Georg Philipp Telemann: Die dicken Wolken scheiden sich – Festmusik für Altona – (CPO)

Das Barockwerk Hamburg, unter der Leitung von Ira Hochmann, ist schon seit einigen Jahren aus der Hamburger Kulturszene kaum noch wegzudenken, dank ihres unermüdlichen Einsatzes für die Barockmusik und ihre Komponisten. Immer wieder werden hier Werke ausgegraben, die bei vielen schon in Vergessenheit geraten sind. Die Kantate „Die dicken Wolken scheiden sich“ wurde im August 2014, die Ode auf König Friedrich V von Dänemark „Nunc auspicato sidere“ im August 2015 mitgeschnitten. Die Interpretation durch  das Barockwerk Hamburg unter ihrer Dirigentin Ira Hochmann ist phantastisch: ein großartiger, spannender Telemannklang wird hier zelebriert. Den ersten Sopran in beiden Kantaten singt die für diese Musik herausragende Interpretin Hanna Zumsande; eine runde Sopranstimme mit einem wunderbaren, eigenständigen Stimmbre und einer hervorragenden Koloraturtechnik. Sana Bulatova singt den zweiten Sopran. Mirko Ludwigs‘ Tenor ist vom Klangcharakter her, für diese Art der Musik geradezu prädestiniert. Er singt die erste Tenorarie „Ja wohl, vom Herrn“ wunderbar in der Ausformung und Gestaltung. Rolf Grobes dunkler, eleganter Bass besticht in den Solo- und Ensembleszenen. Genevieve Tschumis heller Mezzo ist einfach umwerfend. Alan Harari’s Stimme (Altus) besitzt ein geradezu betörendes Stimmtimbre. Julian Rhode (Tenor)  und Rainer Mesecke (Bass) runden dieses homogene Emsemble pefekt ab. Eine CD, die nicht nur Freunde geistlicher Musik begeistern wird. Wegen Dirigat und Hanna Zumsande ein absolutes Muss für jede Sammlung.
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Jacques Offenbach: Les Contes D’Hoffmann; Covent Garden 2016 (DVD, Sony)

Der Radiomitschnitt lag schon seit längerem vor; jetzt folgte endlich die langersehnte DVD. Diese überaus klassische Inszenierung ist immerhin schon 36 alt bekannt. Aus dieser Zeit (1981) liegt die legendäre Einspielung auf DVD vor, mit George Pretre am Pult und der Luxusbesetzng: Placido Domingo, Luciana Serra, Agnes Baltsa und Ileana Cotrubas.
Bei dieser Produktion von 2016 hat man das Gefühl, als ob man dieses Ausnahmewerk bisher selten so gelungen erlebt hat. Diese DVD kann der Verfasser mit Fug und Recht als Sternstunde in Sachen „Hoffmanns Erzählungen“ einordnen. Natürlich ist Vittorio Grigolo kein zweiter Nicolai Gedda, Alfredo Kraus oder Leopold Simoneau; muss er auch nicht, denn dieser, vom Verfasser über eine gewisse Zeit unterschätzte, italienische Tenor hat mit seiner Interpretation dieser sehr anspruchsvollen Rolle einen eigenen Maßstab gesetzt. Heute ist dieser Künstler gesangstechnisch so weit, dass die Stimme nicht mehr ihn, sondern er seine Stimme beherrscht und somit mit dem größtmöglichen Effekt und ohne aufgesetzte Effekthascherei eine beeindruckende Leistung abliefert und heute wohl von keinem anderen Tenor so geboten werden kann. Ein berührendes, ergreifendes, mitreißendes Rollenporträt, wunderschön gesungen und umwerfend dargestellt. Sofia Fomina als Olympia ist gesanglich großartig; mit ihren perlenden Koloraturen eine Gesangsdarstellerin par excellence. Christine Rice ist eine verführerische Giulietta, Kate Lindsey ist als Nicklausse und Muse mit ihrem gurrenden Sexappeal in der Stimme ebenfalls grandios. So ergreifend wie Sonya Yoncheva, hat der Verfasser seit Victoria de los Angeles schon lange keine Antonia um ihr Leben singend erlebt. Vincent Ordonneau ist als Andres/Cochenille, Pittichinaccio und Frantz einfach genial. Thomas Hampson besticht einzig und allein in der Rolle des Lindorf; in allen anderen Rollen als Coppelius, Deppartutto und Miracle ist er leider fehlbesetzt. Der Stimme fehlt bei aller noch vorhandenen Schönheit das Dämonische, das einzig beim Dr. Miracle ansatzweise durchklingt und selbst dort wirkt es leider aufgesetzt. In weiteren Rollen bestechen Christophe Mortagne als Spalanzani, Eric Halverson als Crespel, David Junghoon Kim als Nathanael, Charles Rice als Hermann, Yuriy Yurchuk als Schlemil, Jeremy White als Luther und Olga Sabadoch als Stella. Der Chor und das Orchestra of the Royal Opera House Covent Garden, unter der Leitung von Evelino Pido, sind schlichtweg fantastisch. Ein grandioser, kurzweiliger Operabend ist hier garantiert.
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Edvard Grieg Songs – Siri Karoline Thornhill,Sopran; Reinhild Mees, Klavier – (ARS, Note 1)

