Giacomo Puccini: Tosca (Leipzig; 28.09.2018)

Am Vorabend der Premiere von Puccini’s „La fanciulla del West“ in der Oper Leipzig seine „Tosca“ aus dem Repertoire des Hauses (36. Vorstellung) zu erleben ist schon sehr reizvoll. Die Inszenierung ist sehr klassisch, aber in einigen Szenen ungewöhnlich, um nicht zu sagen: spektakulär und sehr theatralisch. Die aufsteigende Pyramide am Ende des 1. Aktes aus Menschen, drapiert um eine Orgel vor einem Meer von brennenden Kerzen ist, man darf es wohl sagen, so „kitschig“, dass es wieder als spektakulär einfallsreich empfunden werden kann. Ähnlich ist es in der Erschießungsszene im Finale der Oper, in der 7 großbeflügelte Engel gen Himmel schweben und mit ihren Sturmgewehren die Exekution Cavaradossis‘ vollziehen. Was für ein Einfall! Wohl doch irgendwie naheliegend, sind die Engel doch, sozusagen, Hausherrinnen der römischen Engelsburg, dem Schauplatz des Geschehens. Ungewöhnlich auch der Sprung Toscas‘ von der Burg. Nimmt sie laut Libretto den direkten Weg in die Tiefe, erklimmt sie auf dem Dach der Burg einen großen, vernebelten Kasten, um sich von dort rücklings Richtung Zuschauerraum zu stürzen. Zum Glück war es eine Puppe. Das war schon spektakulär. Es ist zu hoffen, dass der Regisseur Michiel Dijkema für diese Einfälle mit einem Preis oder einem Orden ausgezeichnet wurde; wenn nicht, sollte man das nachholen!
Und dann war da noch der grandiose musikalische Teil der Aufführung. Dem Gewandhausorchester unter der großartigen Leitung von Christoph Gedschold gelang ein fulminanter Pucciniklang, spannend von der ersten bis zur letzten Note. Der Chor des Hauses war wieder gewohnt großartig
Die armenische Sopranistin, Karine Babajanyan war eine tolle Tosca; eine bezwingende Bühnenerscheinung, große runde Stimme, die sowohl in den lyrischen Sequenzen im ersten Akt, wie auch in den hochdramatischen Szenen z.B. im zweiten Akt grandios war. Die Stimme wirkte nie überanstrengt und wurde sicher geführt: eine der besten Toscasängerinnen, die es momentan gibt. Der spanische Tenor Xavier Morena sang den Cavaradossi klangschön mit runder Stimme, die ebenfalls in allen Lagen zu überzeugen verstand, sowohl in den gefühlvollen, wie auch in den dramatischen Sequenzen: eine tolle Leistung. Der US-amerikanische Bariton Derrick Ballard sang den Scarpia, dämonisch wie charmant. Er verstand es, die Vielschichtigkeit dieser Rolle adäquat auszudeuten. Sein stimmlich auftrumpfender, leidenschaftlicher Einsatz im 2. Akt war schon bemerkenswert. Randall Jakobsh war leider kein idealer Angelotti. Die Stimme klang stellenweise etwas uncharmant und wurde auch nicht immer gut geführt. Jürgen Kurth gelang es, die humoristischen Aspekte des Mesners gut herauszuarbeiten. James Kryshak überzeugte als Spoletta. Jean-Baptiste Mouret gab den Sciarrone. Frank Wernstedt konnte als aus einer Box herauskletternder und in ihr wieder verschwindender Kerkermeister leider nicht so ganz überzeugen. Mariya Valtina, Studentin der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ Leipzig, war mit ihrer dunkleren Mezzostimme als Hirtenmädchen, trotz guter gesanglicher Leistung, nicht adequat besetzt, da die Stimme hier jugendlicher klingen sollte.
Es gibt wohl kaum eine Oper, die in den letzten Jahrzehnten auf Ton- und Bildträgern so häufig eingespielt wurde, wobei viele Produktionen einen überaus hohen Standard erreichen konnten. Diese Leipziger Aufführung steht dem in keiner Weise nach, zumal der 2. Akt eine Spannung und Intensität und eine grandiose Einheit von Orchester und Gesang bot, die ihresgleichen sucht. Eine tolle Leistung des Hauses.
Sven Godenrath, Hamburg
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Opernexperte
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