Wolfgang A. Mozart: Don Giovanni (Theater Bremen, 14.11.2019)

Obgleich die Bremer Philharmoniker unter der Leitung von Hartmut Keil gleich zu Beginn bemüht waren, einen ausbalancierten Mozartklang zu entwickeln, gestaltete sich die Ouvertüre doch etwas langatmig, was sich leider auch durch den ganzen Abend hinzog. Das Bühnenbild: der kleine Auszug einer Straße, über welche die Protagonisten unbeholfen stolperten und ein nahegelegenes Beet in welchem sich nach Freuden gesuhlt wurde, mit einem großen Loch, aus welchem der tote Komtur, á la „Eine verhängnisvolle Affäre“ immer wieder hinauslugte, machten das ganze Erscheinungsbild der Aufführung auch nicht besser. Nicht wenige Textpassagen wurden ad absurdum geführt. Um einem falschen Eindruck vorzubeugen: Der Verfasser hält Mozarts‘ Don Giovanni für eine der schönsten und wertvollsten Opern und kennt das Werk aus zahlreichen Live-Aufführungen, DVDs‘ und anderweitigen Theater-Mitschnitten: Diese Bremer Produktion hat eine große Ratlosigkeit hinterlassen. Die Regie der sonst gelobten Tatjana Gürbeca wird diesem Ausnahmewerk in keiner Weise gerecht. Birger Radde in der Titelrolle machte weder durch sein Erscheinungsbild in Unterwäsche noch gesanglich eine gute Figur. Er klang eher derb und weniger charmant. Vom großen Verführer keine Spur.  Christoph Heinrich als Leporello machte zwar in Unterwäsche eine weitaus bessere Figur, hatte mitunter aber einige Intonationsschwächen. Mima Millo als Donna Anna (die Don Ottavio ihren Slip in den Mund schob) und Patricia Andress (Donna Elvira) zickten und keiften sich leider auch eher uncharmant durch ihre Rollen. Hyohjong Kim war als Don Ottavio allerdings grandios und er bestach durch eine feinsinnige Rollenausdeutung und gefühlvolle Phrasierung; ein Mozarttenor par excellence. KeEun Kim war als Zerlina ebenfalls feinsinnig und gestaltete ein Rollenporträt voller Charme und Anmut, eine großartige Leistung. Stephen Clark war mit seinem warmen, vollen, elegantem Baritonklang ein großartiger Masetto. Loren Lang gab einen Komtur, dem es in der Schlussszene leider ein wenig an Durchschlagskraft mangelte. Zahlreiche Schüler, die die Reihe des Verfassers teilten, waren trotz einiger Lacher weniger angetan und schliefen kurz vor Schluss fast ein, wurden dann aber durch einen schrillen, uncharmanten Ton der Donna Elvira im 2 Akt unsanft geweckt. Andere Besucher kamen schon nach der Pause nicht mehr wieder. Da der Verfasser weiß, was dieses Haus leisten kann und in den letzten Jahren geleistet hat, einschließlich der kürzlichen, sensationellen Alcina müßten sich die Verantwortlichen hier fragen lassen, was sie veranlasst hat, eine derartig possenhafte, mit zweitklassigem Humor gewürzte, unzureichende Inszenierung ins Programm zu nehmen, in der das musikalische und gesangliche Niveau- bis auf die genannten, wohltuenden Ausnahmen, diesem grandiosen Werk nicht gerecht wurde. Schade: eine verpasste Chance.                                         Sven Godenrath, Hamburg

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Opernexperte
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