Mag auch das CD-Cover ein wenig altbacken ausgefallen sein; der Gesang der norwegisch-englischen Sopranistin ist es wirklich nicht. Ihre Stimme ist, vom Grundton her, dunkel gefärbt, warm und überaus verführerisch. Ihr gelingt es, die Lieder von Edvard Grieg, die sie in deutsch und norwegisch interpretiert, interessant und mitreißend und sehr differenziert zu gestalten; zudem wird sie von Reinhild Mees hervorragend am Klavier begleitet. Es ist zu hören, dass beide Künstlerinnen sich die Lieder Stück für Stück sorgfältig erarbeitet haben und sind bestens aufeinander abgestimmt. Reinhild Mees weiß genau, wieviel Raum sie Siri Karoline Thornhill für eine optimale Liedinterpretation geben muß. Eine Lieder CD, die begeistert.
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Sokolov – Wolfgang A. Mozart, Sergei Rachmaninov (DG)

Das Mahler Chamber Orchestra, unter der Leitung von Trevor Pinnock, zelebriert einen berückenden Mozartklang. Grigory Sokolov, die Aufnahme stammt aus dem Mozarteum in Salzburg vom 30.01.2005, wird mit perlenden Trillern und einem verinnerlichten Spiel, dieser Musik auf hervorragende Art und Weise gerecht. Tiefgang und eine gehörige Portion Innenspannung, lassen dieses Klavierkonzert No 23 in a-major, K. 488 zu einem ganz besonderen Erlebnis werden. Schön, dass sich DG entschieden hat, diesen Mitschnitt einem größeren Publikum zugänglich zu machen. Waren die Übergänge bei Mozart sehr flüssig, so wirken diese bei Rachmaninov teilweise ein wenig separierter. Der Anschlag des Pianisten ist weniger weich. Bei diesem 3. Klavierkonzert klingt das BBC Philharmonic unter der Leitung von Yan Pacal Tortelier weicher, harmonischer, während es unter Trevor Pinnock bei Mozart fordernder, etwas aufbrausender, mitreißender klingt.  Hier geht die Dramatik und das vorwärtsdrängende Tempo in erster Linie von Grigory Sokolov aus. Auch hier erleben wir eine großartige Werkausdeutung.  Der Pianist versteht es meisterhaft, die unterschiedlichen klangcharakteristischen Eigenheiten beider Komponisten exzellent herauszuarbeiten. Als besondere Zugabe erwartet den Musikliebhaber noch eine DVD: „A Conversation that never was“ mit zahlreichen Musikbeispielen.
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Nina Kotova – Cello, Fabio Bidini – Klavier: Rachmaninov, Prokofiev Cello Sonatas (Warner)

Mit einem etwas strengen, aber verführerischem  Blick, tiefem, schlanken Dekoltée und ihr Instrument lässig umschlungen, möchte uns die russische Cellistin, Nina Kotova dazu auffordern, ihre CD zu erwerben. Nun könnte man auf den ersten Blick denken, wieder so eine Schöne, die auf dem Markt äußerlicher Eitelkeiten uns dazu ermutigen will, ihrer weniger ausgeprägten musikalischen Begabung uns bedingungslos folgend machen zu wollen, frei nach dem Motto: Das Auge „isst“ mit. Nein, es wird schnell deutlich, dass diese Künstlerin nicht mit oberflächlich wirkendem Schönklang verwöhnen will, sondern mit Tiefgang und beeindruckender Ausdeutung der Werke. Die Sonaten werden angeregt durch einen weniger weichen Bogenstrich und teilweise auch einen eher rauer anmutenden Celloklang differenziert und interessant ausgeformt. Beiden gelingt es, sowohl bei der Sonate für Cello und Klavier op. 19 von Rachmaninov, als auch bei der Sonate für Cello und Klavier op. 119 von Prokofiev, die unterschiedlichen, charakteristischen Merkmale beider Komponisten spannend herauszuarbeiten. Abgerundet wird das ganze dann noch mit der Romance Nr. 5 und der Meditation Nr. 5 von Tschaikovsky. Ein gelungenes Programm, das trefflich umgesetzt wird.
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Aksiom (LAWO)

