährigen Auftritt einen gewaltigen Sprung nach vorn gemacht zu machen. Die Bühnenpräsenz hat sich wesentlich verbessert. Die Stimme ist ausgeglichener geworden, sowohl in dem Lied „Fußreise“ von Hugo Wolf,  wie auch in der Arie „Konstanze, dich wiederzusehen“ aus der „Entführung aus dem Serail“, die ihm hervorragend in der Gestaltung gelang. Auch von prominenteren Sängern ist diese Arie selten besser zu hören.
Nivea de Freitas war mit ihrer Arie „Ach ich fühls“ zwar gesanglich überzeugend; die Stimme war brilliant, mit viel Charme gesegnet und Koloraturen wurden gut ausgeformt und selbst in den dynamischen Abstufungen wurde mit sehr viel Gefühl gearbeitet. Leider nur wirkte die Mimik etwas zu aufgesetzt: weniger ist hier mehr. Wesentlich besser von der Mimik her, dann beim Vortrag der Arie der Manon“ Je marche sur tous les chemins“, die auch gesanglich hervorragend gelang. Eine großartige Leistung.
Der erste Teil klang dann mit der Arie der Marzelline aus Beethovens‘ Fidelio“Und wär ich schon mit dir vereint“ großartig aus. Die Stimme der Sopranistin Aileen Deppe hatte einen mitreißenden, silbrigen Schimmer, klang überaus charmant und ihre lebenslustige Art war ungemein bezwingend; ihr gelang eine großartige Ausformung dieser Arie. Im zweiten Teil sang sie dann noch das Schubert Lied“ Was bedeutet die Bewegung“ in welchem sie die Phrasen gut ausformte und auch den Text glaubwürdig vermittelte.
Begonnen wurde der zweite Teil mit der Sopranistin Hannah Gabor und dem Lied „An Chloe“ von Wolfgang A. Mozart. Die Klangfarbe ihrer Stimme scheint vom Grundton her, eher dunkler zu sein. Ihre noch nicht ganz so vollendet klingende Diktion machte sie durch ihren Charme einigermaßen wieder wett. Bei ihrem zweiten Lied „Clair de lune“ von Gabriel Faure klang sie schon überzeugender. Eine gefühlvolle, glaubwürdige Liedinterpretation.
Die Sopranistin Qinyang Yan schnitt bei ihrer Darbietung des Liedes „Apparition“ von Claude Debussy besser ab , als in ihrer etwas später folgenden Arie der Musette“Quando m’en vo“, in welcher die dynamischen Abstufungen nicht ganz schlüssig gelangen. Das Piano war für das etwas überzogen wirkende, weniger charmante Forte einfach zu leise. Die Arie hätte in den dynamischen Feinabstufungen differenzierter gestaltet werden müssen. Bei ihrer Liedinterpretation hingegen, stimmten die dynamischen Feinabstufungen; auch hatte ihr Gesangsvortrag dabei mehr Charme.
Ein toller Abend, der im großen Saal des Harburger Rathauses vom Publikum zu Recht mit viel Applaus bedacht wurde. Zu  einer so großartigen Gesangsklasse, ausgestattet mit viel Talent, kann man Professor Mark Tucker nur beglückwünschen.

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Georg Friedrich Händel: Ariodante (Elbphilharmonie 14.05.2017)

