Giuseppe Verdi: Un ballo in maschera (Theater Bremen, 21.10.2018)

Die Neuinszenierung dieser Oper aus der mittleren Schaffensperiode Verdis‘ ist dem Theater Bremen außerordentlich beeindruckend gelungen. Eigentlich beruht dieses Werk auf der üblichen Dreiecksgeschichte. König liebt Amelia, die Gattin seines besten Freundes Rene‘. Der Monarch, in Liebesdingen wohl recht aktiv, scheint politisch etwas umstritten zu sein; zwei Verschwörer trachten nach seinem Leben. Rene‘ schließt sich ihnen an, um sich für den königlichen Griff nach seiner Frau zu rächen und das alles vorausgesagt durch die von der örtlich praktizierenden Wahrsagerin Ulrica. Tragisch nur, dass sich Amelia moralisch nichts vorzuwerfen hat und das blutige Ende des Königs unverhältnismäßig hart und ungerecht erscheint. Dass ein König ein derartiges Schicksal erleidet, erschien der damaligen Zensur unerträglich und so wurde er zu Richard/Riccardo, dem englischen Gouverneur von Boston. Seit wenigen Jahrzehnten wird das Werk auch wieder im Original gegeben, sodass in der Bremer Aufführung wieder Gustav III regiert, der ursprünglich in der Stockholmer Oper (!) durch Verschwörung ermordet wurde. In einer stolzen Hansestadt hat natürlich niemand mehr Angst vor einer Zensur. (Erst seit Herbert von Karajans‘ Studioaufnahme 1989 wieder ins ursprüngliche Ambiente zurückverlegt – CD erhältlich bei DG und der spätere Livemitschnitt bei Premiereopera, allerdings dirigiert von Georg Solti, da Karajan inzwischen verstarb.) Michael Talke gelingt eine ganz besonders spannende und überzeugende Inszenierung dieses dramatischen Werkes. Besonders hervorstechend ist eine exzellente Führung der Personen auch unter Einsatz von Zeitlupenbewegungen, wodurch die Verschwörung besonders bedrohlich wirkt, wobei deren steigende Vermehrung zu einer gefährlich großen Gruppe, zu der auch Rene‘ gehört, ein sehr beeindruckender Regieeinfall ist. Das drohende, sich vermehrende Unheil bekommt dadurch einen sehr aktuellen Bezug in einer Zeit, in der mehr und mehr viele Dinge passieren, die man vor wenigen Jahren noch für unmöglich gehalten hatte. Originell auch der Einfall, dass beim Stelldichein von Amelia und Gustav im Hintergrund puppenstubenartig Amelia (Double) ihr Gatte Rene‘ und Sohn (beide leibhaftig) familienfreundlich am Esstisch vereint sind und Amelia wohl an ihre häuslichen Verhältnisse erinnern sollte, während Gustav ihr mächtig den Hof macht. Die Bühne (Barbara Steiner) wird von angedeuteten Palastfassaden beherrscht, die, der jeweiligen Szene angepasst, teilweise einstürzen oder anderweitig illuminiert werden. Die Kostüme (Regine Standfuss) sind einerseits überaus schlicht aber mitunter knallbunt und fantasievoll geschneidert mit Anlehnung an die geraffte Gardinenmode der 50/60er Jahre. Bei Amelias‘ moppähnlicher, weiß aufgetürmter Haarpracht  mußte man unwillkürlich an den Kommentar des Staubsaugervertreters bei Loriots‘ „Weihnachten bei Hoppenstedts“ denken,  nachdem die Dame des Hauses die Föhnhaube abnahm:“Gut, dass das gerade jetzt passiert ist“.

