Darius Milhaud: Christophe Colomb / Lübecker Erstaufführung (Theater Lübeck; 18.10.2019)

Es ist schon erstaunlich- gerade auch im Vergleich mit anderen, üppiger ausgestatteten Häusern- wie mutig die Opernabteilung des Theaters Lübeck bei der Entscheidung ist, auch äußerst selten gespielte, eigentlich für das breite Publikum völlig unbekannte Werke ins Programm zu nehmen und, wie bei Milhaud´s Christophe Colomb wieder einen Volltreffer zu landen. In dieser, 1930 in Berlin unter der Leitung von Erich Kleiber in deutscher Sprache uraufgeführte Oper, geht es nicht nur um eine Darstellung des Lebens dieses großen spanischen Eroberers, sondern auch um seine Verbindung zum  Königshaus, der katholischen Kirche und seine Verstrickung in Grausamkeiten beim Aufprall von extrem unterschiedlichen Kulturen bei seinen Eroberungen: Columbus, der Erfolgreiche aber auch ein Täter?  Das Libretto basiert auf einer Erzählung des französischen Dichters Paul Claudel. Das ganze Geschehen wird überaus mystisch und symbolträchtig vermischt und in 27 Bildern erzählt. Sehr expressiv in der Sprechrolle: Merten Schroether. (1956 kam es zu einer konzertanten Aufführung einer 2. Fassung in Paris – CD Mitschnitt liegt vor – und 1968 zu einer szenischen Produktion in Graz.) Lübeck entschied sich für die deutsche Fassung.
Obwohl die Realisierung dieser ca. 2-stündigen Oper zahlreiche Solisten erfordert, sind noch mehr Rollen zu besetzen, sodass einige Protagonisten in diversen Rollen zu erleben sind, kann dieses Werk überraschenderweise als Choroper bezeichnet werden. Der Chor und Extrachor des Theaters Lübeck setzte seinen umfangreichen Part phänomenal um. Eine grandiose Leistung, die hier ganz besonders hervorgehoben werden soll. (Leitung: Jan Michael Krüger) Die Personenführung durch die grandiose Regie von Milo Pablo Momm und choreographisch  unterstützt von Jessica Nupen ist besonders zu würdigen, und kam nicht nur den Solisten, sondern auch dem Chor enorm zu Gute.
Andreas Wolf und das Philharmonische Orchester der Hansestadt Lübeck sorgten einmal mehr für einen phänomenalen, mitreißenden Klangteppich. Die Musik ist durchaus klassisch, aber schon mit modernen Elementen vermischt und stellenweise sehr rhythmisch. Allerdings sollte man auch nicht verschweigen, dass die von Darius Milhaud (1892 – 1974) gewollten, gesprochenen Textpassagen, gerade im ersten Teil für die Innenspannung dieses Werkes mitunter eher etwas kontraproduktiv waren.
Gesanglich blieben kaum Wünsche offen. Insbesondere Daniel Jenz, der für diese Produktion an das Haus an der Trave als Gast zurückgekehrt ist, war auch in der Rolle des Teufels (er sang auch noch weitere Rollen) einfach grandios und stellte gesanglich und darstellerisch alles in den Schatten: eine grandiose, in dieser Form wohl nicht zu toppende Leistung. Dagegen blieb im Vergleich, trotz einer guten musikalischen Interpretation Johan Hyunbong Choi als Christophe Colomb, leider etwas blaß. Auffallend war sein häufig eingesetzter Sprechgesang, der seine Stimme nicht so richtig zum Klingen brachte. Im 2. Teil klang er zusehends „freier“. Evmorfia Metaxaki, es mag der eher modernen Klangsprache geschuldet sein, hatte leider einige Schärfen in ihrer ansonsten eher rund geführten Stimme als dahinsiechende Königin Isabella. Gerard Quinn gab einen überzeugenden Christoph Kolumbus II, Abgesandter der Matrosen und Offizier. Hojong Song. Beomseok Choi und der für den erkrankten Juhwan Cho vom Blatt singende Stefan Stoll (szenisch dargestellt von Jessica Nupen) interpretierten ihre Rollen überzeugend. In weiteren Rollen glänzten Zachary Wilson, Mario Klein, Daniel Schliewa, Tim Stolte, Minhong An, Angela Shin, Milena Juhl, Claire Austin und Tomasz Mysliwiec. Erika Hoppe sorgte für ein sehr schönes und flexibel einzusetzendes Bühnenbild. Unterstützt wurde dies von Sebastian Helminger, der für die Kostüme verantwortlich war. Für die, das Geschehen begleitende Videoszenen sorgte Martin Lechner. Bleibt noch nachzutragen, dass der Komponist sein Werk ausdrücklich von Elementen des Kinos begleiten lassen wollte, das in der Entstehungszeit seines Werkes seinen Aufschwung nahm.
Insgesamt ein grandioser Abend und beachtlicher Erfolg des Theaters Lübeck.
Sven Godenrath, Hamburg

Über godenrath

Opernexperte
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