Peter Ruzicka: Benjamin (UA in Hamburg, 03.06.2018)

Am 3. Juni hatte in der Staatsoper Hamburg BENJAMIN, die 3. Oper des Komponisten (und früheren Intendanten des Hauses) Peter Ruzicka ihre mit Begeisterung aufgenommene Uraufführung.
BENJAMIN ist Walter Benjamin, (Jg. 1892) ein deutscher Philosoph und Kulturwissenschaftler. Er setzte sich als Jude und Marxist vornehmlich in den 30er Jahren des letzten Jh.mit kritischen Köpfen seiner Zeit, wie Hannah Arendt, Bertolt Brecht, Gershom Scholem und der lettischen Schauspielerin Asja Lacis (seiner Freundin) mit der Schaffung einer gerechten Gesellschaft auseinander. Auf der Flucht vor den Nazis in die USA nahm sich Benjamin 1940 in der spanischen Grenzstadt Portbou das Leben. Die Rolle des Walter Benjamin ist in diesem Werk zweigeteilt; ein Bariton übernimmt das Musikalische und ein Schauspieler ist sein sprechendes Alter Ego. das u.a. Texte aus seinen Werken rezitiert; beide auch zeitgleich auf der Bühne. Peter Ruzicka verpackt dieses Libretto von Yona Kim in eine Musik, die teilweise etwas schroff erscheint, sich dann aber überwiegend erstaunlich melodisch entfaltet und im Schlussteil sehr an den Stil von Claude Debussy erinnert. Sehr schön und gekonnt der Einsatz der Streicher; Bläser und Schlagwerk haben sehr gut zu tun und geben der Partitur starken Ausdruck. Immer wieder tritt das Schlagzeug dominant in den Vordergrund. Überhaupt war das Philharmonische Staatsorchester bestens aufgelegt und der Komponist selbst als Dirigent sorgte für eine sehr gelungene Umsetzung seiner Partitur. Höhepunkt des Werkes war wohl das opulente Zwischenspiel vor dem Finale. Eine sehr prägnante Melodik wurde hier von einer sehr vielschichtigen, filigranen Orchestrierung getragen. Einfach grandios! Der Cor des Hauses, insbesondere im Schlussbild, sang in überwältigend guter Form. Leider wurde zu viel gesprochen. Dadurch wurde der musikalische Fluss des Geschehens unterbrochen und ergab den Eindruck der einen und anderen „Länge“. Der Verfasser kommt am Ende seiner Betrachtung hierauf zurück.
Yona Kim war nicht nur für das sehr „plastische“ und teilweise poetische Libretto verantwortlich; sie übernahm auch die Inszenierung. Eine sehr gelungene Personenführung und der flotte Ablauf des Geschehens ergab eine beeindruckende Interaktion mit der facettenreichen und spannenden Partitur. Das Ganze spielte sich vor einem Einheitsbühnenbild (Heike Scheele) ab, überwölbt von einem Dachkonstrukt, das an das Dach der Hamburger Musikhalle erinnerte, allerdings nach einem Bombenangriff. Darunter dominierte ein großes Regal, in dem mal Bücher standen und dann wieder zusammengekauerte Menschen ihr Dasein fristeten. (Letzteres scheint neuerdings ein Inszenierungsmerkmal im Hause zu sein: siehe „Fidelio“. Dietrich Henschel ist als Walter Benjamin grandios. Mit seinem lyrischen Bariton versteht er es, nicht nur in den lyrischen, bewegenden Szenen zu überzeugen sondern findet auch das richtige Maß an stimmlicher Intensität, um ebenso die  dramatischen Sequenzen zu meistern. Die Rolle wurde glücklicherweise nicht zu liedhaft angelegt, wie es vielleicht manch ein prominenter Vorgänger bei solchen „modernen“ Charakterollen getan hätte. Eine großartige Leistung. Lini Gong, endlich einmal nicht nur in der Opera-Stabile, sondern auch im großen Haus zu erleben, war als Asja L. mit ihrem lyrischen, aber auch intensiven Koloratursopran und in ihrer Bühnenpräsenz schlichtweg grandios. Dorottya Lang als Hannah A. war wie fast immer, grandios mit ihrem warmen, sinnlichen Mezzo. Andreas Conrad bestach als Bertold Brecht und Dora K., gesungen von Marta Swiderska, war auch trefflich besetzt: eine beeindruckende Leistung. Tigran Martirossian überzeugte sehr als Gershom S. Günter Schaupp in der Sprechrolle als Benjamin’s Alter Ego überzeugte auch darstellerisch mit eher leiser, aber gut fokussierter Stimme.
Ein insgesamt sehr gelungenes Werk, das es hoffentlich schaffen wird, ins dauerhafte Repertoire der Opernhäuser zu gelangen. Es beweist, dass eine moderne Oper und der (klassische) Einsatz von Melodik, Rhythmik, Emotion und Klang keine Gegensätze sind. Es ist sehr zu hoffen, dass deutsche Opernkomponisten dies zunehmend beherzigen, wie es schon seit einiger Zeit bei US-amerik. und englischen Opernkomponisten zu erleben ist.
Am Schluss sei noch eine Anmerkung erlaubt: Der Verfasser hat in den letzten Monaten 4 Uraufführungen von Werken deutscher Komponisten erlebt: FRANKENSTEIN (Staatsoper Hamburg/Kampnagel) WAHLVERWANDTSCHAFTEN (Theater Bremen) DAS FLOß ( SO/ Opera Stabile) und nun BENJAMIN. Alle 4 Werke sind davon geprägt, das Sprechtheater als wichtiges „neues“ Element in die moderne deutsche Oper zu integrieren. Ein anderes Beispiel. Bei der Uraufführung der Oper „I.th.Ak.a“ eines australischen Komponisten am 5.4 in der Hamburger Opera Stabile fiel auf, das diese  komplett durchkomponiert war. Das Musiktheater, gerade das Deutsche, hat in seiner Geschichte schon immer  Elemente des Sprechtheaters enthalten, doch sollte man  berücksichtigen, dass Sprechpassagen, wenn sie zu lang sind, den Musikfluss beeinträchtigen und zu „Längen“ führen können, oder sogar nerven können wie im FLOß, wenn diese weniger gut wiedergegeben werden.  Die gesprochenen Sequenzen z.B eines FREISCHÜTZ oder FIDELIO, welche vor etwa 200 Jahren entstanden, fördern, wenn diese nicht gut in die Musik integriert wurden, auch nicht gerade den Hörgenuß.
Sven Godenrath, Hamburg

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Opernexperte
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