Daniel Behle: Meine schönsten Weihnachtslieder (Sony)

Nach seinem Hamburg Album griff der Tenor und Komponist Daniel Behle für sein Weihnachtsalbum als musikalische Begleitung gern wieder auf der Oliver Schnyder Trio & Friends zurück. Heraus kamen einige bemerkenswerte Interpretationen bekannter deutscher Weihnachtslieder im „neueren“ musikalisches Gewand. Aufgelockert wird dieses Album durch orchestrale Eigenkompositionen von Daniel Behle. Leider nur will bei der guten Interpretation dieser Weihnachtslieder sowohl was den Gesang, wie auch die musikalische Begleitung anbelang,  beim Verfasser keine rechte Weihnachtsstimmung auf kommen, aber vielleicht ergeht es ihnen liebe Leserinnen und Leser ja anders.

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Giacomo Puccini: Tosca (Hamburgische Staatsoper 29.11.2018)

Die für diese Aufführungsserie vorgesehene Kristin Lewis, die bereits an diesem Haus als Aida vielen noch bestens in Erinnerung geblieben sein dürfte, erkrankte kurzfristig. Für sie sprang die junge amerikanische Sopranistin Adina Aaron ein, die sich am Morgen des Aufführungstages von Köln nach Hamburg aufmachte und dafür eigens die Proben zur „Macht des Schicksals“ am dortigen Opernhaus unterbrach. Auch eine Art „Schicksal“ im Leben einer Sängerin, die von dieser aparten und sehr attraktiven Künstlerin bravourös gemeistert wurde. Obwohl sie die Rolle der Tosca schon mehrfach an verschiedenen Häusern gestaltete, war es schon bewunderungswürdig, wie sicher und überzeugend sie sich in dieser Produktion, trotz zeitlich enorm begrenzter Einführung, zurechtfand, so, als wäre sie schon bei der Premiere dabei gewesen. Mit sinnlichem Timbre gestaltete sie den ersten Akt. (Es kam auch wieder der üppige Pelzmantel zum Einsatz, der von den Diven Angela Gheorghiu und Anja Harteros verschmäht wurde). Im Zweiten glühte ihre Stimme dann vor dramatischer Intensität, während sie das Vissi d’arte mit einem zauberhaften Pianissimo begann; so ergreifend hatte der Verfasser diese Arie bisher live sehr selten gehört. Im dritten Akt gab es dann wieder vokale Sinnlichkeit pur. Die eigentlich recht guten stimmlichen Leistungen des argentinischen Tenors Marcelo Puente als Cavaradossi, insbesondere auch im 2. Akt, wurde durch ein irritierendes, viel zu häufig auftretendes Vibrato geschmälert. Andrzej Dobber gestaltete einen eleganten Scarpia, wenngleich die teuflische Persönlichkeit des römischen Polizeichefs durch den enormen stimmlichen Einsatz des Sängers unterstrichen wurde.  Alexander Roslavets überzeugte als Angelotti. Shin Yeo war ein hervorragender Sagrestano. Peter Galliard und Ang Du überzeugten als Spoletta und Sciarrone. Christian Bodenburg gab den Carceriere. Der Hirte war leider, nicht zum ersten Mal, mit Ruzana Grigorian vom Stimmklang her, nicht jugendlich genug besetzt. Pier Giorgio Morandi und das Philharmonische Staatsorchester Hamburg zauberten einen hervorragenden Pucciniklang. Grandios auch der Chor der Staatsoper Hamburg.
Es ist zu hoffen, dass der Intendant des Hauses nach der Aufführung die Chance genutzt hat, Adina Aaron davon zu überzeugen, doch zukünftig häufiger in Hamburg aufzutreten. Wie wäre es als Norma, auf die nicht nur der Verfasser schon sehr lange wartet. Diese einzigartige Rolle des italienischen Opernfachs hat Frau Aaron auch schon gesungen, Anfang 2018 am Theater Wiesbaden.
Sven Godenrath, Hamburg

