Wilhelm Fürtwängler: complete recording DG (Universal)

Endlich ist es soweit, Universal hat einen der größten Schätze aus ihrem Archive gehoben. Viele Jahren mußten wir darauf warten, jetzt ist es endlich soweit, die kompleten Aufnahmen eines Giganten am Dirigentenpult sind in einer Box zugänglich. Nachdem schon vor etlichen Jahren auf LP, Furtwängler das Vermächtnis  veröffentlicht wurde, wurden jetzt in bester Tonqualität diese Meilensteine der Musikinterpretation erneut Veröffentlicht. Der Verfasser wird hier einige Höhepunkt aus der Box herausgreifen und besprechen. Allen voran aus seinen frühen Jahren sticht insbesondere der Trauermarsch aus Wagners Götterdämmerung mit den Berliner Philharmonikern hervor. Schlichtweg ergreifend, wie es ihn hier, wie keinem zweiten gelingt die Innenspannung von der ersten bis zur  letzten Note aufrecht zu erhalten. So eine grandiose Interpretation hat man schon lange nicht mehr gehört. Dann Mozarts Kleine Nachtmusik, mit so einem energischen Streicherklang erlebt man dieses Werk leider auch eher seltener, was bei anderen eher unbedarft im Schönklang dahinplätschert, wird hier in einer aufrüttelnden Manier von den Berliner Philharmoniker grandios ausgedeutet. Wilhelm Furtwängler zählte zu den wenigen Dirigenten die gegen Hitler waren, aber dennoch in Deutschland blieb und zahlreichen Menschen die unter seiner Ägide zu leiden hatten half. Etwas was leider heute immer noch viel zu wenig zur Kenntnis genommen werden will, ist wahrscheinlich unpopulär. In einem Livemitschnitt aus dieser Zeit mit den Berliner Philharmonikern wird seine Sichtweise auf Bruckner 5. Sinfonie dokumentiert, die einem auch heute noch atemlos macht. Grandios diese Energie, diese Innenspannung, diese dramatische Intensität, die einen von der ersten bis zur letzten Note auf die Stuhlkante befördert. Mit Edwin Fischer und dem Berliner Philharmonikern brachte er aus dieser Zeit das 2. Klavierkonzert von Johannes Brahms zur Aufführung. Eine wegweisende, düster anmutende Interpretation, voller dramatischer Intensität und ergreifender Passion, ein weiterer Meilenstein in der Interpretationsgeschichte dieses Werkes. Das Klavierkonzert von Robert Schumann hätte auch den Untertitel „Treffen der Giganten“ tragen können, denn an diesem Abend trafen Wilhelm Furtwängler und Walter Gieseking (der während der Kriegsjahre im Berliner Rundfunk die wohl grandioseste Mondscheinsonate einspielte, bei M+A erschienen, die es gibt) zusammen und legten eine Interpretation dieses Klavierkonzertes vor, wie man es sich ergreifender Interpretiert wohl kaum wünschen, geschweige denn vorstellen kann. Von gleicher ergreifender Qualität ist das Cellokonzert von Robert Schumann mit Tibor de Machula (einem Künstler, dem heute wohl kaum noch jemand zu kennen scheint, zu unrecht wie diese bewegende Interpretation beweist). Selten erlebt man Mozart mit einem solch dramatischen Entré, wie in dieser 39. Sinfonie Interpretation mit den Berliner Philharmonikern und Wilhelm Furtwängler. Berührend und ergreifend dann auf der gleichen CD Schuberts 9. Sinfonie mit einer grandiosen dramatischen Intensität, leider fällt heute nach einem dramatischen Entré die Spannungskurve bei vielen Dirigenten innerhalb weniger Sekunden gnadenlos in sich zusammen. Nicht so bei Wilhelm Furtwängler, hier ist und wird man von der ersten bis zur letzten Sekunden hin- und mitgerissen. Mit einer außergewöhnlichen Sensibilität und einer dennoch grandios aufgebauten und durchgehaltenen Innenspannung hören wir Beethovens 4. Klavierkonzert mit Conrad Hansen, einem heutzutage zu unrecht unterschätzten und totgeschwiegenen Pianisten. Und dann Beethovens 7. Sinfonie mit einer 2. Satz, bei dem man am liebsten auf die Knie fallen möchte, so grandiose und bewegend wurde dieser Satz äußerst selten jemals wieder interpretiert. Von einer eher melancholischen Heiterkeit geprägt, wahrscheinlich der Zeit geschuldet in der dieses Konzert stattfand, hören wir mit den Berliner Philharmonikern von Richard Strauss Till