Richard Wagner: Die Walküre (Hamburgische Staatsoper, 07.01.2018)

Ohne Zweifel: Kent Nagano und das Philharmonische Staatsorchester, Hamburg gehörten zu den Gewinnern dieses ansonsten nicht ganz ungetrübten Abends. Die ganze dramatische Wucht dieser Partitur, verbunden mit der schon „süchtig“ machenden Melodik der lyrischen Sequenzen wurden unter der energisch und einfühlsamen Leitung Kent Naganos‘ im wahrsten Sinne des Wortes zum Klingen gebracht. Die beeindruckende Leistung der Bläser, der berückende Klang der Streicher und bravouröse, solistische Leistungen im Orchester ergaben einen Bayreuth-reifen Wagnerklang. Grandios!
Ebenso ohne Zweifel: Die ideale Besetzung der Sieglinde und des Siegmund. Die US-amerikanische Sopranistin, Jennifer Holloway mit ihrem strahlenden, von einem enormen Klangvolumen gesprägten Sopran und der erfahrene, Bayreuth- erprobte, ebenfalls US-amerikanische Tenor, Robert Dean Smith mit seinem gewohnt-berückenden Timbre und beeinduckend in den lyrischen und dramatischen Sequenzen zugleich, gestalteten die sich zögernd, aber dann leidenschaftlich sich entwickelnde, verbotene Geschwisterliebe -die zentrale Handlung des 1. Aktes – einfach grandios, wobei Siegmund’s Wälsungenrufe  etwas dramatischer hätten ausgeformt werden können. Aber dennoch: Eine, nach Meinung des Verfassers, heute kaum zu überbietende Leistung in Gestaltung dieser einzigartigen Rollen. Ein weiterer Glanzpunkt des Abends! Dem chinesischen Bassisten, Liang Li gelang ein großartiger Hunding. Trotz seiner eher lyrisch geprägten, aber markant auftrumpfenden Stimme, gelang ihm eine großartige, stimmliche Ausformung des Hunding.
Ebenfalls ohne Zweifel: Der Bariton Matthias Görne ist ein zu Recht weltweit gefeierter Liedinterpret, gesegnet mit einer dunkel und warm timbrierten Stimme mit fulminanter Technik. Als Wolfram könnte man sich ihn vorstellen, aber er ist kein Wotan und daher leider keine adäquate Besetzung dieser äußerst anspruchvollen Rolle. Obwohl Kent Nagano nun schon auf seine weniger raumfüllende Stimme (für dieses schwere Fach) Rücksicht nahm, indem er das Orchester z.T. zurückfuhr, wollte die Stimme nicht die nötige Schallkraft aufbringen. Ärgerlich, insbesondere, wenn Wotan beim Feuerzauber seine Macht demonstrieren will und manche, musikalisch besonders ausgeprägte Passagen dieser hoch anspruchsvollen Arie vokal nicht „rüberkamen“ und nur mit Mühen durchgehalten werden konnten. Ähnlich war es um Lise Lindströms‘ Brünnhilde bestellt. Mag sie als Salome und Elektra eine Idealbesetzung sein; als Brünnhilde ist ihr Sopran einfach zu schlank; hier ist mehr Volumen gefragt. Leider brach auch in einer entscheidenden Szene mit ihrem Vater Wotan im 3. Akt ihre Stimmführung kurz ab. Wenn eine Sieglinde, wie an diesem Abend, ein wesentlich größeres Volumen, eine enormere Intensität und eine dramatischere Höhe als eine Brünnhilde hat, dann müsste sich das Besetzungsbüro schon einige Fragen stellen. Mihoko Fujimura war mit ihrer eher warmen, stimmlichen Ausstrahlung eine ideale Fricka. Man müsste schon lange zurückdenken, um zu erinnern, wann man diese Ausnahmepartie im Wagnerfach so überzeugend erlebt hat.
Die darstellerisch gleichgeschaltete Schar der Walküren (Julia Maria Dan als Helmwige, Hellen Kwon als Gerhilde, Gabriele Rossmanith als Ortlinde, Nadezhda Karyazina als Waltraute, Katja Piewecl als Siegrune, Dorottya Lang als Rossweiße, Ann-Beth Solvang als Grimgerde und Maartha Swiderka als Schwertleite) hinterließ einen sehr zwiespäligen Eindruck. Hier duellierten sich vokal die Damen mit den charmanteren Stimmlagen (u. a. Katja Pieweck, Dorottya Lang) mit den Walküren die leider einen eherw engier charmant anmutenden Stimmklang erzeugen, das Resultat: Es lang über längere Strecken sehr uncharmant und mitunter sehr schrill. Die Szene erinnerte eher an einen Zickenkrieg, was sicherlich auch am eher unsäglichen Regieeinfall, von den Damen Betten kreisen zu lassen, gelegen haben mag.
Überhaupt: Die Inszenierung von Claus Guth vom Okt. 2008 im Rahmen des Hamburger Rings überzeugt nicht und ist stellenweise unverständlich und nicht wirklich schön, wie es aber z.B. der gegenwärtige Ring in Leipzig ist (Dirigat: Ulf Schirmer), wovon sich der Verfasser im Juni 2017 überzeugen konnte.

Musikalisch war diese Walküre durch grandiose, sängerische Einzelleistungen und das überzeugende Dirigat Kent Naganos‘ mit seinen hervorragend disponierten Philharmonikern durchaus ein Erlebnis.        Sven Godenrath

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Opernexperte
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