Veröffentlicht unter 03.07. Giacomo Puccini | Kommentar hinterlassen

Giacomo Puccini: Manon Lescaut (Hamburgische Staatsoper 29.11.2018)

Die uruguayische Sopranistin, Maria José Siri, ist dem Verfasser noch bestens als Einspringerin in einer Aida Produktion an diesem Hause in Erinnerung geblieben. Auch an diesem Abend gestaltete sie eine berührende von dramatischer Intensität stellenweise glühende Manon. Der spanisch/kanarische Tenor Jorge de Leon, den der Verfasser zuletzt an der DO- Berlin als Radames erleben durfte, war mit seinem höhensicheren, gut geführten Tenor ein Des Grieux par excellence. Es war schon beeindruckend, welche Intensität diese beiden Künstler in ihren Duetten und Ensembles stimmlich entwickelt haben: einfach grandios! Kartal Karagedik war an diesem Abend als Lescaut hervorragend besetzt worden, selten erlebte man diesen Sänger so überzeugend, bitte weiter so. Ramaz Chikviladze bestach mit seiner Interpretation des alten, schmierig anmutenden Geronte. Oleksiy Palchykov sang einen hervorragenden Edmondo. Shin Yeo überzeugte als L’Oste. Gabriele Rossmanith sang im zweiten Bild als Musico eine wundervoll ausgestaltete Arie. Dongwan Kang überzeugte als Maestro di Ballo, Hiroshi Amako gab den Lampionaio, Johann Kristinssson sang den Serganten und Ang Du gab den Comandante di Marina. Sie alle rundeten dieses homogene Ensemble bestens ab. Christoph Gedschold, den der Verfasser Ende September als Dirigent in einer fulminanten Tosca Aufführung an der Oper Leipzig erleben durfte, ist offensichtlich der geborene Puccini-Dirigent. Er und das Philharmonische Staatsorchester Hamburg sorgten für einen überaus facettenreichen, grandiosen Klangteppich. Einmal mehr zeigte sich der Chor der Staatsoper Hamburg von seiner besten Seite.
Ein spannender und dennoch berührender Abend.
Sven Godenrath, Hamburg

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Wolfgang Amadeus Mozart: Die Entführung aus dem Serail (Theater Bremen 01.12.2018)

