Bel Canto unterm Sternenhimmel (Hospital zum Heiligen Geist in Hamburg; 23.10.2019)

Das Hospital zum Heiligen Geist, wo das Leben auch im fortgeschrittenen Alter noch Lebensqualität bietet, auch wenn man mobil etwas eingeschränkt ist, bietet immer wieder in deren Festsaal Veranstaltungen vielfältiger Art. An diesem Abend wurden, wie schon des öfteren, junge Studenten der HfMT Hamburg eingeladen, um einen musikalisch anspruchsvollem Abend auf höchstem Niveau zu zelebrieren. Durch den Abend führte die charmante und bestens vorbereitete Mariana Popova, die demnächst in der Hamburgischen Staatsoper wieder in Schumanns Liebeswalzern am Klavier zu erleben sein wird. Auch an diesem Abend wurde die jungen Studenten sowohl einfühlsam, als auch wie auf Händen am Klavier, von ihr durch diesen Abend getragen. Eine Qualität, die der Verfasser leider nicht immer erlebte. An diesem Abend sangen die Mezzosopranistin Merlind C. Pohl, die Sopranistin Aditi Smeets und der Tenor Simon Yang. Leider schien die Mezzosopranistin Merlind C. Pohl an diesem Abend leicht indisponiert gewesen zu sein, denn der Verfasser hatte sie schon um eine Klasse besser erleben dürfen, z. B. bei einer noch gar nicht solange zurückliegenden Interpretation von Händelarien. Sie begann den Abend mit der Arie des Prinzen Orlovsky „Ich lade gern mir Gäste ein,“ der es ein wenig an Eloquenz fehlte, etwas was ihren Gesang sonst immer ausgezeichnet hatte und sie von anderen abhob.  Auch in der Arie „Vopi che sapete“, der Arie des Cherubino, gelangen ihr nicht alle Töne so, wie es der Verfasser sonst von ihr gewohnt ist. Großartig hingegen ihre Interpretation von „Wer hat dies Liedlein erdacht“ von Gustav Mahler aus des Knaben Wunderhorn, prägnante Textausformung, herrlich in den dynamischen Abstufungen, rhythmisch gut umgesetzt und auch mit der nötigen Eloquenz in der Textausdeutung, eine bezwingende Interpretation. Im 2. Teil sang sie dann von Johannes Brahms „Gestillte Sehnsucht“, gefühlvoll und feinsinnig ausgeformt, mit schönen Pianopassagen. Auch das darauffolgende „Geistliche Wiegenlied“ gelang mit einer schönen, gefühlvoll ausziselierten Höhe, nach Gustav Mahler einer ihrer besten Interpretationen an diesem Abend. Begleitet wurde sie hier nicht nur von Mariana Popova am Klavier, sondern auch von Aaren Aning an der Bratsche, die an diesem Abend wohl leider auch nicht ihren besten Tag gehabt hatte, denn der Verfasser hatte sie zuletzt während eines Konzertes des Klasse von Boris Faust schon bezwingender erleben dürfen. Abschließend sang Merlind C. Pohl dann mit der Sopranistin Aditi Smeets aus Engelbert Humperdincks Hänsel und Gretel „Suse, liebe Suse, was raschelt im Stroh“. Das Duett wurde voller Lebensfreude, mit hervorragend herausgearbeiteten humoristischen Passagen großartig umgesetzt. Aditi Smeets bestach mit ihrem einzigartigen, natürlichen Charme und ihrer silbrig glänzenden Stimme, die virtuoseren Passagen wurden bravourös ausgearbeitet. Eine phantastische Interpretation, die man auch auf Tonträgern nicht besser serviert bekommt. Abschließend dann der „Abendsegen“, berührend, feinsinnig ausgeformt, die Engführung der Stimmen wollte zu Beginn der Arie besser gelingen als später zum Ende hin. Diese betörend schöne Komposition wurde dann noch einmal als Zugabe gegeben und es lag nicht nur am Kniefall, sondern auch an der stimmlichen Umsetzung, dass es das zweite mal noch ergreifender gelingen wollte. Auch hier harmonierten die Stimmen in der Engführung zu Beginn besser als zum Ende hin und dennoch eine bravouröse Leistung, die Ihnen andere Sängerinnen auf diesem Niveau erst einmal nach machen müssen. Als zweites sang die holländische  Sopranistin Aditi Smeets aus Le Nozze de Figaro „Giunse alfin. Deh vieni“, der mit ihrer silbrig schimmernden Stimme und ihrem natürlichen Charme eine umwerfende Interpretation glückte. Pausen wurde geschickt gesetzt, dann dieses berührende Stimmtimbre, diese zauberischen Piani, einfach phantastisch, diese Arie hört man auch Tonträgern selten