Giacomo Puccini: Tosca (Hamburg, 21.03.2018)

Sicherlich kennen einige Leser die Suchbilder, wie man sie schon seit Jahren z. B. in der Hör Zu findet. Dort heißen diese dann -Original und Fälschung- und man wird angehalten, die Fehler im „falschen“ Bild, bzw. etwaige Abweichungen zu finden. Exakt dieses fand an diesem Abend in der Hamburgischen Staatsoper statt, als die rumänische Sopranistin Angela Gheorghiu eines ihrer wenigen Gastspiele in Hamburg zu Beginn der „Italienischen Wochen“ als Tosca gab. Zuletzt war sie als Mimi zu erleben, allerdings in nicht so guter stimmlichen Verfassung wie jetzt als Tosca. Im Programmheft hieß es -Tosca-: Inszenierung: Robert Carson; richtiger hätte es hier heißen müsssen: Frei nach einer Inszenierung von Robert Carson, denn einige „Kleinigkeiten“ wichen doch erheblich vom Original ab, wohl der Diva des Abends zuliebe.  Im ersten Akt trat die Sängerin ohne den dazugehörenden Pelzmantel auf und auch etwaige Ankündigungszettel, die sonst  dekorativ auf den Kirchenstühlen verteilt zu liegen haben, fehlten. Im zweiten Akt bei der versuchten Nötigung wird im Original Tosca von Scarpia gezwungen, ihr blaues Kleid auszuziehen, sodass ein schwarzes Unterkleid zum Vorschein kommt. An diesem Abend war es das einzige, dessen Tosca sich entledigte, der blaue Schal. Dann folgte eine in den „normalen“ Aufführungen nicht vorgesehene, zweite Pause. Im dritten Akt dann schliesslich Tosca im schlichten schwarzen Kleid. Der im Original vorgesehene Sprung von der römischen Engelsburg erfolgt dann ganz unspektakulär, indem Tosca auf den hinteren, in tiefes Schwarz getauchten Bühnenrand zueilt und mit erhobenen Händen, nur eine Sekunde von einem grellen Scheinwerfer beleuchtet, in die Tiefe springt; tut sie aber nicht wirklich, denn, trotz der inzwischen (fast) schwarzen Bühne ist doch zu erkennen, dass Tosca es doch vorzieht, seitlich von der Bühne zu schreiten. Mal was anderes.

Der italienische Dirigent des Abends, Pier Giorgio Morandi hatte mit dem Philharmonischen Staatsorchester trotz seiner herrlichen, getragenen Tempi so seine kleinen Probleme, klangen doch manche Töne aus dem Orchestergraben mitunter weniger präzise gespielt; mancher Ton gewann dabei einen leicht leierigen Klang: schade. Der Tenor des aus Italien stammenden Riccardo Massi ist eher lyrisch und in einigen tieferen Lagen weniger schallkräftig; auch neigt er stellenweise dazu, seine sehr schön timbrierte Stimme etwas „tränendurchtränKt“ in den Raum hinein zu projizieren, wie insbesondere in seiner letzten großen Arie. Dennoch war vom ersten bis zum letzten Akt eine zunehmende Steigerung zu bemerken, wobei ihm klar bescheinigt werden muss, die tenoralen Attacken dieser Rolle mit den Spitzentönen grandios gemeistert zu haben. Etwas peinlich wird es immer, wenn Dirigenten dazu neigen, nach Arien gewollte Applauspausen einzufügen; nicht schön für den Sänger, insbesondere dann, wenn, wie in diesem Falle, ein spontaner Applaus nach der ersten großen Arie im ersten Akt ausbleibt. Angela Gheorghiu was als Tosca mit ihrem wundervollen, „typischen“ Timbre schlichtweg überwältigend; grandios in ihrer divenhaften Interpretation dieser Rolle: Fantastisch in der Phrasierung; eine Sternstunde, wie man sie eher selten erlebt. Der Verfasser hat auf Tonträgern mit dieser Ausnahmesängerin nicht immer die Künstlerin in so überagender Form erlebt. Der italienische Bariton, Franco Vassallo, war als Scarpia mit seiner eher grobkörnigen Stimme der Inbegriff einer Interpretation dieser äußerst anspruchsvollen Rolle; ungeheuer präsent und bedrohlich wirkend, besonders in den dramatischen Sequenzen des 2. Aktes, der überhaupt in der gesanglichen Intensität und Wirkung  fulminant war, und einen Vergleich mit einigen bedeutenden Einspielungen nicht zu scheuen braucht. Alin Anca gab einen von der Klangfarbe her, eher düsteren Angelotti. Alexander Roslavets bestach als Sagrestano, Julian Rohde war als Spoletta leider von der Stimmführung her etwas zu unbeständig. Denis Velev war da als Sciarrone schon besser. Christian Bodenburg sang den Carceriere. Ruzana Grigorian, als Hirte zu hören, klang doch etwas zu reif. Hier ist doch eher ein jugendlicher Stimmtypus gefragt.

Nach dem sehr gelungenen Verdi-Requiem war diese Tosca ein ebenfalls grandioser Auftakt der Italienischen Wochen.

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