Paul Abraham: Ball im Savoy – Theater Lübeck – 1.9.2018 – Eröffnung der Spielzeit 18/19 – (Lübecker Erstaufführung)

Zur Eröffnung der Spielzeit 2018/2019 hat man sich in Lübeck etwas Besonderes einfallen lassen. Warum  die Spielzeit nicht mit einem Ball eröffnen? Mit einem Ball im Savoy. Nachdem Lübeck vor einigen Jahren schon „Das Weiße Rössl am Wolfgangsee“ bravourös in Szene gesetzt hatte, geht man in diesem Jahr im Alphabet einen Schritt zurück von B (Benatzki) nach A (Abraham). Diese selten aufgeführte Operette, komponiert vom in Ungarn geborenen, vielfältigen Musiktalent Paul Abraham (1892-1960) wird von sehr unterschiedlichen, musikalischen Stilelementen geprägt und fällt durch ihre meisterhafte Orchestrierung auf. Die Geschichte ist eher schlicht, aber wohl für damalige Verhältnisse (Uraufführung 1932 in Berlin) ziemlich frivol. Eine frühere Geliebte (Tangolita) eines Lebemannes (Aristide) will ein von ihm, der kurz vor seiner Verheiratung steht, im Liebesrausch abgegebenes Versprechen einlösen. Weibliche Rache und amouröse Emanzipierung ist die Folge und das alles während des Balles im Savoy.( Die „Fledermaus“ ließ grüßen!)
Dem Regieteam: Michael Wallner – Inszenierung, Heinz Hauser – Bühne und Tanja Liebermann und Yvonne Forster – Kostüme, mit einer Choreographie von Andrea Danae Kingston gelingt eine farbenfrohe, heitere und schlüssige Umsetzung des Stoffes. Leider nur muss angemerkt werden, dass nahezu alle Protagonisten mit Mikrophon sangen, was, trotz der perfekten Aussteuerung, den musikalischen Spaß leider ein klein wenig trübte. Emma McNairy- eine großartige Stütze des Sängerensembles am Theater Lübeck – als Madelaine war schlichtweg sensationell; mit ihrem silbrig-warmen, sinnlichen Sopran, gelang ihr eine grandiose Rollencharakterisierung mit wundervollen Koloraturen. Hier war das Mikrophon mehr als überflüssig. (Hatte man der großen Sopranistin Hilde Güden während ihrer (historischen) Operettenaufnahme immer wieder vorgeworfen, sie wäre die Alibidiva der Produktion; auf Emma McNairy traf dies, dank eines erstklassigen Ensembles dieser aktuellen Produktion nicht zu). Philippe Hall überzeugte mit seinem schlanken, charmanten Tenor als Marquis Aristide.  Sara Wortmann, die ein wenig an Marlene Charell erinnerte, überzeugte als Daisy Darlington, alias Pasodoble. Steffen Kubach als Mustapha, glänzend bei Stimme, sorgte für die gekonnt dosierten, humoristischen Aspekte dieses Abends. (Fernab vom oberflächlichen Schenkelklopferhumor und Klamauk, wie es der Verfasser vor einigen Jahren einst bei der franz. Operette „Le Chanteur de Mexico“ im Opernhaus Nizza über drei Stunden ertragen mußte – so gelingt die Wiederbelebung der Operette sicher nicht). In dieser Produktion  gelang die elegante Balance zwischen Witz und Situationskomik, bei der man herzlich mitlachen konnte. Als Tangolita brillierte Angelika Milster (alternierend mit Wioleta Hebrowska), mit Ausdruck und Temperament, einer Priese Humor und ihrer unvergleichlich schön timbrierten Stimme ( unvergesslich ihre  Interpretation von „Erinnerungen“ aus Cats und ihre bravouröse Songs and Dance Performance in Berlin, welche auf Tonträger veröffentlicht wurde). Sie zählt nicht umsonst zu den besten  Musicalinterpretinnen seit Barbra Streisand. An diesem Abend war sie einmal mehr umwerfend komisch und gesanglich mit Emma McNairy in einer Klasse für sich. Rudolf Katzer überzeugte als Kammerdiener und Ober, Tomasz Mysliwiec gab eine kurze Gesangseinlage gleich zu Beginn als Gondoliere; später war er als Barmann zu sehen. Jörn Kolpe war als herrlich verklemmter Celestin einfach umwerfend komisch.  Später gab er noch den Moderator. Sergio Giannotti war als Tänzer und in der Rolle des Monsieur Albert zu erleben, dem man seinen Kommentar, er sei ebenfalls in Madelaine verliebt gewesen, leider weniger abnahm. Hier hatte man eher den Eindruck, dass wohl Aristide besser in sein Lebenskonzept gepasst hätte. Adrian Pavlov und das Philharmonische Orchester der Hansestadt Lübeck sorgten für einen fulminanten Orchesterklang. Großartig auch der Chor des Hauses und das Tanzensemble bestehend aus: Michaela Daum, Marlou Düster, Elisa Pape, Judith Urban, Fabian Broerman und Sergio Gianotti.
Die Begeisterung des Publikums bestätigte den großen Erfolg der Eröffnung der neuen Saison.
Sven Godenrath, Hamburg

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Opernexperte
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