Jules Massenet: Werther (Theater Lübeck, 16.11.2018)

Es muss schon an die 20 Jahre zurückliegen, dass es in Hamburg einen Werther gegeben hat; damals mit Keith Ikaia Purdy und Kathleen  Kuhlmann (die u. a. auch im Händelfach brillierte). Umso erfreuter war der Verfasser, endlich einmal wieder die Gelegenheit geboten zu bekommen, dieses Werk auf der Bühne des Theaters Lübeck wieder erleben zu dürfen. Das Bühnenbild erinnerte auf den ersten Blick an triste Schlachthoflagerhallen; milchige Lamellen, durch die die Protagonisten im slow motion Tempo auf und abtraten. Rechteckige Lichtkegel symbolisierten Räume und die Kirche. Die Kostüme waren mal mehr mal weniger aufwendig. Werther war als Beobachter ständig präsent und öffnete, bzw. schloß eine metallisch wirkende, mit einer Tür versehenen, Jalousie. Der Dirigent des Abends, Manfed Hermann Lehner und das Philharmonische Staatsorchester der Hansestadt Lübeck sorgten für einen mitreißenden Orchesterklang, feinsinnig und getragen; hier blieben keine Wünsche offen. Wioletta Hebrowska war als Charlotte mit ihrem dunklen, sinnlichen aber auch zur dramatischen Exstase fähigen Mezzosopran schlichtweg grandios; diese Rolle hört man heutzutage an keiner anderen Bühne besser interpretiert. Gleiches gilt auch für die Sophie von Emma McNairy mit ihrem silbrig schimmernden, charmanten Sopran: grandios. Gerard Quinn bestach mit seinem charakteristischen Bariton als Amtsmann. Johan Hyung Choi gestaltete einen überzeugenden Albert. Obgleich darstellerisch ergreifend, orientierte sich Yooki Baek als Werther, der bereits als Don Carlo auf sich aufmerksam machte, bei seiner gesanglichen Interpretation zu sehr am Verismusstil. Das geht leider in einer französischen Oper dieser Art, trotz einiger ergreifender Momente (pourquoi me reveille), nicht auf. Er war aus diesem Grunde keine adequate Besetzung. In weiteren Rollen bestachen Hojong Song als Schmidt, Yong-Ho ‚Choi als Johann, Caspar Krieger als Brühlmann, Claire Austin als Kätchen. Der „Kinderchor“ Thorge Fricke, Fanny Hedde, Julia Lackmann, Johannes Marquardt, Paul Marquardt, Anton Schulte, Matthea Krause und Mina Wiedermann waren stimmlich gut aufeinander abgestimmt. Das ist leider heutzutage auch keine Selbstverständlichkeit mehr: ebenfalls eine tolle Leistung. Trotz interpretationsbedingter Einschränkung bezüglich der Hauptrolle gelang eine kurzweilige und ansprechende Premiere dieses anspruchsvollen Werkes.
Sven Godenrath, Hamburg

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Opernexperte
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