Giuseppe Verdi: La Traviata (Theater Lübeck; 21.06.2019)

Nach den hervorragenden Inszenierungen dieser Saison als da waren: Ball im Savoy, Werther, A Quiet Place und Don Giovanni folgte jetzt zum Saisonende eine neue La Traviata. Die Inszenierung von Lorenzo Fiorini, Bühne Piero Vinciguerra und den Kostümen von Katharina Gault, erinnerte ein wenig an Tanz der Vampire. Bleich geschminkte Gesichter, kopulierende Paare und ein etwas in die Jahre gekommenes Zimmer im Barockstil. Davor Müllsäcke, in denen sich Violetta sowohl im ersten wie auch im 2 Teil des 2. Aktes als Reminiszenz ergibt. Das Philharmonische Orchester der Hansestadt Lübeck unter der Leitung von Manfred Hermann Lehner zauberten einen schlanken, in den Tempi durchgehend schlüssigen Orchesterklang. Selbst die Tempi im zweiten Teil des 2 Bildes, in denen Violetta bei getragenerem Tempo singen muss als der Rest des Ensembles, glückte hervorragend; leider sonst eine Seltenheit. Die mexikanische Sopranistin Maria Fernanda Castillo, die bereits als Desdemona für Aufsehen sorgte, gestaltete eine Violetta par excellence. Ihr gelang es, die Vielschichtigkeit dieses Charakters bravourös nachzuzeichnen. Im ersten Akt – schon vom Tode gezeichnet – sang sie mit aufgesetzter unbändiger Heiterkeit; im zweiten Bild dann ihre berührende Gestaltung im Duett mit Alfredos Vater und die darauffolgende Abschiedsszene von Alfredo (Amami Alfredo) gestaltete diese Sängerin, insbesondere in dieser Szene, so  ergreifend mit einer derart opulenten Stimme, dass sie einen Vergleich mit anderen Interpretinnen dieser einzigartigen Verdi-Rolle nicht zu scheuen braucht, mit Ausnahme einer Maria Callas auf Tonträgern (von Live- und Studioaufnahmen)  nachprüfbar. Schließlich die grandiose Briefszene, in der die Künstlerin vermied, den Brief mit zu tiefer Stimme zu rezitieren; dadurch blieb dann beim Übergang zum Addio del passato, zeitweise als Duett mit Angela Shin (phänomenal) gesungen, die Klangbalance erhalten und dann dieser letzte Akt, ihre Sterbeszene (Prendi ….), ergreifend gesungen und dargestellt. Maria Fernanda Castillo zählt somit zu einer der besten Sängerinnen dieser Rolle in den letzten vielen Jahrzehnten, wie die  vielen Einspielungen auf Tonträgern, die sich in der Sammlung des Verfassers befinden, beweisen. Schon gleich im ersten Akt fiel ein junger, vielversprechender Tenor auf, Hojong Song in der Rolle des Gastone. Eine Rolle die sonst immer so ein wenig untergeht. Diesem großartigen, jungen Tenor gelang es aus dieser Partie eine der führenden Rollen in diesem Stück zu machen, zumal er Jaesig Lee, den Sänger des Alfredo, im ersten Akt ( die Stimme klang stellenweise etwas unstet), beinahe an die Wand gesungen hat. Erst in den folgenden Akten, wurde er in dieser sehr anspruchsvollen Rolle besser. Grandios die Stretta im zweiten Bild, wo viele Tenöre Schwierigkeiten mit der Höhe haben; ihm gelang dies mühelos. Auch in den darauffolgenden Akten konnte er dieses hohe Niveau halten. Gerard Quinn klang als Giorgio Germont stellenweise etwas unstet, was sich dann doch besserte und zu der gewohnt großartigen Stimmentfaltung führte. Juliia Tarasova gab eine überzeugende Flora. Taras Konoshchenko gestaltete einen lüsternden Dr. Grenvil in weißer Unterwäsche. Richard Neugebauer, vielen aus dem Allee Theater in Hamburg-Altona bekannt, sang den Giuseppe. Benedikt AlDaimi gab den Diener Floras und einen Dienstmann. Szymon Chojnacki gab den Marquis d’Obigny und Beomseok Choi den Baron Douphol. Der Chor und Extrachor des Hauses waren einmal mehr in glänzender Form. Ein grandioser Opernabend, den man unter gar keinen Umständen verpasst haben sollte.                                      Sven Godenrath, Hamburg

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Opernexperte
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