Dmitri Schostakowitsch: Die Nase ( Hamburgische Staatsoper, 07.09.2019)

Nachdem die letzte Saison in der Opera Stabile mit einer Oper des russischen Komponisten Dmitri  Schostakowitsch (1906 – 1975) ausklang, wurde die neue Saison im großen Haus mit seiner Oper DIE NASE  eingeleutet. Dass dieses zeitgleich in die Hamburger Theaternacht fiel, war vielleicht etwas unglücklich. Unglücklich war auch die deutsche Fassung von Ulrich Lenz, dem es „gelang“, die Längen dieser Komposition trefflichst herauszuarbeiten. Inwieweit sich dieses Ärgernis  am Originaltext orientiert, vermag der Verfasser im Detail nicht genau zu sagen; eines jedoch trat hier ganz offen zu Tage: der Grund, warum dieses Werk eher seltener aufgeführt wird. Es handelt sich hierbei um eine Operngroteske, in der sich eine Nase von ihrem Besitzer trennt, um als Staatsrat Karriere zu machen. Letzten Endes, nach einigen Wirrungen und Irrungen kehrt sie dann an ihren Ursprungsort zurück. Der Komponist schrieb das Werk im Alter von 21 Jahren und es wurde 1930 uraufgeführt. Der bitterböse und überaus satirische Inhalt der Oper brachte dem Komponisten allerhand Probleme mit den damaligen Herrschern im Kreml ein und wurde sogar verboten.
Die Musik ist zweifelsohne genial und wurde vom Philharmonischen Staatsorchester Hamburg unter der Leitung von Kent Nagano grandios umgesetzt und spannungsgeladen wiedergegeben. Die Schwächen an diesem Abend lagen eindeutig im ins Deutsche übersetzten Libretto begründet (im Original von: Georgi Ionin, Alexander Preis und Jewgeni Samjatin – basierend auf einer Novelle von Nikolai Gogol), denn hier scheint sich Ulrich Lenz in der deutschen Übersetzung auf den humoristisch kleinsten, gemeinsamen Nenner geeignet zu haben, damit auch wirklich jeder mitlachen konnte. Der Verfasser war an diesem Abend übrigens nicht der Einzige, der für diese Art von Humor nicht sehr empfänglich war. Es bewegte sich auf einem Niveau, das stark an Cindy aus Marzahn und Mario Barth erinnerte. Auch der  Begriff „Entnasifizierung“ (Originalzitat aus dem Stück) konnte ebenso wenig erheitern, wie die „politische“ Rede einer Stalinkopie, die in völligen Schwachsinn ausartete. Loriot hat das mit seiner „Rede“ im Bundestag seinerzeit wesentlich geistreicher gelöst, indem er über mehrere Minuten redete, ohne etwas Konkretes zu sagen, dieses aber auf höchstem Niveau.
Gesanglich kam man an diesem Abend voll auf seine Kosten. Bo Skovhus, der in der Metzmacher – Ära schon als Wozzek brillierte kehrte hier mit seiner fulminanten Platon Interpretation ans Haus zurück. Gesanglich und darstellerisch einfach grandios. Beeindruckend auch die Wiederbegegnung mit Levente Pal (einem der wohl besten Haushofmeister in Ariadne auf Naxos, die es derzeit gibt) als Leiter der Redaktion und Arzt. Phänomenal Andreas Conrad als Polizeihauptmeister; gleiches gilt auch für Gideon Poppe als Diener. Bernhard Berchtold bestach gesanglich, während Sean Nederlof mit seiner Tanzchoreographie als Nase zu beeindrucken verstand.  Katja Pieweck war wie immer phantastisch als Aleksandra. Athansia Zöhrer bestach als Tochter und im Sopransolo. Der stimmlich etwas weniger charmante Auftritt von Renate Spingler mag wohl der Rolle geschuldet sein. Hellen Kwon keifte sich zur Freude so mancher im Publikum durch die Rolle der Praskowja. In weiteren Rollen rundeten Michael Heim als Jarischkin, Peter Galliard als Polizeipförtner, Stefan Sevenich als Wachmann – Taxifahrer – Iwan und 1. Bekannter, Julian Arsenault als Diener und Major, Hiroshi Amako als Tenorsolist in der Kirche, dieses großartige Ensemble ab. In einer kleineren Nebenrolle war Sandor de Jong als einer der 4 Eunuchen zu hören gewesen. Die pralle Inszenierung stammt von Karin Beier, auch Chefin des örtlichen Deutschen Schauspielhauses. Das großartige Bühnenbild von Stefan Laime bestand aus einer Drehbühne, die im Laufe des Abends mehr und mehr minimiert wurde. Sie zeigte den Friseursalon, die Kirche, die Redaktion und auch die Privatgemächer von Platon und Iwan. Die Charaktere trugen unter ihren Kostümen unförmige Ganzkörperkostüme (so schlimm sieht kein Mensch, der etwas mehr Figur zu bieten hat, in natura aus), sodass alle eine unansehnliche Wampe zur Schau trugen und weniger ansprechende, große Gesäße. Nicht sehr appetitlich; war aber wohl der Umsetzung dieser grotesken Satire geschuldet. Musikalisch und gesanglich ein Abend, der keine Wünsche offen ließ, wenn nur dieses teilweise grausame Libretto nicht gewesen wäre.                             Sven Godenrath, Hamburg

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Opernexperte
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