Zweifellos firmiert Mozarts‘ Entführung als Singspiel, angesiedelt im streng hierarchisch organisierten Serail, besser gesagt, Harem, in den es Konstanze, Blonde und ihren Liebhaber Pedrillo durch den strafrechtlichen Tatbestand einer Entführung durch Piraten verschlagen hat und nun durch den Einschleicher Belmonte, Konstanzes Geliebten, befreit werden sollen. Es geht, wie eigentlich in allen Opern,  immer nur um Liebe, Treue, Eifersucht, Heldenmut, Sehnsüchte, Ängste, Begierden und Ausschweifungen, während dieses Werk aber durch eine finale Milde mit anschließender Begnadigung der „Flüchtlinge“ durch den Herrscher des Harems gekrönt wird. Eine eher naive Handlung in orientalischer Umgebung, die etwas aus der Zeit gefallen zu sein scheint, wenn da nicht Mozarts‘ geniale Musik wäre, die mitunter garnicht singspielhaft erscheint, sondern von großer dramatischer Dichte (z.B. Marternarie) geprägt ist, während die meisterhaft komponierten, humorvollen Sequenzen mit einer nie langweilig werdenden Leichtigkeit daherkommen. Hartmut Keil und die Bremer Philharmoniker wurden den musikalischen Ansprüchen vollauf gerecht und entwickelten einen Mozartklang vom Feinsten.
Die Regie von Alexander Riemenschneider wurde den Besonderheiten dieses Werkes leider nicht gerecht. Er wählte hier das inzwischen bei Regisseuren beliebte „Alter Ego“- Konzept, indem er den 2 (singenden)  Liebespaaren jeweils 2 Schauspieler/innen gegenüberstellt (Stephanie Schadeweg/Konstanze, Anna-Lena Doll/Blonde, Ferdinand Lehmann/Belmonte, Parbet Chugh/Pedrillo, welche die Rezitative sprachen und mehr oder weniger im Hintergrund agierten. Leider passte das alles nicht so recht zueinander, denn die 8 Akteure hatten nur sehr wenig Gemeinsamkeiten (die gleiche Farbe der Perücke genügt nicht) miteinander und wirkten eher wie 8 sehr unterschiedliche Figuren. Hier könnte man von einem klaren Regiefehler sprechen, denn ein solches Konzept sollte sicherstellen, dass die Originalfigur und deren Alter Ego sich ergänzen müssen; keiner erwartet, dass dies“eins zu eins“ umgesetzt wird. Leider wurde hier eine Chance vertan. Nicht unerwähnt bleiben darf die z.T. sehr ungenügende Sprechweise der schauspielernden Protagonisten. Mitunter war es viel zu hektisch und laut und aufgesetzt wirkend und passte nicht zur singenden Figur. Mal war sie zu leise, endlos langweilig und ziemlich talentfrei vorgetragen, wie die  irgendwie fehlplatziert wirkende „Traumerzählung“ durch die (sprechende) Blonde. Hier hätte die Regie eingreifen müssen. Alexander Swoboda in der Sprechrolle des Bassa Selim konnte ebenfalls nicht überzeugen und wirkte uninspiriert. Ihm fehlte eine orientalische Prägnanz und das entsprechend patriarchalische Auftreten. Der Verfasser kennt zwar den guten Ruf des Bremer (Sprech) -Theaters aber dasselbige nicht persönlich. Es ist zu hoffen, dass die Sprechleistung, die in der Entführung zu erleben war, am Hause nicht allgemein verbreitet ist . Die Bühne war von Jan Stepanek nicht schön, aber zweckmäßig eingerichtet. Es gab nicht einmal den Versuch, orientalisches „feeling“ aufkommen zu lassen. Bei den Kostümen von Emir Medic nur andeutungsweise. Am Ende mischten sich doch einige Buhs in den Beifall, die wohl der Regie galten. Zu Recht!
Wenden wir uns nun zum erfreulichen Teil des Abends. Vorweg: Gesungen wurde überwiegend auf hohem Niveu. Nerita Pokvytyté war als Konstanze eine Offenbarung, feinsinnig, voll glühender, dramatischer Intensität, selten wird diese Rolle heutzutage, insbesondere die extrem anspruchsvolle Marternarie, so großartig gesungen wie von ihr. Martina Nawrath sprang an diesem Abend für Iryna Dziashko als Blonde ein; mit viel Charme gestaltete sie ein lyrisches, teilweise auch etwas soubrettenhaftes, aber in der Konsequenz durchgehend überzeugendes Rollenporträt. Hyojong Kim war ein grandioser Belmonte, wie er seine Arien dezidiert ausgestaltete, wie er Phrasierungen zu setzen verstand, einfach umwerfend. Der junge Tenor, Joel Scott gab einen großartigen Pedrillo. Besonders berührend das kurze „Wiegenlied für seine Tochter“ im Mohrenland gefangen; hier offenbarte sich sein großes Talent. Christopf Heinrich bestach als Osmin an diesem Abend eher durch sein Aussehen und seinen freien Oberkörper im Sartyr-Kostüm (Oben Mensch und unten Ziegenbock). Gesanglich, obwohl gut gestartet, war die Stimme nicht gleichbleibend, mitunter zu dünn und hatte in der Tiefe nicht genügend Substanz und ging  daher gelegentlich etwas unter. Die Kinder wurden von Jenna Blume, Ester Gerken und Esther Kim überzeugend gespielt.
Bei der Bremer „Entführung“ hat sich wiedereinmal gezeigt, dass die musikalische Seite einen Abend rettet, wenn Regiekonzept und dessen Umsetzung in sich nicht schlüssig und überzeugend sind und dem märchenhaften (orientalischen) Charakter eines (musikalisch) so genialen Werkes zuwiderlaufen. Orchestral und gesanglich eine sehr gelungene Premiere.
Sven Godenrath, Hamburg

