Giuseppe Verdi: Nabucco (Hamburgische Staatsoper 22.09.2019)

Das Musikalische:

Es war ein grandioser Abend, die Wiederaufnahme einer Neuinszenierung dieser frühen Verdi-Oper, sowohl von der szenischen Umsetzung her (einfach grandios; ein ganz großer Wurf), wie auch gesanglich. Liudmyla Monastyrska war als Abigaille schlichtweg sensationell, mit ihrer explosiven Höhe und ihrer dramatischen Intensität gibt es wohl momentan keine Sängerin die ihr in dieser Rolle auch nur annähernd das Wasser reichen kann. Zudem verstand sie es auch in den lyrischeren Passagen zu überzeugen. Dimitri Platanias als Nabucco – die eine oder andere mimische Entgleisung muss er sich bei Donald Trump abgeschaut haben- gelang eine grandiose stimmliche und darstellerische Leistung, sowohl in den lyrischen, wie auch in den dramatischen Passagen. Tigran Martirossian war als Zaccaria um einiges besser als in seinen letzten Rollen, überzeugend sowohl in den dramatischen, sowie auch in den lyrischeren Sequenzen. Nadezhda Karyazina stand in den dramatischeren Passagen als Fenena ihrer „Konkurrentin“ Liudmyla Monastyrska wenige nach, vom dramatischen Gesangsausdruck her eine großartige Leistung.  Martin Summer überzeugte durch seine gesangliche Gestaltung des Oberpriesters des Baal. Dovlet Nurgeldiyev, der Startenor der Hamburgischen Staatsoper, sang einen Ismaele, bei dem keine Wünsche offen blieben. Eine herausragende Rolleninterpretation; hört man auch auf Tonträgern nicht besser. Desweiteren traten noch Hiroshi Amako  als Abdallo und Na’ama Shulman als Anna in Erscheinung. Vor dem Vorhang sorgte dann der aus Syrien stammende, 2015 nach Deutschland gekommene, studierte Musiker, Abed Harsony auf seiner Oud über das Thema Heimat und Krieg für ergreifende Gesangseinlagen und Hana Alkourbah, die ebenfalls aus Syrien floh und 2014 nach Hamburg kam, setzte das Thema „Der Weg“ gesanglich um. Das Orchester unter der Leitung von Paolo Carignani unterbreitete eine phänomenalen Klangteppich, der von der ersten bis zur letzten Note begeisterte. Das gleiche galt für den Chor der Staatsoper Hamburg.

 

Zur Inszenierung:

Die Staatsoper hat sich erneut mit diesem Werk eines der größten und bekanntesten Flüchtlingsdramen der Opernliteratur, (nach Moses in Egitto von Rossini) angenommen und dies vom russischen Regisseur Kirill Serebrennnikov  in Szene setzen lassen (Regie, Bühnenbild, Kostüme). Aktueller geht es kaum. In Verdis‘ Freiheitsoper, die, ähnlich wie heute, in Zeiten großer politischer Wirren, Krieg, Unfreiheit und großen Flüchtlingsströmen vor etwa 180 Jahren entstand, geht es um das besetzte Jerusalem in vorchristlicher Zeit, um Vertreibung ins babylonische Exil, um Kampf um Glauben und Freiheit des jüdischen Volkes und um Machtgier des Babylonierkönigs Nabucco nach gottgleicher Herrschaft, von seiner eigenen Tochter Abigaille durchkreuzt und streitig gemacht. Nabucco endet im Wahnsinn –  in der aktuellen Inszenierung ist es ein Schlaganfall -. Höhepunkt ist die Klage der Juden an den Wassern Babylons nach Freiheit. Der Hohepriester der Hebräer spendet Trost und verheißt eine bessere Zukunft, die sich nach einigen Wirrungen mit der Heimkehr des jüdischen Volkes in ihre Heimat auf Weisung Nabuccos‘ offenbart. Die Regie verlegt diese hochaktuelle Handlung in einen Sitzungssaal der Vereinten Nationen in New York. Stellvertretend für die originalen Akteure der Oper Verdis‘ werden sie auf Akteure der heutigen Zeit übertragen und bekommen dadurch eine verblüffend echte Realität. Heutige Geschehnisse von Unterdrückung, Gewalt, Folter, politischer Ohnmacht, Machtmissbrauch und großer Flüchtlingsströme werden eindrucksvoll durch hochaktuelle visuelle Einspielungen (Fotos von Sergey Ponomarev) und Regiedetails höchst eindrucksvoll und bewegend dargestellt. Die Protagonisten heißen hier : Nabucco Donosso (*1960) errang 2018 mit „Assyria First“ einen historischen Wahlsieg für die Partie „Einiges Syrien“, Abigaille Donosso (*1978) erstgeborene Tochter aus erster Ehe, leitet die Jugendorganisation „Einiges Syrien“, Fenena Donossso (*1980) Lieblingstochter aus 2. Ehe, verfolgt eine Politik der vorsichtigen Annäherung an die EU, Zaccaria Badavi (*1976), ist außen- und menschenrechtspolitischer Sprecher seiner Fraktion. Ismael Sedecia (* 1977) und Anna Badavi (*1995) haben zwei von drei stimmberechtigten Sitzen der ständigen Vertretung des Gelobten Landes im Sicherheitsrat. Immer wieder wurde man über ein Schriftband über aktuelle politische Neuigkeiten informiert. Im ersten Akt soll bei den Vereinten Nationen eine Mehrheit in Bezug die weltweite Flüchtlingskrise erzielt werden. Zaccaria ist für eine gewaltfreie, integrationsfreundliche Linie und hofft dass er mit dem  vorliegenden, belastenden Material über Fenena seine Gegner in Schach halten kann. Nabucco fährt einen Kurs nationaler Abschottung und Gewalt,  in dem er internationale Verträge und Institutionen missachtet und ordnet die Internierung aller Flüchtlinge an.  Als Fenena im zweiten Akt die internierten Flüchtlinge aus den Lagern entlässt und Nabucco erfährt, das Fenena sich seinem politischen Gegner angeschlossen hat, erleidet er einen Schlaganfall. Abigaille ergreift ihre Chance und nimmt die  Krone der Macht an sich. Nabucco wird genötigt, ein Dokument zu unterzeichnen das die Vernichtung aller heimatlosen Internierten anordnet, und somit auch den Tod Fenenas, da sie die Tochter einer Sklavin ist. Als Nabucco von der Inhaftierung Fenenas erfährt, bietet er den Gott Zaccarias`  um Vergebung. Als Fenena und Ismail Nabucco am Krankenlager besuchen, ordnet dieser die Freilassung aller Geflüchteten an. Abigaille hat sich in der Zwischenzeit vergiftet.  Kirill Serebrennikow, und der Co-Regie gelingt – und das auch noch ohne persönliche Anwesenheit aus seinem Moskauer Hausarrest – ein Resultat von bewegender Eindringlichkeit. Die syrischen Freiheitslieder der Musiker Hana Alkourbah – Gesang, und Abed Harsony – Gesang und Oud  zu den Themen „Heimat“, „Der Weg“, „Krieg“, und „Leere Städte“ (instrumental), die während der Übergänge vor heruntergelassenem Vorhang gesungen werden, wurden durch eindringliche, ergreifende Bilder begleitet. Auch an diesem Abend mangelte wohl wieder einigen Besuchern an der nötigen sittlichen Reife.  Die Wiederholung des Gefangenenchores durch einen Pojektchor, bestehend aus den Menschen um die an diesem Abend ging, Flüchtlinge, unter ihnen beispielsweise Elssayed Mohammed Ali mittlerweile fast 18, der mit 13 Jahren aus Ägypten floh und Shiragha Osmani, der mittlerweile 20 -jährige kam vor dreieinhalb Jahren aus Afghanistan, unterstrichen noch einmal die Kernaussage dieses Werkes. Wer kann das Gefühl einer, verlassenen Heimat und die Suche nach einem neuen Zuhause, Kernthemen dieses Werkes, glaubwürdiger und ergreifender vermitteln als jene, die Krieg, Verfolgung und Flucht selbst erlebt haben.  Großartig! Ein grandioser Wurf des Hauses und daher auch zurecht als Operninszenierung des Jahre 2019 ausgezeichnet. 

Sven Godenrath, Hamburg

Über godenrath

Opernexperte
Dieser Beitrag wurde unter V.01. Giuseppe Verdi veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s