Dem venezianischen Dirigenten Marco Comin, der in Bremen debütierte, gelang mit den Bremer Philharmonikern eine überaus gelungene, musikalische Umsetzung. Ein wunderbarer, transparenter Klangteppich, beeindruckend getragene Tempi, zupackende Dramatik (z.B. Auftritt der Ulrika und Finale) und alles mit der nötigen Innenspannung versehen, machte der Verdi-typischen Melodik alle Ehre.  Lediglich zu Beginn des zweiten Aktes entglitt ein wenig der musikalische rote Faden, als sich kurzfristig ein gewisser „Begleitmodus“ einstellte. Dennoch: eine großartige orchestrale Leistung. Auch der Chor des Hauses war wieder in Bestform und hatte an der Umsetzung der großartigen Personenführung seinen verdienten Anteil. Luis Olivares Sandoval, einer tenoralen Säule des Hauses, war mit seiner lyrischen, schlanken und höhensicheren Stimme ein großartiger Gustav III. Beeindruckend und bezwingend in den lyrischen, wie auch  dramatischen Passagen. Wann hat man seine letzte große Arie vor dem Finale mit frei strömendem Tenor so ergreifend gehört! Die Stimme von Patricia Andress klang für die Rolle der Amelia zu Beginn etwas unstet und man hätte den Eindruck gewinnen können, sie wäre zu lyrisch. Die Stimme erschien anfänglich in der tieferen Lage nicht tragfähig genug. Im Laufe des Abends wurde sie aber immer bezwingender und es gelang ihr eine beeindruckende gesangliche und darstellerische Umsetzung dieser anspruchsvollen Rolle. Birger Radde war mit seinem mitunter etwas rauen, überaus voluminösen und markanten Bariton ein hervorragender Renato, der auch in den leiseren Passagen zu begeistern wußte. Romina Boscolo, umhüllt von einem weißen, bodenlangen und figurbetonten Kleid, das eher an ein Nachtgewand erinnerte, war als Wahrsagerin Ulrica keine wie üblich dargestellte Scheuche und hexenhafte Erscheinung, sondern eher eine Sexbombe hoch drei. Mit ihrer grandiosen, tiefen Stimme und ihrem  sinnlichen Timbre fühlte man sich an Fedora Barbieri, Oralia Dominguez oder Marilyn Horn zu ihren Glanzzeiten erinnert. Eine grandiose stimmliche Leistung. Iryna Dziashko brillierte als Oscar mit grandiosen Koloraturen und gestaltete diese humoristisch geprägte Rolle als Kontrastprogramm zum düsteren Geschehen mit natürlichem und jugendlich wirkendem Einsatz. (Allzu häufig wird die Rolle des Oskar mit zu aufgesetzt anmutender Heiterkeit geboten.) Der junge Bariton Dongfang Xie, nett aussehender Typ, fing als Cristiano großartig an; selten wird diese Rolle so gut besetzt. Leider konnte er dieses hohe Niveau bei seinem zweiten Auftritt mit dem Chor nicht mehr so ganz halten; hier wurde der Tonansatz etwas zu ungenau. Dennoch glaubt der Verfasser, dass man von diesem jungen Mann in Zukunft noch einiges zu hören bekommen wird. Der Bassbariton Stephen Clark in der Rolle des Graf Ribbing, hinterließ nicht nur von seiner körperlichen Präsenz her, sondern auch gesanglich beim Verfasser einen guten Eindruck. Der Bariton Daniel Ratchev bestach als Graf Horn. Weniger gut besetzt leider die Rolle des Richters (im Nachthemd) mit Sungkuk Chang und die Rolle des Dieners der Amelia, gesungen von Zoltan Stefko: leider etwas ungenau in der gesanglichen Ausformung. Insgesamt eine überaus gelungene und überzeugende Premiere. Ein großer Wurf des Hauses an der Weser, der mit viel Beifall und Zustimmung bedacht wurde!

PS: Die an vielen Opernhäusern angebotene Einführung kurz vor der Aufführung ist nicht nur für das wohl eher nicht so im Detail informierte Publikum eine gute Sache. Einerseits ist zu begrüßen, dass so viel wie möglich über das Werk und die bevorstehende Aufführung vorgetragen wird, aber andererseits ist bedauerlich, dass dafür nur etwa 20 Minuten zur Verfügung stehen. Man muss sich also auf das Wesentliche beschränken. Hierzu gehören sicherlich einige Sätze zur Entstehung der Oper, aber die Einführung sollte sich ganz überwiegend auf den „Anspruch“ des Werkes beziehen, den der Komponist in vielerlei Hinsicht definiert hat, inhaltlich und musikalisch und darauf – ganz wichtig – wie die Regiearbeit und die musikalische Umsetzung der Aufführung konzipiert sind. Gerade in Bezug auf die Regie, die sich erschreckend häufig als mißlungen oder mindestens unverständlich erweist, benötigt das Publikum deutlich mehr Information, um zu vermeiden, dass es am Ende, wie es der Verfasser ständig erlebt, das Opernhaus irritiert und letztlich mehr oder weniger unzufrieden verläßt und mitunter bekundet, nicht mehr wiederkommen zu wollen. Es ist schon vielsagend zu beobachten, wie viele Operngänger musikalisch „beglückt“ aber, was die Regie anbelangt, geradezu frustriert sind. Hier wären deutlich umfangreichere Erläuterungen mehr als hilfreich, insbesondere auch bei modernen Opern, zumal das Interesse des Publikums durch zahlreiches Erscheinen – wie wieder auch in Bremen zu erleben war – groß ist.  Die hierbei vermittelte Meinung, der „Maskenball“ sei ein Übergangswerk hin zu einem durchkomponierten Stil seiner späteren Werke kann der Verfasser nicht nachvollziehen. Nach diesem Werk schuf Verdi noch „Die Macht des Schicksals“, „Don Carlos“, „Aida“ und „Othello“, die allesamt von prächtigen Arien und Ensembles geprägt und alles andere als durchkomponiert sind. Verdi’s letzte Oper „Falstaff“ weist stellenweise eine durchkomponierte Form auf, kann aber nicht als durchkomponiert gelten wie Werke von Berlioz (Les Troyens), Debussy (Pelleas et Melisande) oder die späteren Opern von Wagner.

Sven Godenrath, Hamburg

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