Veröffentlicht unter 04.02. Bremen | Kommentar hinterlassen

Georg Friedrich Händel. Messiah HWV 56 (Hamburger Musikhalle, 07.12.2018)

Matthias Mensching verstand an diesem Abend mit dem ensemble schirokko einen wundervollen, authentischen Händelklang zu zaubern. Das noch junge, preisgekrönte  Ensemble „hamburgVOKAL“ (gegründet von Matthias Mensching 2010) gelang es den verschiedenen Chorabschnitten einen individuellen Tonklang zu verleihen. Auch wenn vielleicht die eine oder andere Chorszene etwas zupackender, in der gesanglichen Ausformung“ hätte gestaltet werden können, gelang ihnen dennoch eine in sich dramaturgisch schlüssig wirkende Interpretation. Der Tenor Benedikt Kristjansson war schlichtweg phantastisch, mit seinem hellen, mühelos in der Höhe klingenden Tenor, gelang ihm eine prägnante Ausformung der Arien und Rezitative, die einfach begeisterte, eine tolle Leistung. Der Bass Andreas Heinemeyer bestach durch seine elegante, dramatisch intensive Interpretation der Rezitative und Arien. Mit wohltönender nicht übertrieben wirkender raumfüllender Stimme, war er neben dem Tenor einer der Höhepunkte des Abends. Die Sopranistin Pia Salome Bohnert, bestach durch ihren schlanken Sopran und ihre Stilsicherheit in der Ausformung der Arien. Auf der einen Seite konnte man an diesem Abend endlich einmal einen Alt, Caroliona große Darrelmann erleben, keinen hohen Mezzosopran, der solcher ausgegeben wurde, sondern einen richtigen Alt. Leider nur besaß ihre Stimme in der Tiefe keine Subtanz und ging im Raum fast unter, in der Höhe war dagegen  hörbar mehr Volumen vorhanden. In dem kurzen Duett mußte sich der Tenor sehr zurücknehmen um sie nicht komplett zuzudecken mit seiner Stimme. Ein großartiger, kurzweiliger Abend.

Veröffentlicht unter 03.18. Verschiedenes | Kommentar hinterlassen

Studiokonzert Klasse Prof. Jörn Dopfer (HfMT, 05.12.2018)

