Giacomo Puccini: La Rondine (Die Schwalbe) Hamburgische Erstaufführung in deutscher Sprache(Allee Theater in Hamburg Altona; 15.12.2017)

Wie immer, wenn sich das Allee Theater eines Opernstoffes annimmt, darf man angenehm überrascht sein, welche Ideen zu diesem Sujet entwickelt werden, um die Oper zeitgenössisch und dennoch librettogetreu umzusetzen. Dieses 1917 in Monte Carlo uraufgeführte Werk Puccini’s wird häufig als Operette bezeichnet, was es sicherlich nicht ist. Überhaupt, das Genre Operette dürfte in der italienischen Musiktradition wohl kaum nachzuweisen sein.
Ini Gerath, die sehr einfühlsam für die Regie und für die deutsche Textfassung verantwortlich zeichnet, verlegte das Stück in die Pariser Modewelt und schrieb dazu ein Libetto, das mit der Musik hervorragend harmonierte. Bühnenbild und Kostüme stammen von Ursina Zürcher; kleiner Laufsteg im ersten Bild und diese herrlich kitschigen Kunstblumen in den Blumenkästen, mit der kleinen Wäscheleine und dem niedlichen Gießkännchen, reichen hier zur Charakterisierung der Umgebung vollkommen aus. Die gelungene Choreographie ist von Tim Koller. So spielt der erste Akt im Modesalon des Modeschöpfers Rambaldo, der gerade seine Neue Kreation für den Laufsteg inszeniert. Er ist zudem die aktuelle Liebschaft von Magda (der Schwalbe) die nicht nur als Modell für ihn tätig ist und mit teuren Geschenken vom ihm geradezu überhäuft wird und es scheint, dass die Beziehung wohl schon etwas länger andauert, in der sie offensichtlich nicht unglücklich aber auch nicht richtig glücklich ist. Irgendetwas fehlt und dieses Etwas erscheint dann in Form eines jungen Mannes, Roger, einem „Landei“, welcher von Gobin angeschleppt wird. Magda ist schon gleich in der ersten Sekunde über beide Ohren verliebt und trennt sich zum Ende des zweiten Aktes von Rambaldo. Zum Ende des dritten Aktes geben die Mutter (streng gläubig, verspricht für Magda zu beten, wenn sie denn ein „gutes Kind“ sei)  und auch der Vater von Roger ihren Segen, sodass beide gemeinsam (also zu viert) im elterlichen Hause, irgendwo in der Wallachei leben könnten. Magda zieht aber die Notbremse und kehrt nach Paris zurück; sie verlässt Roger.
Ähnlich wie in La Boheme wird hier einem Paar, das sich sucht und zum Ende doch nicht findet, einem Buffoduo gegenübergestellt. Waren es in La Boheme Musette und Marcello, so sind es hier das zänkische Paar Prunier, ein Autor und Lisette, eine Opernsängerin, deren große Karriere zum Ende ausbleibt, und die, trotz ihrer Kappeleien, miteinander glücklich sind.
Die Besetzung kann sich wie üblich hören und auch sehen lassen. Robert Elibay-Hartog sorgte mit seinem freien, gutgebauten Oberkörper für mehr Aufmerksamkeit, als mit seiner Stimme. Leider waren seine gesanglichen Leistungen als Gobin an diesem Abend weniger überzeugend, als noch in der vorangegangenen La Gazetta, wo er den Verfasser darstellerisch und auch stimmlich begeisterte. An diesem Abend blieb er gesanglich leider etwas blass. Der Tenor Richard Neugebauer als Prunier, mit deutlich gestutzter Haarpracht, hat eine Stimme mit Wiedererkennungswert mit schönem Timbre und sie hat an Volumen hinzugewonnen. Der Verfasser erlebt bei ihm von Mal zu Mal eine beeindruckende Steigerung, verglichen mit seinen ersten Auftritten, die der Verfasser an diesem Haus erlebt hat. Die Sopranistin Luminita Andrei, bisher eher in dramatischeren Rollen an diesem Hause zu erleben gewesen; jetzt einmal in einer eher lyrischen Rolle und auch hier ging die Rechnung auf. Dank der Wärme ihres Stimmtimbres und ihres Charmes gelang ihr ein großartiges Rollenporträt. Der Tenor Ljuban Zivanovic bot stimmlich eine großartige Leistung. Mit seiner leicht ansprechenden Höhe und seinem schönen Timbre gelang ihm als Roger eine hervorragende Rollenumsetzung. Auch darstellerisch überzeugte er als eher introvertierter und stellenweise auch gefühlsmäßig etwas überfordert wirkender Roger. Eine so selbstbewusste femme fatal wie Magda war ihm bis dato wohl noch nie begegnet und da es sein erster Besuch in Paris ist, schleppt ihn die Viererclique auch gleich in den Club Bullier. Feline Knabe, wirkte hier von der Kostümierung her etwas altjüngferlich; gab allerdings mit ihrem herrlichen Stimmtimbre eine großartige Yvette und man bedauerte, dass die Rolle nicht größer angelegt ist. Natascha Dwulecki  war als kokette, extrovertierte Lisette einfach umwerfend, sowohl stimmlich wie auch darstellerisch. Titus Witt gab als selbstverliebter Modeschöpfer Rambaldo eine überzeugende Charakterstudie; darstellerisch wirkt er immer, selbst wenn es noch so übertrieben wirkt,  glaubwürdig. Man nimmt es ihm einfach ab, dass sich diese Figur so benimmt. Eine Kunst und eine besondere Gabe, die leider nicht jedem gegeben ist. Ettore Prandi und sein Orchester lieferten hierzu den idealen Klangteppich. Grandios auch wiederum die einzige Ensembleszene. Die Engführung der Stimmen gelang wie immer tadellos. Dadurch, dass die Oper im ersten Akt in einem Salon; im Zweiten in einer Bar und im dritten Akt in „Balkonien“ in dieser Inszenierung spielt, wirkt die musikalische Umsetzung mit einem auf „Salonstärke “ reduzierten Orchester von der ersten bis zur letzten Note sehr authentisch. Ein großartiger, kurzweiliger Abend, bei dem man sich bestens unterhalten fühlte.
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