Astor Piazolla: Maria de Buenos Aires – Tango-Operita (Lübecker Erstaufführung; 25.08.2019)

Dass, sowohl Hamburg wie auch Lübeck zu den Tango- Hochburgen zählen dürfte- wobei Finnland wohl kaum zu übertreffen ist! -wird wohl nicht allen bekannt sein.  Der Tango hatte seinen Ursprung in den von Armut geprägten Vororten von Santiago und Montevideo und konnte sich erst als Reimport über Europa auch in den Großstädten Argentiniens als Nationaltanz etablieren. So überrascht es dann auch nicht, dass, nachdem man schon letztes Jahr im Lübecker Theater die Bekanntschaft einer gewissen Tongolita machen durfte, dieses Jahr zur Spielzeiteröffnung eine Tango Oper ausgewählt wurde, die 1968 ihre Uraufführung in Buenos Aires feierte. Komponist ist der argentinische Bandoneon-Spieler und Begründer des Tango Nuevo, Astor Piazolla (1921 – 1992), der das Werk als Operita bezeichnete, das in Verzeichnissen und Beschreibungen auch als Tango-Oper vermerkt ist. Gleich vorweg gesagt: eine Oper im klassischen Sinne ist „Maria de Buenos Aires“ nicht. Die Musik enthält durchaus verschiedene Stilelemente der Klassik, wird aber in erster Linie durch modernere Klänge wie Jazz und eben den Tango geprägt. Ohne die Bedeutung dieses Stückes schmälern zu wollen, ähnelt es eher einem Musical auf hohem Niveau.
Das relativ unbekannte und sehr unkonventionelle Werk hätte eine deutlich überzeugendere Einführung vor der Aufführung verdient. Stattdessen wurde mit vielen Worten wenig gesagt. Zur Konzeption des Werkes durch den Komponisten und die entsprechende Dramaturgie und dem Inszenierungskonzept des Regisseurs und seiner Mitstreiter (z.B. Erklärungen zur Bühnenausstattung der 16 Bilder) wurde so gut wie nichts gesagt. Vielmehr wurden einige Belanglosigkeiten verkündet, die kaum zur Erhellung eines ungewöhnlichen Werkes beitrugen; kein Hinweis darauf,  in welcher Beziehung das Tango Tanzpaar zur Handlung und zu den Figuren stand und erst recht kein Hinweis, warum man sich in einem Opernhaus ausschließlich auf Stimmen und Sänger beschränkte, deren Stimmen offensichtlich im  Haus nicht tragfähig sind, also mit Mikrophon verstärkt werden mussten, sodass die Unmittelbarkeit des gesanglichen Ausdruckes, der durch die Mikrophone gleichgeschaltet wurde, auf der Strecke blieb; es konnte keine emotionale Bindung zum Gesang aufgebaut werden; alles wirkte klinisch sauber und perfekt.  Lorena Paz Nieto als Maria besaß ein betörendes Stimmtimbre, leider nur blieb ihre stimmliche Ausdruckspalette eingeschränkt; es klang fast alles gleich; es wurden kaum interpretatorische Nuancen gesetzt. Besser schnitt da Daniel Bonilla-Torres als El Duende ab. Hier waren zumindest ansatzweise verschiedene Ausdrucksgesten erkennbar. Carlos Moreno Pelizari als Erzähler gab eine prägnante Rolleninterpretation. Andres Sautel und Katherina Gorsuch gaben eine eindrucksvolle Tanzperfomance, die vielleicht an manchen Stellen auch etwas extravaganter hätte ausfallen können. Auch sie wirkten eher klinisch rein; es war kein emotionales Feuer, kleine glühende Leidenschaft spürbar.  Christian Gerber und Jakob Neubauer überzeugten an der Mandoline, ebenso wie Volker Linde und Matthias Strass an der Gitarre, eine bravouröse Leistung. Grandios zudem Chor und Orchester des Theater Lübeck unter der Leitung von Takahiro Nagasaki, der die Charakteristik der Musik bravourös herauszuarbeiten verstand. Obwohl man doch mehr über das Regiekonzept gehört hätte, war die Inszenierung von Rainer Vierlinger durchaus überzeugend, was auch über das schlicht gehaltene Bühnenbild von Vibeke Andersen zu sagen ist.
Trotz einiger Kritikpunkte: ein unterhaltsamer Abend zum Auftakt der neuen Saison.                                                  Sven Godenrath, Hamburg

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Opernexperte
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