Alban Berg: Lulu (Hamburg, 27.01.2018)

Nach der Premiere im Februar 2017 hatte der Verfasser seine Eindrücke von dieser außerordentlich beeindruckenden Produktion dieses einzigartigen und geheimnisvollen Werkes (uraufgeführt 1937) auf seiner Internetseite beschrieben. Ein erneuter Besuch, fast 1 Jahr später, bestätigte die hochrangige Inszenierung mit grandiosen, gesanglichen und orchestralen Höchstleistungen unter der Leitung von Kent Nagano.
Die für das Verstehen dieses unvollendet gebliebenen Werkes ist gleich zu Beginn die Szene vielsagend, als der Tierbändiger während einer Zirkusvorstellung verschiedene Tiere vorstellt und auch das „schönste, gefährlichste Raubtier: das Weib. Sie ward geschaffen, Unheil anzustiften, zu verlocken, zu verführen, zu vergiften und zu morden…ohne dass es einer spürt“. Diesem Anspruch an die Rolle wird, wie schon in der Premiere, die kanadische Sopranistin, Barbara Hanigan auf phänomenale Art und Weise gerecht. Ihre Lulu ist kindlich, naiv, vordergründig unschuldig und berechnend zugleich: Eine reine „Kindfrau“, die Männer anzieht, wie „die Motten das Licht und wenn sie verbrennen, dafür kann sie nichts“ Ihre gesangliche Bewältigung dieser ungemein anspruchsvollen Rolle ist einzigartig. Ihr stehen alle Facetten gesanglichen Ausdrucks zur Verfügung, vom zarten Piano bis zum fulminanten Forte und bis zum Todesschrei, alles verbunden mit halsbrecherischen Koloraturen bis hin zu, vom Zuhörer nicht definierbaren Höhen. (Eigentlich unsingbar!) Die aufreizende Laszivität der Figur Lulu wird in dieser Inszenierung mit akrobatischen Turnübungen charakterisiert. In allen Körperhaltungen, auch kopfüber, virtuos zu singen, macht dieser Sängerin so leicht niemand nach. Eine grandiose Leistung!.
Angela Denoke gab der Gräfin Geschwitz eine von der Stimme her, dunkle aber auch sehr elegante Note. Jochen Schmeckenbecher gestaltete den Dr. Schön und Jack the Ripper. Matthias Klink war trotz einer angekündigten, stimmlichen Indisposition als Alwa einmal mehr brilliant. Sergei Leiferkus bestach als Schigolch. Peter Lodahl, ebenfalls saisonal stimmlich angeschlagen, überzeugte als Maler und Neger (so heißt die Rolle). Marta Swiderska paßte stimmlich hervorragend zu den Rollen einer Theater-Garderobiere und eines Gymnasiasten. Jürgen Sacher als Prinz, Kammerdiener und Marquis war auch an diesem Abend in stimmlich guter Form. Ivan Ludlow als Tierbändiger und Athlet machte in beiden Rollen eine gute Figur und war auch gesanglich überzeugend. Die weiteren Sänger in ihren Rollen: Martin Pawlowski als Medizinalrat, Polizist und Professor, Denis Velev als Theaterdirektor, Marc Bodnar als Auguste Aartinelli, Bianetta Gazil als Liliana, Begona Quinones als Madelaine, Sasha Rau als Ludmilla, Sylvana Seddig als Kadéga rundeten das herausragende Ensemble trefflich ab.
Der dritte Akt konnte von Alban Berg nicht mehr auskomponiert und orchestriert werden. Das Besondere an dieser Produktion ist, dass man überlieferte, musikalische Skizzen auf dem Klavier (Bendix Dethleffsen) erklingen ließ, mit Begleitung einer Violine (Veronika Eberle). Als besonderen, genialen Kunstgriff entschloss man sich für diese Produktion an der Staatsoper, das im gleichen Zeitraum entstandene Violinkonzert „Zum Gedenken an einen Engel“ von Alban Berg, sozusagen als 4. Akt und Trauermusik (was dieses Werk vom Ursprung her wirklich ist) als Finale einzufügen, begleitet von einer Pantomime, in die sich die ermordete Lulu einreiht. Dieses Violinkonzert, das häufig auch bei Sinfoniekonzerten dargeboten wird, wurde von der deutschen Geigerin, Veronika Eberle, wie schon in der Premiere, grandios, man könnte auch sagen, sensationell vorgetragen.  Kent Nagano und das Philharmonische Staatsorchester, Hamburg zauberten einen wohl kaum zu übertreffenden Berg -Klangteppich. Ein Abend, wie man ihn immer wieder er- und durchleben möchte: grandios. Großer Jubel für alle Beteiligten
Sven Godenrath
Advertisements

Über godenrath

Opernexperte
Dieser Beitrag wurde unter 03.18. Verschiedenes veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s