Georges Bizet: Carmen (Hamburgische Staatsoper, 16.04.2019)

Die 33. Vorstellung seit der Premiere im Januar 2014 wäre eine normale Repertoireaufführung geworden, hätte sich da nicht eine illustre Sängerschar um den Münchener Tenor, Jonas Kaufmann versammelt. Um es gleich vorwegzunehmen, er war stimmlich in bester Verfassung und im ganzen Haus wunderbar zu hören!

Regisseur, Jens- Daniel Herzog verlegte seine Carmen in die Zeit Francos; der variable Mittelteil der Bühne, stellte mal das Tor zur Zigarettenfabrik dar, mal das Etablissement Lillas Pastias und mal den Durchbruch in die Berge. Zum Finale war es ein Café, in welchem auf einem kleinen Schwarzweiß -Fernseher der Stierkampf übertragen wurde, während im Bühnenvordergrund Don José Carmen schließlich tötet. Pier Giorgio Morandi war mit dem Philharmonischen Staatsorchester im ersten Vorspiel etwas zu schnell, fand aber ansonsten exquisite Tempi und deutete die Musik Bizets` traumwandlerisch aus, insbesondere der getragene Beginn mit der virtuosen Steigerung in der ersten Arie im zweiten Bild war schlichtweg grandios. Die französische Mezzosopranistin Clémentine Margaine, die in dieser Rolle kürzlich bereits aus der Met übertragen und auch mitgeschnitten wurde, war mit ihrem sinnlich warmen Mezzo und ihrem pointierten Sinn fürs richtige Timing eine Carmendarstellerin und Sängerin par excellance. Der Verfasser wüsste momentan keine Sängerin, die sie in dieser Rolle, was Sinnlichkeit und Sexappeal und stimmliche Ausformung und Ausstrahlung anbelangt, übertreffen könnte. Jonas Kaufmann haderte leider stellenweise ein wenig mit der französischen Sprache, gesanglich hingegen blieben keine Wünsche offen. Traumhafte Pianissimi, insbesondere der Schlusston zum Ende der Blumenarie (überwältigend) und auch wie er es verstand, geschickt dramatische Akzente zu setzen: grandios. Auch von der Darstellung her, war er  100 -prozentig glaubhaft. Von Alexander Vinogradov hätte sich der Verfasser etwas mehr Fingerspitzengefühl und Eleganz in der vokalen Ausführung gewünscht. Die Rolle des vor Testosteron strotzenden Escamillio wurde stellenweise leider mit zu großer, und vor allem lauter Stimme gesungen, die Feinheiten dieser Rolle gingen leider komplett unter. Er klang, als stünde er kurz davor, den Stier mit eigenen Händen erwürgen zu wollen. War er noch vor kurzem als Zaccaria in Nabucco sensationell, so blieb sein Rollenporträt, verglichen mit der vorangegangen Leistung, zu eindimensional.  Die armenische Sopranistin Ruzan Montashyan gab im ersten Akt in vokaler Hinsicht noch die Unschuld vom Lande; im dritten Akt hingegen mutierte sie von der dramatischen Intensität in der Stimme her, fast schon zur „Femme fatale“. Hier schimmerte schon eine zukünftige Manon Lescaut durch. Katharina Konradi, als Oscar im Maskenball war sie die absolute Sensation,  war auch als Frasquita mit ihrem silbrig schimmernden Sopran grandios; selten wurde diese Rolle so hochkarätig besetzt. Zak Kariithi, den der Verfasser schon als Papageno hinreißend fand, spielte nicht nur den vor Testosteron strotzenden Morales, er legte seine Rolle auch gesanglich so an- weniger elegant vom Tonfall her, sondern eher härter und draufgängerisch. Ziad Nehme als Remendado und Victor Rud als  Dancairo  waren in der stimmlichen Harmonie hervorragend. Immer, wenn Florian Spiess (markante Erscheinung) sprach, hatte seine Stimme Wärme und Charme; sobald er aber anfing zu „singen“ war alles vorbei, uncharmanter Stimmklang, und auch gesangstechnisch blieb da so manches auf der Strecke. Marta Swiderska überzeugte als Mercedes.  Veselina Teneva war im vierten Bild als Zigarettenverkäuferin gesanglich einfach großartig. Julius Vecsey, Catalin Mustata und Mark Bruce in der Rolle der drei anderen Zigarettenverkäufer überzeugten in vokaler Hinsicht leider weniger. Maik Mensching gab Lillas Pastia. Der Chor der Staatsoper Hamburg (Christian Günther) und die Hamburger Alsterspatzen (Luiz de Godoy) waren einmal mehr phantastisch. Ein grandioser Abend! Der Verfasser wartet schon sehnsüchtig darauf, Clémentine Margaine an diesem Hause auch in anderen Rollen erleben zu dürfen; wie wäre es zum Beispiel mit Donizettis` La Favorita? Es ist zu hoffen, dass auch Jonas Kaufmann sich häufiger in der Staatsoper einfindet und nicht, wie zur Carmen, nur für eine Aufführung.                                                             Sven Godenrath, Hamburg

 

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