Wiedereinmal ein Abend, den man auf keinen Fall missen möchte. Bekannte und auch weniger bekannte Namen gaben sich an diesem Abend die Klinke in die Hand. Melina Meschkat , die in den letzten Jahren, was ihren gesanglichen Ausdruck anbelangt enorme Fortschritte gemacht hat, gab zu Beginn die Arie „Che Romeo figlio“ aus Charles Gounods I Capuleleti e i Montecchi ausdrucksstark, mit gutem Stimmsitz und einer guten Arien Gestaltung, leider nur war die Stimme in nicht allen Tonlagen, was die Klangentfaltung anbelangt perfekt, zum Besten. Besser gelang dann die 1. Arie des Cherubino aus Le Nozze de Figaro, obgleich ihr bei diesem, Dank eines etwas überhetzten Tempos die Chance zu einer eigenständigen Interpretation genommen wurde. Dem Ansonsten stilistisch immer 100 prozentig sicheren Pianisten Nobue Ito, wenn nur jeder Künstler sich auf einen so außergewöhnlichen Begleiter verlassen könnte, müssen hier so ein wenig die Pferde durchgegangen sein. Gewiss die Arie muß in einem flotten Tempo interpretiert werden, dennoch sollten man auch hier der Künstlerin, wie in der Magdalena Kozena Interpretation, die Chance gelassen werden eigene, persönliche Akzente zu setzen. Insbesondere dann, wenn es sich um einen Arienabend und nicht um eine Opernaufführung handelt. Dennoch eine gelungene, schwungvolle Interpretation. Die Sopranistin Esther Luise Bomhard, die sich gerade im ersten Jahr befindet, gab zu Beginn 4 Lieder aus dem spanischen Liederbuch von Hugo Wolf zum Bestem: Auch kleine Dinge …, Wer rief dich denn, Du denkst und Wie lange schon. Sie fand zu jedem dieser einzelnen Lieder einen individuellen Gesichtsausdruck, ob allerdings der Blick wie zu einer Beerdigung beim ersten Lied der passende war, lassen wir mal dahingestellt. Die Stimme besitzt eine ansprechenden Klangcharakter, die Liedauswahl war optimal und das erste Lied wurde auch ganz gut Gestaltet. Mit kecken Gesichtsausdruck ( hervorragend) ging es dann ins  zweite Lied, gesanglich glaubhaft umgesetzt und gut gestaltet. Das dritte Lied bestach durch ihre dramatische Intensität im gesanglichen Ausdruck, war allerdings stellenweise etwas überpowered. Das letzte Lied bestach dann wiederum durch ihre gute Liedgestaltung. Zudem fand sie zu jedem Lied einen individuellen Zugang, etwas was selbst etablierten Sängerinnen und Sängern nicht immer gelingt. Im Duett dann mit Yan Yan Cheng aus der Zauberflöte „Bei Männern welche Liebe fühlen“, war sie zwar von der Darstellung her charmant und überzeugend, gesanglich aber war die Stimme nicht fokussiert genug und klang leider stellenweise etwas schwammig. Yan Yan Cheng hingegen gelang eine von der Darstellung her berückende Interpretation, allein schon diese Mimik, einfach umwerfend. Gesanglich blieben dann auch keine Wünsche mehr offen. Gleiche gilt auch für die voran gegangene Interpretation der Arie des Grafen Almaviva aus Mozarts Figaro. Hervorragender Stimmsitz, adäquat ausgeformt, rhythmisch großartig und pointiert in der gesanglichen Ausformung. Hinzu kam noch eine erstklassige Bühnenpräsenz. Über eine mangelnde Bühnenpräsenz kann sich auch der darauf folgende Künstler, der Countertenor Joel Vuik nicht beklagen. Ihn zu erleben kommt fast jedesmal einer Offenbarung gleich. Auch hier wüßte der Verfasser keinen Countertenor, der die drei Arien 1,2 und 4 aus