Leonard Bernstein: A Quiet Place – Lübecker Erstaufführung – (Theater Lübeck, 2019)

Nachdem das Werk in seiner ursprünglichen, dreistündigen Fassung beim Premierenpublikum 1983 durchfiel, verkürzte Leonard Bernstein es auf eine Stunde. Nach seinem Tode setzte sich schließlich Kent Nagano mit diesem Werk auseinander und erweiterte es schließlich auf 3 Akte mit einer Spieldauer von knapp 90 Minuten. Im Mittelpunkt stehen Dinahs Mann und deren Kinder, die sich nach ihrem Unfalltod ( es könnte auch Selbstmord gewesen sein) am Tage ihrer Beerdigung nach Jahren wiedersehen. Ihr Sohn Junior (homosexuell), seine Schwester Dede und deren Mann Francois reisen aus Kanada an. Alte Familienkonflikte, mangelnde Liebe, Unverständnis für unterschiedliche Lebens- und Liebeskonzepte  brechen aus. Am Ende geht jeder auf den anderen einen Schritt zu und man erkennt, dass man zusammen stärker ist als allein. Ein zutiefst verstörendes und auch berührendes Werk. Manfred Hermann Lehner gelingt es mit dem Philharmonischen Orchester der Hansestadt Lübeck einen Klangzauber zu entwickeln der begeistert. Leonard Bernstein erleben wir hier von der Klangsprache her moderner, als manch anderer heutiger Opernkomponist klingt und dennoch enthält diese Musik melodische Grundzüge. Huub Claessens besticht als Old Sam (Dinahs Mann), mit großartiger stimmlicher und darstellerischer Form. So überzeugend ist auch Evmorfia Metaxaki als Dede. Ergreifend im Spiel und in den verinnerlichten aber auch dramatischen Ausbrüchen, ist Johan Hyunbong Choi als Junior, schlichtweg sensationell. Christopher Diffey besticht mit seinem lyrischen, klangschönen, schlanken, höhensicheren Tenor als Francois. In weiteren Rollen Hojong Song (toll) als Bestatter, Tim Stolte als Bill, Luliia Terasova als Susie, Mark McConnell als Analyst, Mario Klein als Doc, Julia Grote als aufdringliche Mrs. Doc (großartig in der Darstellung) und Aaron Fischer als Kind. Der Chor des Theaters Lübeck erwies sich einmal mehr in Topform. Effi Mendez setzte dieses, insbesondere musikalisch sehr interessante Werk gekonnt in Szene. Das Bühnenbild von Stefan Heinrichs und die Kostüme von Ilona Holdorf-Schimanke (sehr gelungen die herrlich grellen Farben der 80er Jahre Kostüme für den Chor) runden die gelungene Umsetzung dieses selten gespielten Werkes ab. Das erste Bild zierte eine gewaltig, dreidimensional anmutende, knallrote Blumentapete; im zweiten Bild das dreigeschossige, an eine Puppenstube erinnernde Haus und im dritten Bild der kleine Garten, der neu angelegt werden soll, und die Stelle in welche Dinahs‘ Sarg herabgelassen wird. Hörens-und sehenswert!
Sven Godenrath, Hamburg

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Opernexperte
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