Ludwig van Beethoven: Fidelio im Theater Bremen, Eröffnung der Spielzeit 2018/2019 (16.09.2018)

Welche Oper könnte eine Spielzeit würdevoller einleiten als Ludwig van Beethoven’s „Befreiungsoper“ Fidelio. Für diese Produktion hat sich der Regisseur für den 1. Akt der Bremer Neuproduktion etwas ganz besonderes einfallen lassen. In 8 Bildern läßt er mit Dia-und Videounterstützung und jeweilig zeitgemäßen Kostümen und Requisiten auf der Bühne Fidelio-Produktionen aus 200 Jahren Revue passieren, die jeweils einen sehr aktuellen politischen und gesellschaftlichen Bezug zum Streben nach Freiheit hatten oder -nicht ganz gefahrlos- so interpretiert werden  konnten, wie z.B. die Dresdner Interpretation kurz vor der Wende. Es sind Bilder von 1814 (Theater am Kärntnertor, Wien) der Uraufführung der endgültigen Fassung, von 1860 (Théatre Lyrique, Paris), 1928 – eine sozialistisch dominierte Interpretation (Werktätigen Theater, Leningrad), 20. 04. 1938, Hitler’s Geburtstag (Stadttheater, Aachen), 04.09.1945 (Deutsches Opernhaus, Berlin zur Eröffnung nach dem Krieg), 1968 (Staatstheater, Kassel), 07.10.1989, Semperoper Dresden (kurz vor der Wende und Wiedervereinigung) und schließlich von 1997 (Bremer Theater) vor dem Hintergrund der Insolvenz der Bremer Vulkan Werft, die für viele Arbeitnehmer einen tragischen, „freiheitsberaubenden“ Verlust aller Arbeitsplätze bedeutete.
  Nach der Pause sind wir dann im „Heute“. Die gesamte Bühne wird von einem riesigen, ovalen Tisch beherrscht, an dem 60 Personen, überwiegend aus den Theaterbesuchern rekrutiert, Platz nehmen durften. Es wurde (Theater)-Wein serviert; die Teilnehmer dieser abendmahlartigen Veranstaltung durften Schilder hochhalten und Texte vorlesen; letzteres wurde auch ausgewählten Personen im Publikum zuteil, die wohl visualisierte Texte wiederholen sollten. Einer wagte den eigenständigen Satz, „Freiheit für alle“. Es wäre keine Überraschung gewesen, wenn jemand „Weg mit der AfD“ gerufen hätte, denn von dieser Gruppierung würde bestimmt kein freiheitsförderndes Wirken ausgehen. Damit wurde die ansonsten sehr kurzweilige ‚Inszenierung leider etwas in die Länge gezogen. Auf das Verlesen von für alle gut sichtbaren Texten und teilweise dreimaligen Wiederholungen der Rezitative hätte gern verzichtet werden können. Insgesamt aber eine sehr gelungene detailgetreue, spannende und aktuelle Inszenierung für die Paul-Georg Dittrich, professionel und ideenreich unterstützt von Lena Schmid (Bühne) und Anna Rudolph (Kostüme) verantwortlich zeichnete, obwohl recht unschlüssig blieb, warum der in einem Kerker Gefangene und von seiner heldenhaften Gattin zu rettende Florestan auf diesem überdimensionierten Tischoval seine große Arie von Dunkelheit und grauenvoller Stille zu singen hatte. Die Rückwand der Bühne war eine riesige Leinwand, auf der eine Art Wochenschau zur jeweiligen Aufführungszeit lief. Diese erwies sich leider im zweiten Teil als etwas hinderlich, da es die Stimmen verschluckte, statt sie in den Raum hinein zu transportieren.  Zum Ende gab es dann eine Kopie der auch am Bremer Theater schon praktizierten Inszenierungsidee Solisten und Chor im Zuschauerraum (z.B. in den Rängen) zu platzieren. Die Klangbalance von Gesang und Orchester kann dadurch empfindlich gestört sein. Yoel Gamzou gelang mit den Bremer Philharmonikern ein grandioser Orchesterklang. Insbesondere die 3. Leonorenouvertüre im 2.Akt gelang schlichtweg atemberaubend. Grandios auch der Chor des Hauses. Nadine Lehner, immer ein Garant für hochkarätige Aufführungen in Bremen war an diesem Abend stimmlich in diesem schon hochdramatischen Rollenfach überfordert. Auch wenn manche Passagen ganz gut gelangen, so wirkte die Stimme in den dramatischen Sequenzen, insbesondere in der Höhe, angestrengt und einfach nicht „rund“. Sie wirkte eher wie die Jungfrau von Orlean, denn wie eine Leonore. Christian- Andreas Engelhardt sang den Florestan in seiner großen Auftrittsarie eher lyrisch und differenziert. Zum Ende in den dramatischen Passagen kam die Stimme stellenweise doch an ihre Grenzen. Christoph Heinrichs Stimme zeigte in der Rolle des Rocco Intonationsschwächen, die Stimme wirkte teilweise etwas unkontrolliert und nicht prägnant genug. Claudio Otelli war als Don Pizarro auch in den dramatischen Passagen grandios. Marysol Schalit war als Marzellina mit ihrem lyrischen, silbrig schimmernden Sopran grandios. Der australische Tenor Joel Scott bestach mit seinem Charme und seiner großartigen Stimmführung als Jacquino. Jeong Hoon Lee sang den 1. Gefangenen. Der 2. Gefangene hätte anstelle mit Ramualdas  Batalauskas prägnanter besetzt werden können. Gesamtbetrachtet ein großartiger Abend, trotz kleinerer Schwächen im 2. Akt.

Sven Godenrath, Hamburg

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Opernexperte
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