Richard Strauss: Der Rosenkavallier; Saison Eröffnung 2019/2020 (Theater Bremen; 20.09.2019)

Zur diesjährigen Saisoneröffnung 2019/2020 hat sich das Theater Bremen etwas Besonderes einfallen lassen: Richard Strauss` Rosenkavalier, allerdings auf eine Art Operntorso reduziert, nämlich auf 7 handelnde Personen, die für das Vorantreiben des Geschehens von Bedeutung sind. Alle anderen Rollen wurden ersatzlos gestrichen, was allerdings auch zu ein paar Ungereimtheiten führte. Da der Friseur fehlt, ist der Satz, „jetzt haben Sie eine alte Frau aus mir gemacht“ sinnlos geworden. Auch der Dialog mit dem kleinen Mohren, der Octavian die Rose hinterher tragen soll, damit diese Sophie erreicht, wird zu einem sinnlosen Monolog. Im ersten Akt fällt die gesamte Ensembleszene mit dem Tierhändler und den drei Waisen (inklusive des herrlichen Satzes: Wir sind da) dem Strich zum Opfer. Im dritten Akt mutiert die Wirtshausszene zu einem privaten Stelldichein zu Zweit, ohne Wirt, Kinder, Kutscher und Hausknecht. Stattdessen übernimmt der Sänger / Tenor die eine oder andere Rolle vertretungsweise.Trotz der zahlreichen Striche blieben immer noch (netto) ca.3 Std plus 2 Pausen übrig. Durch die zusammengestrichene Handlung entwickelt sich ein vollkommen neuer Spannungsbogen, der vom Regisseur, Frank Hilbrich genutzt wurde, für eine gelungene, fast schon ungewöhnlich pointierte Charakterisierung der Hauptfiguren, z.B. des Ochs von Lerchenau zu sorgen. Fernab vom Wiener Schmäh und Plüsch, wurde bei der Premiere ein Klangteppich serviert, der stellenweise sogar veristische Züge aufwies. Trotz eines etwas zu stürmischen Beginns gelang es Yoel Gamzou und den Bremer Philharmonikern eine grandiose, stellenweise geradezu eruptive Klangentfaltung, die fast schon jede Wagneroper in den Schatten stellen könnte, dabei hatte Strauss nach seiner Salome (1905) und Elektra (1909) eigentlich vor, nach der Grenzerprobung zur Atonalität und höchster Dramatik eine klassische, sozialkritische, Wiener Komödie schreiben zu wollen. In der Interpretation von Yoel Gamzou zeigte sich aber, dass auch der Rosenkavalier über sonst kaum hörbare, höchst dramatische Sequenzen verfügt, besonders im 2. und stellenweise im 3. Akt. Eine tolle Leistung von Orchester und Dirigat.  Nadine Lehner als Marschallin verkörperte eine eher bürgerliche Adelige, die stellenweise eher dramatisch ,denn elegant aufzutrumpfen verstand. Eine etwas andere Marschallin, als jene, die man etwa von Lotte Lehmann, Elisabeth Schwarzkopf, Lisa della Casa oder auch Kiri Te Kanawa, die diese Rolle eher in der Pose der Grande Dame verkörperten, im Ohr hat. Nadine Lehner bietet ein eher jugendlich intensives Rollenporträt, das zu 100 Prozent aufgeht. Gesanglich und darstellerisch eine grandiose Leistung. Nathalie Mittelbach war als Octavian voll in ihrem Element; eine grandiose, mitreißende, fesselnde Interpretation, wie man sie auf diesem hohen, gesanglichen Niveau leider nicht immer geboten bekommt; eine ihrer besten, bezwingendsten Leistungen. Die in Hamburg von Michael Tucker ausgebildete Sopranistin Nerita Pokvytyte, die auch schon als Lucia begeisterte, gab eine Sophie, die zwar stellenweise etwas mit der deutschen Sprache haderte, aber dennoch mit ihrer Stimme begeistern konnte. Patrick Zielke verstand es mal als polternder, mal als verführerisch „gurrender“ Baron Ochs auf Lerchenau das Bremer Publikum zu begeistern. Einen derartig vielschichtigen Ochs, der mit enormem stimmlichen und körperlichem Einsatz agiert, bekommt man auch nicht immer geboten. Grandios! Christian-Andreas  Engelhardt war als Herr von Faninal gesanglich voll in seinem Element, eine gute Leistung. Daniel Ratchev überzeugte als Polizeikommissar, Luis Olivares Sandoval begeisterte als Sänger und Hippolyte. Jokob von Borries gab den Leopold. Das Bühnenbild (Sebastian Hannak – Bühne) bestand aus vier, ineinander sich zum Bühnenhintergrund hin teleskopartig verschiebbare „Kästchen“, die im auseinandergezogen Zustand 5 Spielebenen freigaben. Grandios einfach, aber sehr gelungen. Die Kostüme (Gabriele Rupprecht) waren stellenweise schlicht, stellenweise modern; gerade beim letzten Auftritt der Marschallin im 3 Akt hätte man mehr daraus machen können. Im ersten Akt hingegen zeigte sich die Marschallin zum überwiegenden Teil in einer gut sitzenden Unterwäschekollektion einer nicht näher erwähnten Marke. Ein insgesamt sehr ungewöhnlicher Rosenkavalier der besonderen Art, sowohl musikalisch wie szenisch. Ein überaus beeindruckender Abend.                                  Sven Godenrath, Hamburg

 

Über godenrath

Opernexperte
Dieser Beitrag wurde unter 05.02. Bremen veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s