Vivaldis „Niu domino“ gesanglich besser gestalten und ausformen könnte. Grandios dieser herausragende Stimmsitz. Koloraturen werden exquisite ausgeformt und sind in den dynamischen Abstufungen kaum zu toppen; die erste Arie. Die zwei Arie bestach durch eine berührende Gestaltung. Grandios in der 4. Arie, die gefühlsmäßig, dezidierte stimmliche Gestaltung und auch hier wiederum ist diese Interpretation kaum zu toppen. Dynamischen Abstufungen gelingen schlicht weg unglaublich und die Verzierungen werden adäquat ausgeformt, zudem noch ein Crecendo, dass in der Ausformung seines gleichen sucht. Das gleiche kann man auch über seine Interpretation der Eifersuchtsarie aus Cleofilde von Hasse sagen. Auch hier wüßte der Verfasser keinen Sänger, dem die Ausformung dieser Arie bislang besser gelungen ist, bzw. besser gelingen könnte. Pointiert und akzentuiert, die Koloraturen werden ebenso wie die dramatischen Effekte deliziös ausgeformt. Unfaßbar. Sandor de Jong bestach bei der Arie Kuda Kuda zumindest schon einmal in der sprachlichen Ausführung, die dem russischen näher kam, als man es während der Eugen Onegin Aufführung über weite Strecken hören konnte. Der Charakter der Musik wurde gut herausgearbeitet und in seiner prägnanten, gefühlvollen Interpretation glaubhaft umgesetzt. Bei der Arie Mütterchen aus der verkauften Braut, war der Tenor Sandor de Jong dann voll in seinem Element. Es gibt wohl kaum einen Sänger der komödiantische Effekte so deliziös umzusetzen versteht wie er. Hier wird nichts plakativ aufgesetzt, man nimmt ihm diesen Rollencharakter voll ab. In komödiantischen Rollen ist dieser junge Sänger einfach unschlagbar. Der Bariton Pawel Putintsew besitzt eine Bühnenpräsenz die man nur schwerlich erlernen kann. Er besticht zudem auf der Bühnen durch seine positive, sympathische Ausstrahlung und versteht es  einen Charme zu entwickeln, der einen sofort für ihn ein nimmt. Er gehört zu den ganz wenigen jungen Talenten, die  mit einer großen Stimme gesegnet worden sind, etwas was heute gesucht wird und was leider nur sehr wenigen Sängern zu Gebote steht. Viele müssen forzieren bzw ihre Stimme künstlich aufblähen und werden mangels Masse in Rollen gedrängt die ihre Stimmen, da diese eher lyrisch ausgelegt sind, über kurz oder lang ruinieren. Die Liste an Beispielen hierfür ist lang. Die Stimme dieses jungen Mann strotzt gerade zu vor Gesundheit und Volumen und man meint, was die dramatische Intensität anbelangt, es gäbe hier fast keine Grenzen. Bei seiner Gestaltung der Sterbearie des Rodrigo gelangen es ihm das Publikum mit zwei wundervolle im Piano gesungenen Teilen zu berühren. Manche Übergänge vom Forte ins Mezzoforte könnten in der Ausformung  noch etwas eleganter gelöst werden und auch sein italienisch war schon einmal etwas besser gewesen. Der Pianist Nobue Ito war wiedereinmal sensationell, es gibt wohl kaum einen Pianisten der es versteht Sänger und Sängerinnen so auf Händen zu tragen wie er. Mit ihm als Begleiter kann man eigentlich gar nicht schlecht singen, dafür gibt er einem viel zu viele Möglichkeiten mit den vorhandenen stimmlichen Möglichkeiten zu glänzen. Manchmal glaubt man gar nicht das es eigentlich „nur“ ein Piano ist, was man hier hört. Hier könnte sich auch manch etablierter Liedbegleiter gut und gern eine Scheibe abschneiden.