Eulenspiegels lustige Streiche. Zu den ebenfalls zu Unrecht heute in Vergessenheit geratenen Künstler, zählt Erich Röhn, der mit Wilhelm Furtwängler eine mitreißende Interpretation des Violinenkonzertes von Ludwig van Beethoven vorlegte, feinsinnig und gefühlvoll ausziseliert. Auch der Mitschnitt einer 9. Sinfonie von Anton Bruckner, muß die Zuhörer förmlich in die Knie gezwungen haben, ergreifend und spannungsgeladen wie keine zweite Interpretation, eine dramatische Intensität, das man fürchten müßte gleich stürzt der Konzertsaal in sich zusammen. Gleiches gilt auch für Furtwänglers Interpretation der 8. Sinfonie von Anton Bruckner. Die beiden einzigen Dirigenten die dieses jemals wieder erreichen konnten waren Hans Knappertsbusch und Sergiu Celebidache, unverständlich das  später die Entscheidung für eine Nachfolge auf Herbert von Karajan fiel, der selbst in seinen besten Jahren, noch weit entfernt von einer diesbezüglichen Interpretatorischen Tiefe, geschweige denn dramatischen Intensität war. Nach den Livemitschnitten aus den Konzertsaal kommen wir jetzt zu seinen Radiokonzerten. Hier stechen unter anderen seine von einem melancholisch berührenden Tonfall geprägte Interpretation der Metamorphosen von Richard Strauss heraus und seine Interpretation der Symphonische Metamorphosen von Paul Hindemith, einem Komponisten der heut zu tage leider viel zu selten aufgeführt wird, in Hamburg gab es zuletzt Mathis der Maler, aber das liegt auch schon einige Jahre zurück. Mit einem gefühlvollen, ergreifenden Entré, steigen die Berliner Philharmoniker unter Wilhelm Furtwängler in Bruckners 7. Sinfonie ein, selten erlebt man diesen Beginn so berührend und gefühlvoll und dennoch mit soviel Innenspannung ausziseliert. Wenn es jemand verstanden hat den Begriff „Pathetique“ bei Tschaikovskys 6. Sinfonie treffend ohne überflüssiges Gehabe berührend und ergreifend herauszuarbeiten, dann war es Wilhelm Furtwänlger, diese Interpretation setzt Maßstäbe. Abschließend die Nachkriegsaufnahmen, die Wilhelm Furtwängler mit den Berliner Philharmonikern für die Deutsche Gramophone gemacht hat. Allen voran muß hier seine voller dramatischer Intensität bebende Interpretation der 9. Sinfonie von Franz Schubert erwähnt werden, die auch in den zarteren, romantischen Passagen nie ihre Innenspannung verliert, sondern einem beinahe atemlos lauschen läßt. Auch wenn sein Rang als Dirigenten jenen als Komponisten in den Schatten stellt, auch weil sein Kompositionsstil schon damals als etwas antiquiert galt, so sollte man seine 2. Sinfonie doch kennen, da diese einige geniale musikalische Einfälle enthält. Auch in seinen Nachkriegskonzerten verlor Wilhelm Furtwängler nichts an seiner bezwingenden, musikdramatischen Intensität, wie auch hier der 2. Satz aus Beethoven 7. beweist, berührend, ergreifend, schlichtweg genial und nahezu unerreicht. Auch ein späterer Livemitschnitt des Violinenkonzertes von Ludwig van Beethoven mit Wolfgang Schneiderhan (leider auch zu unrecht fast in Vergessenheit geraten), besitzt jene bezwingende Intensität, die von der ersten bis zur letzten Note begeistert. Als Bonus gibt noch  eine DVD mit einer Don Giovanni Interpretation die ihres gleiches sucht, mit Cesare Siepi als Don Giovanni, Dezsö Ernster als Commendatore, Elisabeth Grümmer als Donna Anna, Lisa della Casa als Donna Elvira, Anton Dermota als Don Ottavio, Otto Edelmann als Leporello, Erna Berger als Zerlina und Walter Berry als Masetto, eine unerreichbare Interpretation, mit den Wiener Philharmonikern (die zum größten Teil noch von den Ruf leben, den sie sich damals erspielt haben, ohne ihn über weite Strecken, Ausnahmen bestätigen die Regel, in den letzten Jahren auch nur annähernd erreicht zu haben). Wilhelm Furtwängler, und diese Box führt es einen umso schmerzlicher immer wieder vor Augen, war ein unerreichbares Unikat, dessen musikalische Unbedingtheit in der Interpretation nur von Sergiu Celebidache jemals wieder erreicht wurde.

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