Richard Wagner: Die Götterdämmerung (Hamburgische Staatsoper 25.11.2018)

Die Götterdämmerung war die erste Oper, die Richard Wagner für das Haus in Bayreuth komponierte; von der Tonbalance her exakt auf den Bayreuther Orchestergraben zugeschnitten. Das stellt nahezu jedes Opernhaus, dessen Orchestergraben nicht unter der Bühne ist, vor das große Problem: wie intensiv darf der Bläserklang sein, damit die Sänger und die Streicher nicht zugedeckt werden? Kent Nagano und das Philharmonische Staatsorchester sorgten an diesem Abend für einen exzellenten Orchesterklang; man wurde vom Orchester förmlich davongetragen, womit sich der grandiose Eindruck des Siegfried, eine Woche zuvor, fortsetzte. Der Chor, einstudiert von Eberhard Friedrich, sang auf sehr hohem Niveau. Andreas Schager gab auch an diesem Abend einen betont schelmischen, leicht verspielten Siegfried, den der Anblick von Gutrune, der zweiten Frau, die er jemals zu Gesicht bekam, förmlich aus der Fassung brachte. Dank seiner enormen stimmlichen Präsenz- er gab einfach alles mit seiner fantastischen, stimmlichen und darstellerischen Rolleninterpretation  verzieh man  ihm den kleinen Lapsus in Siegfrieds Tod „Brünnhild, heiliges Weib“ gern. Auch als sein (Theater)- Sektglas zerbrach, bevor er den Trank des Vergessens  trinken konnte, überspielte er das geschickt, indem er seine Finger elegant an die Lippen führte. Obwohl Siegfried, von allen nur benutzt, von Wotan, Mime und Hagen, um des Ringes willen erst von Fafner und später von Hagen weil er Brünnhilde, den Ring  als Liebespfand überreichte, wird bis zum Ende nie erwachsen; er bleibt immer ein verspieltes Kind und das gelingt Andreas Schager besonders überzeugend, ohne dass es aufgesetzt wirkte, zu vermitteln. Vladimir Baykov war leider kein idealer Gunther. Mit seiner leicht vordergründig anmutenden, ausladenden Stimme- im zweiten Akt bei den dramatischen Sequenzen hatte er arg zu kämpfen gehabt, die Stimme rutschte über weite Strecken aus dem Fokus – geriet vieles zu oberflächlich. Auch er war nicht ganz textsicher oder nicht ganz bei der Sache, zumindest wußte er kurz vor seinem Tod nicht mehr, dass Gutrune seine Schwester war;  stattdessen sang er sinngemäß „Brünnhild, meine Schwester“. Stephen Milling war als Hagen mit seinem wohltönenden, raumfüllenden Bass schlichtweg fantastisch, auch wenn die Stimme an einer Stelle ziemlich zum Ende etwas unterging. Lise Lindstrom wuchs an diesem Abend als Brünnhilde über sich hinaus, eine großartige stimmliche Leistung, eine hervorragende Charakterstudie mit grandios leuchtenden Spitzentönen, die mit einer Leichtigkeit gesungen wurden und einfach begeistern mussten. Allison Oakes war eine wundervolle, sehr weibliche Gutrune, die leider öfters auch mal etwas zu altbacken, bzw. mütterlich, vom Stimmklang her, besetzt wird. Claudia Mahnke war als Waltraute und 1. Norn fantastisch. Katja Pieweck bestach als 2. Norn und auch Hellen Known gelang als 3. Norn eine eindrucksvolle Rolleninterpretation; alle drei Stimmen waren bestens aufeinander abgestimmt. Werner Van Mechelen in seinem kurzen Auftritt als Alberich gelang eine bestechende Charakterstudie. Katharina Konradi als Woglinde, Ida Aldrian als Wellgunde und Ann-Beth Solvang als Flosshilde waren ebenfalls einfach großartig.
Die Bühne in dieser 8 Jahre alten Inszenierung von Claus Guth, ziert im ersten Bild eine Wohnküche, spärlich möbliert und ein kleines Schlafzimmer. Dann folgt ein zweistöckiges, sich drehendes Wohnhaus in welchem Gunthers Behausung, die spärliche Wohnküche und oben das Heim der Götter Platz fanden. Zum Ende dann geht alles in Flammen auf und wir finden uns schließlich in der Wohnküche des ersten Bildes wieder; Siegfried steht am Fenster und Brünnhilde wankt hinein, will ihn erreichen, geht jedoch zu Boden, während sich Siegfried umdreht und das  ganze Szene emotionslos beobachtet. Der Vorhang fällt. Ein großartiger Abend, am liebsten würde man alles noch einmal von vorn hören.
Sven Godenrath, Hamburg

Über godenrath

Opernexperte
Dieser Beitrag wurde unter W.02 Richard Wagner veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s