berührender, geschweige denn auf einem ähnlichen Niveau. Von Hans Pftzner, vom dem in Hamburg zuletzt Palestrina zu hören war, folgte „Sonst“. Bezwingend,  wie es ihr gelang ihren Charme in ihren Stimmklang einzubetten, um ihn von dort aus spielen lassen zu können. Zudem war sie meisterhaft in den dynamischen Abstufungen, dezidiert in der rhythmischen Textinterpretation, sie sang traumhafte Piani, die Lacher waren im Takt und dann schließlich, wie es ihr gelang den dramatischen Passagen dieses Lieder einen besonders ergreifenden Stimmklang zu geben, dieses ist ganz große Kunst. Grandios, wie sie abschließend den  Bogen zum humoristisch anmutenden Ende elegant zu schlagen verstand, phänomenal. Es folgte von Robert Schumann „Unterm Fenster“ im Duett mit dem Tenor Simon Yang. Grandios wie beide die humoristischen Aspekte dieses Liedes herausgearbeitet haben, beide waren hervorragend aufeinander eingespielt, hier wirkte nichts aufgesetzt, sondern alles wahrhaftig empfunden, etwas was leider auch prominenteren Sängern nicht immer glücken will. Zum Ende des 1. Teil sangen beide dann aus der lustigen Witwe „Lippen schweigen“, feinsinnig ausziseliert, trafen exakt den richtigen Tonfall, dann dieser umwerfende Charme und die im Takt vollzogene kleine Tanzpassage, wo sogar er hin und wieder mal führte. Der Verfasser hat dieses an dieser Stelle schon öfters geschrieben und wird es auch wieder tun, genauso und nicht anders muß Operette gesungen werden, mit einer Leichtigkeit in der Stimme und dennoch musikalisch auf höchstem Niveau, feinsinnig ausziseliert und vor allem mit Tiefgang. Im zweiten Teil sang sie dann von Max Reger „Maria Wiegenlied“ feinsinnig ausziseliert, mit traumhaften Pianopassagen, einfach zum dahin schmelzen. Es folgte „Madonna-Kindje“ von Catharina van Renner, eine Komposition, die sie während ihres letzten Prüfungskonzertes als Zugabe gesungen hatte. Auch an diesem Abend glückte ihr eine berührende, feinsinnige Interpretation, mit einer dezidierten Textausdeutung, grandios. Kommen wir jetzt zu dem Tenor Simon Yang, er begann mit der Arie „Fra poco a me ricovero“ aus Lucia di Lammermoor. Mit seinem umwerfenden Charme gelang es ihm das Publikum innerhalb von wenigen Minuten im Sturm zu erobern. Ihm glückte eine gefühlvolle, feinsinnige, mit sinnlichen Schmelz garnierte Interpretation, die auch durch die geschickt gesetzten dramatischen Akzente auf Anhieb begeisterte. Die Arie wurde hervorragend gestaltet, perfekt in der Gliederung, hier kamen Erinnerungen an Carlo Bergonzi und Alfredo Kraus auf, mit dieser Arieninterpretation sollte ihm eigentlich für diese Rolle jedes Opernhaus mit Kusshand nehmen. Auch Herr Sandoval in Bremen hat diese Arie nicht besser gesungen. Bei seiner Interpretation von „Ein Traum“ von Edvard Grieg, mußte der Verfasser sofort an die Interpretation von Jussi Björling denken, dem er was das Interpretatorische Niveau bei diesem Lied in nichts nach stand. Sinnlich ausziselierte Pianopassagen und bezwingend auch in den dramatischeren Passagen, eine grandiose Interpretation, mit viel natürlichem Schmelz, einfach zum dahin schmelzen. Bei „Du bist meine Sonne“ aus Giuditta, gab es wohl kaum eine Dame im Saal, die sich nicht gewünscht hätte, sie wäre in diesem Moment gemeint, eine meisterhafte, feinsinnige, zu Herzen gehende Interpretation, nur so kann man Operette heute noch glaubwürdig verkaufen. Zum Abschluß sang er dann zwei Lieder von Richard Strauss, einem Komponisten, den man als Sänger eigentlich erst mit Anfang bis Mitte 40 singen sollte, weil es hier einer Stimme mit Lebenserfahrung bedarf und dennoch ging die Rechnung voll auf. „Allerseelen“ wurde elegant und feinsinnig ausziseliert, mit traumhaften, berührenden Pianopassagen. Bei „Die Georgine“ gelang ihm eine feinsinnige, gefühlvolle Interpretation, mit einer dezidierten Textausdeutung und einem bezaubernden Schmelz. Ein Abend den man so schnell nicht vergessen wird und von dem man hofft, dass noch viele folgen werden.

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