Gleich zweimal innerhalb kürzester Zeit wurde diese doch eher selten aufgeführte Oper gegeben. Nachdem das Theater Lübeck dieses Werk in einer hervorragenden Besetzung szenisch aufgeführt hatte (Premiere am 28.4.2017), folgte am 14.5. die Elbphilharmonie mit einer konzertanten Interpretation. Harry Bicket, der auch am Cembalo aktiv war und The English Concert, sorgten an diesem Abend für einen exzellenten Händelklang. Die für die erkrankte Joice di Donato einspringende Alice Coote lief in ihrem Lamento im zweiten Akt zu einer selten zu erlebenden Höchstform auf. Die Art und Weise, wie sie diese Arie mit feinsten Koloraturen und Piani geradezu zelebrierte, bekommt man nicht alle Tage zu hören. Gleiches wiederholte sie dann in ihrer großen Arie im dritten Akt. Christiane Karg gab mit ihrem edlen Sopran eine grandiose Ginevra; mit ihren perlenden Koloraturen und ihrem silbrigen Klang, war sie schlichtweg phantastich. Mary Bevan, die der Verfasser seinen Lesern schon des öfteren ans Herz gelegt hat, gab eine großartige Dalinda. David Portillo, ein eher lyrischer Tenor mit einer leicht ansprechenden Höhe und einer hervorragenden Koloraturtechnik, gab einen überzeugenden Lurcanio. Sonia Prina war im ersten Akt brilliant, jedoch, je länger man ihrer Stimme lauschte, kristallisierte sich dann doch heraus, dass ihr Ausdrucksspektrum bei aller vokalen Brillianz weniger weit gefächert ist. Durch ihre enorme Bühnenpräsenz und ihre teilweise etwas (gewollt) grotesk komisch anmutenden Koloraturen, zog sie die Zuhörer dieses Abends in ihren Bann. Gepackt lauschte der nahezu ausverkaufte Saal der hohen Kunst, die an diesem Abend insgesamt zelebriert wurde, zumindest bis zum Ende des zweiten Aktes; nach der 2. Pause, gegen 23 Uhr zum dritten Akt, war der Saal dann halb leer. Viele waren in ihrer Furcht vor einem sehr späten Ende der Vorstellung und der bevorstehenden  Nachtruhe des HVV abgereist. Hier wurde das etwas unsensible Handeln der Veranstalter, eine mit zwei Pausen ausgestattete, insgesamt vierstündige Händeloper an einem Sonntag um 20 Uhr beginnen zu lassen zum Verhängnis und die Leidtragenden waren die Künstler des Abends, die dann vor halbleeren Rängen weiter spielen und singen mußten. An einem Sonntag wäre es durchaus angebracht, ein derartig langes Werk schon um 18 Uhr, wenn nicht sogar um 16 Uhr beginnen zu lassen, oder aber, wie in Lübeck, nur eine Pause einzulegen.
Dennoch: ein grandioser Abend, der noch lange in Erinnerung bleiben wird!

 

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Liederabend Jonas Kaufmann (Elbphilharmonie 24.05.2017)

Ein Abend an den der Verfasser noch lange zurückdenken wird, hier die Kurzzusammenfassung:

100 Minuten pure Zeitverschwendung. Kurz um, was sich an diesem Abend abspielte war unter aller Sau.

Mi 24 Mai 2017 21:00 Hamburg, Deutschland Elbphilharmonie Großer Saal Jonas Kaufmann Ab €80,00

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Richard Wagner: Das Rheingold (Elbphilharmonie 26.05.2017, mangels Interesse des Veranstalters sprawka@biermannpr.de leider keine Berichterstattung möglich.

Leider verweigert die zuständige Pressestelle trotz mehrmaliger Kontaktaufnahme jegliche Zusammenarbeit.

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Henry Purcell: Ayres & Songs from Orpheus Britannicus / Hamonia Sacra % Complete Organ Music (ARCANA, Note 1)

Die Sopranistin Jill Feldmann interpretiert auf der ersten CD Arien und Lieder aus Orpheus Brittanicus von Henry Purcell mit Nigel North, Archlute und Sarah Cunningham, Bass-Viola und auf der zweiten CD geistliche Werke mit Davitt Moroney an der Orgel, wobei hier auch Werke für Orgel ohne Gesangsstimme eingespielt wurden. Jill Feldmann gibt mit ihrer weniger charakteristischen Sopranstimme der Musik sehr viel Raum, um für sich selber zu sprechen. Exaltierte Arien und Lied- Interpretationen wird man auf diesen CDs vergeblich suchen. Bei diesen beiden CDs stehen der Komponist und seine Musik im Vordergrund und nicht der Interpret. Eine schlüssige und interessante Aufnahme für alle, die ein Interesse daran haben, sich das musikalische Schaffen von Henry Purcell zu erschließen.

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Johann Sebastian Bach: Johannes Passion (Minkowski; Warner / Cleobury; Choir of Kings College;Note 1 / Temple; Chandos, Note 1)