Veröffentlicht unter 03.16. Hochschule für Musik und Theater Hamburg | Kommentar hinterlassen

Richard Wagner: Die Götterdämmerung (Hamburgische Staatsoper 25.11.2018)

Die Götterdämmerung war die erste Oper, die Richard Wagner für das Haus in Bayreuth komponierte; von der Tonbalance her exakt auf den Bayreuther Orchestergraben zugeschnitten. Das stellt nahezu jedes Opernhaus, dessen Orchestergraben nicht unter der Bühne ist, vor das große Problem: wie intensiv darf der Bläserklang sein, damit die Sänger und die Streicher nicht zugedeckt werden? Kent Nagano und das Philharmonische Staatsorchester sorgten an diesem Abend für einen exzellenten Orchesterklang; man wurde vom Orchester förmlich davongetragen, womit sich der grandiose Eindruck des Siegfried, eine Woche zuvor, fortsetzte. Der Chor, einstudiert von Eberhard Friedrich, sang auf sehr hohem Niveau. Andreas Schager gab auch an diesem Abend einen betont schelmischen, leicht verspielten Siegfried, den der Anblick von Gutrune, der zweiten Frau, die er jemals zu Gesicht bekam, förmlich aus der Fassung brachte. Dank seiner enormen stimmlichen Präsenz- er gab einfach alles mit seiner fantastischen, stimmlichen und darstellerischen Rolleninterpretation  verzieh man  ihm den kleinen Lapsus in Siegfrieds Tod „Brünnhild, heiliges Weib“ gern. Auch als sein (Theater)- Sektglas zerbrach, bevor er den Trank des Vergessens  trinken konnte, überspielte er das geschickt, indem er seine Finger elegant an die Lippen führte. Obwohl Siegfried, von allen nur benutzt, von Wotan, Mime und Hagen, um des Ringes willen erst von Fafner und später von Hagen weil er Brünnhilde, den Ring  als Liebespfand überreichte, wird bis zum Ende nie erwachsen; er bleibt immer ein verspieltes Kind und das gelingt Andreas Schager besonders überzeugend, ohne dass es aufgesetzt wirkte, zu vermitteln. Vladimir Baykov war leider kein idealer Gunther. Mit seiner leicht vordergründig anmutenden, ausladenden Stimme- im zweiten Akt bei den dramatischen Sequenzen hatte er arg zu kämpfen gehabt, die Stimme rutschte über weite Strecken aus dem Fokus – geriet vieles zu oberflächlich. Auch er war nicht ganz textsicher oder nicht ganz bei der Sache, zumindest wußte er kurz vor seinem Tod nicht mehr, dass Gutrune seine Schwester war;  stattdessen sang er sinngemäß „Brünnhild, meine Schwester“. Stephen Milling war als Hagen mit seinem wohltönenden, raumfüllenden Bass schlichtweg fantastisch, auch wenn die Stimme an einer Stelle ziemlich zum Ende etwas unterging. Lise Lindstrom wuchs an diesem Abend als Brünnhilde über sich hinaus, eine großartige stimmliche Leistung, eine hervorragende Charakterstudie mit grandios leuchtenden Spitzentönen, die mit einer Leichtigkeit gesungen wurden und einfach begeistern mussten. Allison Oakes war eine wundervolle, sehr weibliche Gutrune, die leider öfters auch mal etwas zu altbacken, bzw. mütterlich, vom Stimmklang her, besetzt wird. Claudia Mahnke war als Waltraute und 1. Norn fantastisch. Katja Pieweck bestach als 2. Norn und auch Hellen Known gelang als 3. Norn eine eindrucksvolle Rolleninterpretation; alle drei Stimmen waren bestens aufeinander abgestimmt. Werner Van Mechelen in seinem kurzen Auftritt als Alberich gelang eine bestechende Charakterstudie. Katharina Konradi als Woglinde, Ida Aldrian als Wellgunde und Ann-Beth Solvang als Flosshilde waren ebenfalls einfach großartig.
Die Bühne in dieser 8 Jahre alten Inszenierung von Claus Guth, ziert im ersten Bild eine Wohnküche, spärlich möbliert und ein kleines Schlafzimmer. Dann folgt ein zweistöckiges, sich drehendes Wohnhaus in welchem Gunthers Behausung, die spärliche Wohnküche und oben das Heim der Götter Platz fanden. Zum Ende dann geht alles in Flammen auf und wir finden uns schließlich in der Wohnküche des ersten Bildes wieder; Siegfried steht am Fenster und Brünnhilde wankt hinein, will ihn erreichen, geht jedoch zu Boden, während sich Siegfried umdreht und das  ganze Szene emotionslos beobachtet. Der Vorhang fällt. Ein großartiger Abend, am liebsten würde man alles noch einmal von vorn hören.
Sven Godenrath, Hamburg
Veröffentlicht unter 03.12. Richard Wagner | Kommentar hinterlassen