Giuseppe Verdi: Falstaff (Hamburgische Staatsoper: 19.01.2020)

Ein ganz beseelt genießender Falstaff sitzt vor einem englischen Wirtshaus mit dem hintergründigen Namen – in deutscher Übersetzung – “ Zum Wildschweinkopf “ und schlürft zahlreiche Austern, mit viel Champagner heruntergespielt, um sich für seine bevorstehenden amourösen Abenteuer in der Windsor’schen Damenwelt zu stärken- von „Weibern“, deren entsprechende Bezeichnung bei Shakespeare wohl noch üblich war, soll hier verzichtet werden. Dass die Avancen des fülligen Falstaff allesamt in „die Hose gehen“ und an den Rachegelüsten der Damen scheitern ist allseits bekannt, wobei nicht Themse-Wasser Falstaff’s Gefühlswelt abkühlt, sondern boshafterweise nach Kloake aussehendes Abwasser der Schänke. Trotz aller Missgeschicke kommt der eitle Titelheld im Finale zur Einsicht: „Alles ist Spass auf Erden. Der Mensch ist ein geborener Tor“- wie zutreffend und äußerst aktuell! Ein Werk voll mit hintergründigem Witz, spritzigen und amourös gespickten Ensembleszenen und auch Sequenzen, bei denen einem das Lachen förmlich im Halse stecken bleibt. Das wäre eigentlich die Stunde des spanischen Regisseurs Calixto Bieito (Jhrg. 1963) gewesen, aber leider ist ihm nur eine nicht immer „lustige“ Inszenierung gelungen, die mitunter schon eher etwas bieder anmutete. Wo war der Bieito, der sonst so prall und provokant Regie betreibt? Verdrehte Welt: bekommt er sonst seine Buhrufe aus den letztgenannten Gründen, stellten diese sich am Schluss der Premiere ein, wohl wegen der zwar schön- konventionell, aber arg harmlos geratenen Regie. Buhs und Bravos hielten sich aber die Waage. Das Bühnenbild von Susanne Gschwender war sehr gelungen und bestand aus einem großen, sich drehendem Wirtshaus, das im Laufe von zwei Akten nahezu komplett in seine Einzelteile zerlegt wird, so wie es der Titelheld erleidet, indem sich sein aufgeblasenes, gockelhaftes Ego am Ende auf eine ganz menschliche Erkenntnis reduziert- nämlich auf die mit den „Narren“.
Mit dem italienischen Bariton Ambrogio Maestri ist zweifellos die bestmögliche Besetzung der Rolle des Falstaff gelungen. Mit seiner raumgreifenden Erscheinung und gewaltigen Stimme ist er der Falstaff schlechthin und das weltweit! Er bringt also alle Voraussetzungen mit, den Titelhelden grandios zu gestalten und das ist ihm wunderbar gelungen. Diesem Ausnahmesänger stehen alle stimmlichen Mittel zur Verfügung, vom auftrumpfenden Forte bis zu feinsinnigen Nuancen. Eine fulminante Darbietung! Die Ensembleszenen waren musikalisch schön; die Stimmen harmonierten gut miteinander aber es kam nicht so richtig Spannung auf. Vieles wirkte gehetzt und die „lustigen Damen“ eher etwas unterkühlt. Die Verfolgungsjagd mit Fenton, als dieser in Nannettas Bett entdeckt wird und sich in eine gelbe Recyclingtonne flüchtet,wirkte doch etwas aufgesetzt. Nadezhda Karyazina als Mrs. Quickly war mit ihrem dunklen, sinnlichen, betörenden Mezzo- fast schon Altklang, eine Offenbarung, einfach fantastisch. Maija Kovalevska als Alice Ford war dann leider das genaue Gegenteil; eher biedere Hausfrau, die es, so suggeriert sie es jedenfalls, es noch einmal wissen will, hier hätte mehr Sexappeal hineingehört, gesanglich war sie solide bis gut. Elbenita Kajtazi war als Nannetta mit ihrer bezaubernden Arie im 3 Akt grandios; selten hörte man diese Arie so feinsinnig und gefühlvoll ausziseliert. Ida Aldrian war als Mrs. Meg Page ebenfalls hervorragend. Orchidee Brömme überzeugte darstellerisch als Wirtin, die wortlos und eher gelangweilt dem turbulenten Geschehen entgegenwirkte. Markus Brück war stimmlich und darstellerisch ein hervorragender Ford und Oleksiy Palchykov als Fenton überzeugte nicht nur in seiner kurz anliegenden Shorts mit freiem Oberkörper, sondern gab auch gesanglich ein feinsinnig gestaltetes Rollenporträt. Jürgen Sacher als Dr. Cajus, Tigran Martirossian als Pistola und Daniel Kluge als Bardolfo gestalteten ihre kleinen Rollen routiniert. Der großartige Chor des Hauses war in diesem Werk etwas unterbeschäftigt aber sehr präsent. Der Dirigent des Abends, Axel Kober und das Philharmonische Staatsorchester ließen sich in den ersten zwei Akten so einige Chancen entgehen, das Publikum bei Laune zu halten. Stellenweise war der Orchesterklang nicht intensiv und spritzig genug. Erst im dritten Akt wurde es dann langsam ausdrucksstärker. Die Abschlussfuge geriet dann aber leider wieder etwas weniger inspiriert, als zum prickelnden Sahnehäubchen werden zu lassen. Schade, hier hätte mehr drin sein können; vielleicht gelingt das in den nächsten Aufführungen. Dank eines in jeder Hinsicht überragenden  Ambrogio Maestri in der Titelrolle und einiger sehr schön gelungener Gesangsleistungen im Ensemble reagierte das Premierenpublikum begeistert, trotz einiger Buhs für die Regie.                                            Sven Godenrath, Hamburg

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Opernexperte
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