Paul Abraham: Märchen im Grandhotel (Hamburgische Staatsoper, 16.09.2020)

Zwischen überzeugendem Lustspiel- wie von den Librettisten konzipiert- und Klamauk gibt es einen sehr schmalen Grad, der in dieser Neuinszenierung an der Staatsoper unter Coronabedingungen sich in Richtung einer klamaukigen Posse entwickelte. Grund war sicherlich die schwache Geschichte und trotz einer heute modern gewordenen Skripshow, Personen sicher selber spielen zu lassen, mit einem altmodischen Schluß und vor allen Dingen die allzu schlicht ausgefallene Regie von Sascha-Alexander Todtner mit einer Personenführung, die auch keine Slapstickeinlagen -auch pantomimischer Natur- alter Berliner Revuen oder Holywoodfilmen der B- oder C Kategorie ausliess, frei nach dem Motto „Es geht immer noch billiger“. Mit dazu beigetragen hat das Bühnenbild von Christoph Fischer mit einer in Altrosa und Lila gehaltenen, angedeuteten Hotellobby, die sich vor dem großen, schwarzen Bühnenhintergrund „verlor“. Man hätte auch eine Hüpfburg auf der Bühne dekorativ platzieren können. Das Resultat wäre das Gleiche geblieben. Hatte es doch das Theater Lübeck mit Abrahams „Ball im Savoy“, (der Verfasser berichtete) vorgemacht, wie man es richtig machen sollte und Operette als aktuelles Sujet eng mit dem heutigen Zeitgeist verknüpft; so ging man in Hamburg leider einen anderen Weg, der nicht überzeugen konnte. Der Inhalt ist schnell erzählt: Verarmte spanische Infantin nebst Gefolge steigt im Grand-Hotel ab. Filmproduzententochter aus Holywood sucht Drehort mit echten royalen Darstellern, die sich selbst soapartig spielen sollen. Sohn des Hotelbesitzers nähert sich der Infantin als Kellner und entbrennt in Liebe. Keine Chance, denn er ist  nicht von Adel und wird abgewiesen. Da ein Happyend her muss, wird der Liebende von einem Baron adoptiert und wird dadurch adelig. Ende gut, alles gut“. So einfach kann das Leben sein, zumindest in der Operette!
Das 1934 in Wien uraufgeführte Werk von Abraham verfügt nicht über den Melodienreichtum seiner sehr bekannten Operetten wie „Victoria und ihr Husar“, „Blume von Hawaii“oder „Ball im Savoy“.  Keine Melodie bleibt so richtig im Gedächtnis haften. Statt der im Programm angekündigten  Jazzelemente, auf die man vergeblich wartete, gab es etliche Anlehnungen an den amerikanischen Swing; eine Musikform, die in Deutschland zwischen den Jahren 1930-1938 sich auch in Operetten großer Beliebtheit erfreute. In Amerika hingegen, wohin Paul Abraham ins Exil gehen musste, setzte man bei Operetten eher auf Walzerseligkeit. Fairerweise muss gesagt werden, dass die farbige Orchestrierung der Musik Abrahams erst durch ein sinfonisches Orchester zum Klingen gebracht werden kann. Coronabedingt erklangen in Hamburg nur 2 Klaviere und ein Schlagzeug was doch arg wenig war und die einzelnen Stücke ziemlich gleichförmig und eingeebnet klangen. Für den nötigen Schwung sorgten am Klavier Georgiy Dubco (auch musikalische Leitung) und Johannes Harneit (auch Arrangement) und Peter Hofbauer am Schlagzeug.
Großartig- wie immer- war sowohl gesanglich wie auch darstellerisch Narea Son mit ihrem umwerfenden Charme, als Infantin Isabella. Ebenfalls mithalten konnte Ida Aldrian als Marylou. Darstellerisch etwas eindimensional, dafür gesanglich um so überzeugender Nicholas Mogg als Albert – Großfürst Paul – Dr. Joshua Dryser. Peter Galliard hatte als Prinz Andreas Stephan – Barry, leichte Startschwierigkeiten, fing sich dann aber ganz schnell wieder. Martin Summer beeindruckte als Sam Mackintosh – Präsident Chamoix. Die Boys, Hiroshi Amako, Seungwoo Simon Yang  ( 1.Preisträger des diesjährigen Mozartpreiswettbewerbes – der Verfasser berichtete) –  und seit diesem Jahr Mitglied des internationalen Opernstudios und David Minseok Kang und Hubert Kowalczyk – machten durch viel Spielfreude und einer großartigen Engfürung der Stimmen auf sich aufmerksam.
Sven Godenrath, Hamburg

Über godenrath

Opernexperte
Dieser Beitrag wurde unter 01. Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s