Ganz offen gestanden: diese CD hat den Verfasser nach dem Hören ein wenig ratlos zurückgelassen.  Die Kompositionen von Johan Svensson: Shiver (1983), Lisa Streich: Papirosn (1985), Oyvind Meland: Etude Ralentissante (1985) und Martin Rane Bauck: Misantropi IIIB (1988) entsprechen einem modernen Klangbild, wie es der Verfasser in dieser Form bisher noch nicht zu Gehör bekommen hat. Die CD klingt in sich geschlossen; die Musik ist interessant und aufrüttelnd. Die erste Komposition wird vom Klangspektrum her, wie das Rumoren eines Poltergeistes umschrieben; ein wenig unheimlich. Der Verfasser fühlt sich an die Klänge in einer Fabrikhalle erinnert. In der zweiten Komposition stehen  die Instrumente Gitarre, Flöte, Klavier und Glocke im Vordergrund. Doch auch hier ist der Mix der unterschiedlichen Töne vor allem auf einen disharmonischen Klang ausgerichtet. In der dritten Komposition hört man, wie eine weibliche Stimme unbestimmte Laute artikuliert, begleitet von einem Vibraphon und einer Flöte. Auch hier ist der Klangcharakter disharmonisch. In der letzten Komposition stehen sich Klänge, die an das Streichen über eine Violine erinnern und denen einer Gitarre und eines Pianos und eines Sandsackes gegenüber. Auch hier erinnert die Musik an Geräusche, die man z. T. auch in einer Lagerhalle antreffen könnte. Abschließend kann der Verfasser nur vermerken: gelangweilt hat er sich beim Hören der CD nicht. Wer offen ist für neue, ungewohnte Klangmalereien und Klangexperimente in der modernen, klassischen Musik, wird sich bei dieser CD neue Klangwelten erschließen können.
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Richard Wagner: Parsifal ; Bayreuth 2016 (DVD, Universal)

Der Weltraum, unendliche Weiten…… Wir schreiben das Jahr 2016 und befinden uns visuell mitten auf dem grünen Hügel im Bayreuther Festspielhaus, dem irdischen Zentrum aller Wagnerianer und werfen zum Vorspiel einen intensiven Blick in den Weltraum und sehen Planeten, Sonnen und Gestirne an uns vorbeiziehen und das ganze bei einem opulenten Orchesterklang, wenn auch nach Meinung des Verfassers in etwas zu raschem Tempo (wegweisend für ihn sind Knappertsbusch‘ späte Aufnahmen und Goodall). Im ersten Akt scheint es, dass es uns  zu den Passionsfestspielen nach Oberammergau verschlagen hat; irritierenderweise allerdings unter dem „Schutz“ martialisch bewaffneter Antiterror-Einheiten, worauf heutige Regisseure wohl nicht verzichten können, wie z.B. bei der aktuellen „Tosca“ in Lübeck. Im zweiten Aufzug befinden wir uns dann im einem Hotelfoyer, in welchem uns augenscheinlich Mata Hari willlkommen heißt. Im dritten Akt finden wir uns dann in einer Art Zitadelle, in einem idyllischen Waldstück gelegen wieder, zumindest wird zu Beginn dieses Aufzuges auf dem Vorhang, idyllisches Grün offeriert. Am liebsten würde man der stöhnenden Kundry noch die Worte der Marschallin aus dem Rosenkavalier in den Mund legen:“Jetzt haben Sie ein altes Weib aus mit gemacht“, da  ein weniger modisches Kopftuch  ihr Haupt ziert.
Der Klang des Festspielorchesters, unter der Leitung des kurzfristig vor der Premiere 2016 eingesprungenen Dirigenten Hartmut Haenchen, ist opulent, bezwingend und über weite Strecken mitreißend
Die Besetzung läßt nur wenige Wünsche offen. Georg Zeppenfeld ist etwas zu lyrisch für den Gurnemanz, gestaltet die Partie aber beeindruckend. Ryan McKinnay überzeugt als Amfortas. Karl-Heinz Lechner hören wir als Titurel. Mag Klaus Florian Vogt auf Tonträgern immer etwas weniger vorteilhaft wegkommen, als wenn man ihn in einem Opernhaus erlebt; hier ist die Stimme überaus präsent und wird auch vom dramatischen Ausdruck her, der Rolle des Titelhelden vollauf gerecht. Elena Pankratova ist eine hinreißende, bezwingende und auch vom Stimmklang her, überaus verführerische Kundry, selbst wenn die Stimme in manchen dramatischen Passagen etwas schrill zu werden droht. Gerd Grochowski ist ein, vom Stimmklang her, eher grober Klingsor. Tansel Akzeybek und Timo Riihonen als Gralsritter, Alexandra Steiner, Mareike Morr, Charles Kim und Stefen Heibach als Knappen, sowie Anna Siminska, Katharina Persicke, Mareike Morr, Alexandra Steiner, Bele Kumberger und Ingeborg Gillebo als Blumenmädchen und Wiebke Lehmkuhl als Stimme aus der Höhe, runden dieses in sich homogene Ensemble treffich ab. Hervorzuheben wäre da noch der grandiose Chor, wie immer, beeindruckend vorbereitet von Eberhard Friedrich.
Gesamtbetrachtet beschert diese Produktion einen kurzweiligen, insbesondere musikalisch mitreißenden Abend, bei Verzicht auf alle Zutaten früherer, klassischer Inszenierungen dieses außergewöhnlichen Werkes, oder gerade deswegen.
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