Bühne frei – Ensemblekonzert zugunsten der Deutschen Muskelschwundhilfe e. V. (Hamburgische Staatsoper; 30.11.2019)

Vorweg:

„Bühne frei“ (in Hamburg könnte man auch sagen: „Leinen los“) ist seit immerhin 30 Jahren das Format, in dem im Rahmen einer fachkundigen und unterhaltsamen Moderation Ensemblemitglieder des Hauses vorgestellt werden. Die bisher sehr erfolgreiche Veranstaltung gibt den Sängerinnen und Sängern, die ja den verlässlichen Kern eines Opernhauses umfassen, die Gelegenheit, sich zu präsentieren und zwar überwiegend mit Arien und Ensembles aus dem Repertoire des Hauses und Stücken, die das jeweilige Talent besonders betonen. Davon scheint sich die Staatsoper mit der diesjährigen Veranstaltung ein ganzes Stück weit entfernt zu haben. Ausschnitte aus Opern? Mit Ausnahme von Humperdincks „Abendsegen“: Fehlanzeige! Dafür durften die Protagonisten mehr oder weniger aufregende Weihnachtslieder präsentieren, professionell am Klavier begleitet. Ein singender Schauspieler (und gleichzeitig Moderator) gab etwas aus seinem Repertoire, bestehend aus Pop und Unterhaltung zum Besten, begleitet von seiner 3-köpfigen Band, die nun wirklich nicht zum angestammten, singenden Ensemble des Hauses gehören. Letzteres technisch verstärkt, was man auf einer Opernbühne eigentlich nicht erwartet.

Besagter Sänger und Moderator war der als Schauspieler überaus begabte Gustav Peter Wöhler (dem Verfasser noch aus „7 Tangostunden in 7 Tagen“ mit Monika Bleibtreu am St.Pauli Theater in bester Erinnerung). Seine eher begrenzten, gesanglichen Leistungen werden unten stehend etwas näher beschrieben; hier geht es nur um seine unzulängliche und egozentrische Moderation. Herr Wöhler steckte in einem schlecht sitzenden Smoking, kaschiert durch einen noch schlimmer aussehenden, roten Weihnachtsmannmantel (dieser sollte übrigens zum „running Gag“ inklusive einiger minimalistischer Tanzeinlagen dieser Veranstaltung werden).  Der nächste faux pas passierte, als Herr Wöhler nicht einmal den genauen Namen des Vereins erinnerte, für den an diesem Abend gespendet wurde. Bei der ersten Sängerin wußte er zumindest noch, aus welchem Land sie stammte, das Herkunftsland des Komponisten – William Bolcom – hingegen nicht. (hätte man vorher recherchieren können). Dann war er nicht in der Lage, den Namen des wohl prominentesten Operntenors (Dovlet Nurgeldiyev) der Hamburgischen Staatsoper fehlerfrei auszusprechen, welches er mit einem Kommentar abtat den der Verfasser als überaus  peinlich und grenzwertig! empfand( Der  Verfasser wäre am liebsten im Erdboden versunken). Die „Talkshow-Einlagen“ auf plüschigen Polstermöbeln mit den Protagonisten nach ihren Darbietungen liefen nach dem Muster ab: Wo kommen Sie her? Wie lange sind sie am Haus? Wie wird man Kammersänger? Das ist zu wenig und nicht sehr originell. Die Verteilung der unter dem Klavier gestapelten, bunt verpackten Weihnachtsgeschenke verlief nur stockend, da einige abtretende Solisten zurückgerufen werden mussten, um die Präsente, zu übergeben. Es wäre schön, wenn nächstes Jahr wieder eine fachkundige Moderation mit dem im Vordergrund stehen würde, was die jungen Künstler am besten können, Opernarien zum besten geben.

Zum Konzert:

Den Abend eröffnete die Mezzosopranistin Kady Evanyshyn mit „Amor“ des US- amerikanischen Komponisten William Bolcom aus seinen Cabaret Songs. Sie sang es charmant, setzte humoristische Akzente, traf gekonnt den jazzigen Klangcharakter dieser Komposition und fügte noch eine „come all your faithful“ Einlage hinzu. Es folgte eines von drei Liedern, die Gustav Peter Wöhler, warum auch immer, an diesem Abend zum Besten geben durfte. Ob es sich jetzt um Drive von den Cars, Message in a bottle von Sting oder Love is a verb ( zum Ende mit dem ganzen Ensemble ) von John Mayer handelt, ein Stück, das übrigens zum Ende noch einmal für alle zum Mitklatschen und Mitsingen als Zugabe dargeboten wurde, wurden von Herrn Wöhler auf die gleiche, kurzatmige und etwas abgehackt wirkende Interpretationsweise gesungen. Gesangsphrasen schwangen zum Ende nicht aus, sondern wurden abrupt abgebrochen… Es folgte von Cesar Franck „Panis angelicus“, gesungen von Dovlet Nurgeldiyev und Alexey Bogdanchikov. Letzterem gelang eher eine weniger gefühlvolle Interpretation, ganz im Gegensatz zu Dovlet Nurgeldiyev, der dieses Lied  gefühlvoll und feinsinnig ausziselierte.  Dann kam der erste Höhepunkt des Abend. Elbenita Kajtazi sang von Avni Mula „Agimet Shqioptaré, mit einem berührenden, feinsinnigen Beginn. Sie setzte geschickt dramatische Akzente, einmal mehr eine hervorragende Leistung. Es folgten Ida Aldrian, Renata Springler und Jürgen Sacher mit „Wer klopfet an?“ Während Jürgen Sacher den polternden Gasthofbesitzer gab, der keinen reinlassen wollte, brachten Ida Aldrian und Renata Springler ihren ganzen gesanglichen Charme auf, um doch hineingelassen zu werden, vergeblich. Jana Kurucova (traumhaftes Stimmtimbre) sang dann eine berückende Version von „Minuit chretiens“ von Adolphe Adam, der zweite Höhepunkt des Abends: grandios; man ist schon gespannt darauf, wie sie ihre Rollen zukünftig am Hause singen wird. Der Tenor, Peter Galliard, leider schon stimmlich hörbar in die Jahre gekommen, sang und jodelte sich geschmackvoll durch „Am Himmel stoht es Sternli z’Nacht“ von Artur Beul, einem schweizerischen Weihnachtslied. Dann der Abendsegen aus Hänsel und Gretel, gesungen von Elbenita Kajtazi und Renate Springler, wunderschön ausziseliert mit einer tollen Engführung der Stimmen. Ida Aldrian gab dann noch eine einfühlsame Interpretation, mit einer berückenden Höhe und nuancierten Ausformung des „Mariä Wiegenlied“ von Max Reger. Kurz vor Schluss sang dann der Bass Hubert Kowalczyk noch „Knecht Ruprecht goes to New York“ von Max Reger/Michael Bublé und Rupert Burleigh. Es fängt düster an und wird dann immer wieder durch heitere Passagen seitens des Pianisten unterbrochen, bis wir dann bei „Santa Claus is coming to town“ gelandet sind, wobei es sowohl Hubert Kowalczyk, sowie auch dem gefühlvoll am Klavier durch den Abend begleitenden Rupert Burleigh gelingt, die humoristischen Aspekte dieses Liedes bravourös herauszuarbeiten. Gesanglich ein kurzweiliger und zum Teil auch sehr schöner Abend, von der Moderation her, ein absolutes Desaster. Bitte nie wieder auf diesem inakzeptablen Niveau.

Sven Godenrath, Hamburg

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Opernexperte
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