Giuseppe Verdi: Don Carlos (Hamburgische Staatsoper, 09.06.2019)

Dieser Abend war musikalisch betrachtet eine einzige Sensation. Nicht immer hatte man in den letzten 2 Jahren das außergewöhnliche Glück gehabt, das Philharmonische Staatsorchester Hamburg in einer derartigen Bestform zu erleben, wie an diesem Abend. Ein grandioser Orchesterklang, spannungsgeladen von der ersten bis zur letzten Sekunde und auch in den kurzen Solopassagen der Violine, den Bläsern oder den Flöten einfach unübertroffen. Was Pier Giorgio Morandi aus dem Orchester herausholte, kann man einfach nicht in Worte fassen, man muss es gehört haben. Gabor Bretz gab einen verletzlichen aber auch in den dramatischen Sequenzen überzeugenden König Phillipe II. Pavel Cernoch gelang in der Rolle des Don Carlos eine ergreifende, mitreißende, emotionale Interpretation. Selten erlebt man diese Rolle darstellerisch und gesanglich so differenziert ausgedeutet. Alexey Bogdanchikov in der Rolle des Rodrigue gelang eine in vokaler Hinsicht differenzierte Rollenausdeutung. Luigi de Donato bestach als Grand Inquisiteur. Alin Anca fehlte als Mönch/Kaiser die nötige Autorität in der Stimme, zudem fiel in der Schlussszene die Hintergrundbeleuchtung aus, welche die Schlussszene für ihre bezwingende Wirkung benötigt. Lianna Haroutounian, die als Elisabeth in  Hamburg ihr Rollendebüt gab,  gestaltete ihre Rolle in der Begegnungsszene mit Don Carlos noch sehr mädchenhaft naiv, sorgte aber im weiteren Verlauf auch von der Stimme her für eine Weiterentwicklung der Rolle bis zur Königin. Sowohl in den lyrischen, wie auch in den dramatischen Passagen gelang ihr somit eine bezwingende Rolleninterpretation. In ihrer großen Arie im 5 Akt gelang ihr dann auch eine überzeugende Gliederung, die nicht jeder Sängerin dieser Rolle so überzeugend gelingt. Elena Zhidkova war als Prinzessin Eboli schlichtweg grandios; eine herausragende Interpretation, zum einen, dank ihrer sinnliche Stimme, dann wie sie die Koloraturen makellos ausformte und schließlich in ihrer großen Arie im 4 Akt die stimmlich bezwingende Intensität aufbrachte, um dieses vielschichtige Rollenporträt glaubhaft umzusetzen. Gabriele Rossmanith gab eine überzeugende Interpretation des Thibault. Selten wird die Stimme des Himmels so plakativ in den Vordergrund gerückt und somit aufgewertet wie in dieser Inszenierung von Peter Konwitschny. Hatten viele noch den grandiosen Auftritt von Melissa Petit während der letzten Aufführungen im Ohr, so war mit der Besetzung von Na’ama Shulman ein ebenbürtiger Ersatz gefunden worden: eine großartige, ergreifende gesangliche Leistung. Hiroshi Amako als Conte de Lerme/Le Héraut, Yue Zhu als Un Bucheron und Eun-Seok Jang, Michael Kunze, Manos Kia, Julius Vecssey, Peter Veit und Bernhard Weindorf als die 6 flandrischen Gesandten rundeten dieses großartige Ensemble perfekt ab. Ebenfalls phantastisch der Chor der Staatsoper Hamburg. Ein Abend, an den man sich noch lange erinnern wird. Warum ein Prolet bei der Darstellung des Ehebruchs durch Philippe II und Eboli „wie Witzig“ in den Saal schrie, wird sich dem Verfasser wohl nie erschließen. Wahrscheinlich war dieser mit der Handlung der Oper weniger bis gar nicht vertraut gewesen.

Sven Godenrath, Hamburg

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Opernexperte
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