Alexander Chernyshkov, Andreas Eduardo Frank, Anastasija Kadisa: Das Floß (Hamburg, UA 04.05.2018)

Zur Entstehung:

Wie schon letztes Jahr bei Mini- Bar, verdanken wir die Entstehung dieses Werkes der Deutschen Bank Stiftung, welche die „Akademie Musiktheater heute “ finanziell unterstützt. Hier erhalten Stipendiaten über 2 Jahre hinweg die Chance, eigenständig ein Stück zu produzieren. Es gab drei Komponisten ( 2 Männer und eine Frau- in der Überschriftszeile genannt) und zwei Dramaturginnen (Isabelle Kranabetter und Elise Schobeß) und jeder sollte mit jedem eine Sequenz erarbeiten. Das Ganze bestand aus den Elementen: Schauspiel, Chanson und Oper und hatte eine Spieldauer von ca. 2 Stunden, ohne Pause. Es wurde viel gerannt, geschrien und mit den Füßen rhythmisch getrampelt. Der Dirigent (Mark Johnston) stand mit einer dominanten Kappe auf dem Kopf in der Mitte des Raumes, während das Orchester sich in unterschiedlichen Formationen an den drei freien Bühnenrändern, ein vierter war für ein Teil des Publikums reserviert,  immer wieder neu zusammenfand. In diesem kleineren Orchester dominierte vor allem das Schlagzeug. Es gab aber auch verinnerlichte Momente, wenn ein Lied zum Beispiel nur von einer Gitarre begleitet, vorgetragen wurde. Es gab zwei Möglichkeiten, dem Stück zu folgen: für einen Großteil des Publikums interaktiv im Bühnenraum, sozusagen mittendrin im Geschehen (ein abrupter Sitzplatzwechsel war hier mit eingeplant, als plötzlich eine Stoffkrakete von der Bühnendecke sich in den Raum senkte und das Publikum vor ihr in Sicherheit gebracht werden mußte, oder auf den schon erwähnten Sitzplätzen. Das Ganze wirkte eher wie ein Schauspiel mit Musik und hätte vielleicht eher ins Thalia Theater, denn in die Opera Stabile gepasst.

Die Handlung:

In diesem Werk sollen dem Zuschauer zwei verschiedene Handlungsstränge und Handlungsebenen, die vollkommen unabhängig voneinander existieren, versinnbildlicht werden. Leider  wirkte das Ganze, weil es keinen linearen Erzählstrang gab, ein wenig überambitioniert. Die Thematik der Oper „Floß der Medusa“ (manche Leser werden noch die Liebermann-Komposition kennen), wo nach einer Schiffshavarie 150 Menschen auf einem Floss sich selbst überlassen wurden, während sich die Ranghöheren mit den Rettungsbooten absetzten (Erinnerungen an eine Costa Schiffshaverie werden wachgerufen) wird mit dem Libertalia Stoff (auf einem Piratenschiff wurde um 1600 erstmals die Demokratie eingeführt), verwoben.  Man hat für 6 verschiedene Bilder in 2 Stunden einfach zu viel gewollt, wodurch das Ganze leider etwas überfrachtet wirkte. Auch die verschiedenen Überschriften der 6  Handlungspunkte konnten nicht immer gleich mit der einen oder anderen Handlungsebene in Bezug gebracht werden (Das Tubawesen); stellenweise schien ein gleich zu erkennender, roter Faden zu fehlen.  Die Unterschiede in der Darstellung waren hier nicht immer prägnant genug herausgearbeitet und konnten auch musikalisch nicht eindeutig der einen oder anderen Erzählung zugeordnet werden. Vielleicht hätte hier, zumindest andeutungsweise, die Leitmotivtechnik weitergeholfen.

Die Besetzung:

Die Stimme der Schauspielerin Gina-Maria Maiwald wirkte stellenweise extrem  anstrengend, um nicht zu sagen enervierend, was auf eine weniger charmante Führung der Sprechstimme zurückzuführen war; vieles war über Gebühr betont  und konnte daher leicht an den Nerven zerren. Hier wäre ein nuanciertes Spiel mit der Stimme und eine weniger plakative Übertreibung bei der Textausdeutung vorteilhafter gewesen. Der Schauspieler Thorbjörn Björnsson war in seinem Spiel und seiner prägnanten Bühnenpräsenz herausragend. Eine grandiose, packende Leistung, die einfach begeisterte. Grandios, sowohl von der Bühnenpräsenz, wie auch von der Stimmführung, war die Mezzosopranistin Karina Repova. Ihr prägnanter Gesang und ihr differenziertes Spiel begeisterten sofort. Soomin Lee (Sopran) blieb in ihrer Darstellung etwas blässlich, obgleich auch sie beeindruckend sang. Für eine Rollenausdeutung, die sich dauerhaft einprägen könnte, hatte man ihrer Rolle leider zu wenig Raum gegeben.  Johann Kristinsson (Bariton) gelang eine großartige Gesangsinterpretation, mal lyrisch mal dramatischer und auch in den Duetten mit Karina Repova harmonierten beide großartig miteinander.  Julian Rohde (Tenor) gelang an diesem Abend, verglichen mit seinem Auftritt in der Tosca, eine überzeugendere Leistung. Alexander Chernyshkov und Andreas Eduardo Frank waren zudem auch noch für die Soundperformance zuständig. Ein innovativer, interessanter, musikalisch packender Abend, der einmal mehr einen Einblick gewährte, welche Möglichkeiten und beschreitbaren Wege es für die moderne Oper, hier besser gesagt, Musiktheater gibt. 
Sven Godenrath
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Opernexperte
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