Gleich dreimal beglücken uns verschiedene Verlage mit einer Neu- Veröffentlichung von Bachs‘ Meisterwerk, der Johannes Passion.
Schon der Eingangschoral: Herr … reißt den Zuhörer unter der Leitung von Mark Minkowski mit den Les musiciens du Louvre aus dem Gestühl. So gepackt wird man gleich zu Beginn dieser Passion leider nicht in jeder Produktion dieses Werkes. Lothar Odinius schlüpft als Evangelist in die Rolle des Erzählers; eine gute Leistung. Christian Immler ist hier als Jesus mit seiner hervorragenden, ebenmäßigen Stimme auch eher ein Sänger, der die Leiden des Jesus in erster Linie vermittelt. Ditte Anderson und Lenneke Ruiten überzeugen in ihren Sopranarien. Delphine Galou ist eine der großen Pluspunkte in dieser Produktion; ihr gelingt eine hervorragende  Ausformung der Alt-Arien. Ein weiterer Höhepunkt ist der Countertenor David Hansen, der schon vor Jahren mit einer Solo- CD auf sich aufmerksam machte; einfach phantastisch. In weiteren Rollen hören wir die Tenöre Colin Balzer und Valerio Contalto und den Bass York Felix Speer. Leider kann die gleich zu Beginn grandios aufgebaute Innenspannung nicht durchgehend gehalten werden.
Verglichen mit der obengenannten Einspielung ist in der Produktion mit dem Choir of Kings College, Cambridge, der Eingangschor Herr…, eher oratorienhaft, denn mitreißend angelegt, obwohl der charakteristische Bachklang getroffen wird. Stephen Cleobury, mit seiner Academy of Ancient Music, gelingt eine beeindruckende Werkinterpretation. Auch hier ist die Besetzung handverlesen. James Gilchrist gestaltet die Rolle des Evangelist eher aus der Perspektive des Erzählers und Neal Davies als Christus interpretiert  den Leidensweg eher berichtend denn empfunden, beiden wirken eher etwas unbeteiligt, die gesangliche Ausformung kommt daher hier etwas zu kurz. Sophie Bevan besticht mit ihrem wundervollen Sopran in den Arien. Der Countertenor Iestyn Davies ist in seinen Arienausdeutungen hervorragend und auch der Bass Roderick Williams ist schlichtweg beeindruckend. Desweiteren hören wir Ed Lyon in den Tenorarien, Benedict Kearns als Petrus und Toby Ward als Servus. Eine schlüssige Ausdeutung dieses Werkes, die etwas mehr Innenspannung hätte vertragen können.
David Temple mit dem Crouch and Festival Chorus und der Bach Camerata legen eine schlüssige Johannes Passion in englischer Sprache vor (wie man es bei Chandos kaum anders erwartet hat). Auch hier hätte der Eingangschor: Herr… ruhig etwas mitreißender klingen können. Robert Murray als Evangelist ist hier ebenfalls eher in der Rolle des Erzählers zu erleben und auch bei diesem Jesus, gesungen von Ashley Riches, wird der Leidensweg eher vermittelt. Erneut dürfen wir uns in dieser Produktion wieder über die Sopranistin Sophie Bevan freuen. Der Countertenor in dieser Produktion ist mit Robin Blaze, hervorragend besetzt. Desweiteren sind zu hören der Tenor Benjamin Hulett und der Bass Neal Davies.
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Gründung Netzwerk Musikstadt Hamburg

Die Gründungsmitglieder Clubkombinat Hamburg, Handelskammer Hamburg, Landesmusikrat Hamburg, Interessengemeinschaft Hamburger Musikwirtschaft, Netzwerk Musik von den Elbinseln, Jazzbüro Hamburg, RockCity und VUT Nord werden sich künftig regelmäßig treffen, um über Themen in der Musikstadt Hamburg zu sprechen. Gastinstitutionen, wie z.B. Tonali, die Hamburg Kreativ Gesellschaft und das Urban Music Studies Scholars Network unterstützen das Netzwerk.
So stand es in der Welt. Nachdem eklatanten Versagen der Hamburger Kulturbehörde, die Staatsoper Hamburg ist bei Erstklassig besetzten Aufführungen nur noch zur Hälfte ausverkauft, wurde es höchste Eisenbahn, das etwas geschieht, um diesem Negative Trend entgegen zu wirken. Der Verfasser setzt sich mit seinen Kritiken schon seit Jahren dafür ein, dieses Haus in dem positiven Licht dastehen zu lassen, welches ihm auf Grund erstklassiger Aufführungen gebührt. Dieser Zusammenschluß ist daher überaus begrüßenswert. Wo Behörden versagen ist Privatinitiative gefragt. Hilfe von außerhalb wurde ausdrücklich erwünscht. Daher bot der Verfasser per E-Mail vor einer Woche seine Hilfe an. Seit dem herrscht von Seiten der Handelskammer eine Sendepause.
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