Franz Schreker: Der ferne Klang „Lübecker Erstaufführung“ (Theater Lübeck 21.10.2017)

Es ist für jedes Opernhaus schon eine enorme Herausforderung, dieses personalintensive, 1912 in Frankfurt/Main uraufgeführte Werk auf die Bühne zu bringen. Das ist dem Theater Lübeck im Rahmen einer Erstaufführung grandios gelungen!
„Der ferne Klang“, „Die Gezeichneten“ und „Schatzgräber“ sind die heute bekanntesten und in ihrer Entstehungszeit erfolgreichsten Werke des 1878  in Monaco geborenen und 1934 zu Beginn des „Nazireichs“ in den Tod getriebenen, österreichischen Komponisten und Dichters Franz Schreker. Gesellschaftliche Probleme, geradezu Begierden und Abgründe menschlichen Verhaltens sind Inhalte seines Schaffens, und von ihm textlich symbolträchtig, fesselnd, drastisch, aber auch hochpoetisch und emotional meisterhaft „verdichtet“. Anders als Berg, Schoenberg und andere Komponisten seiner Zeit, blieb Schreker der (ausklingenden) Romantik verbunden, obwohl Einflüsse der „Moderne“ mit außergewöhnlichen Klangfarben nicht zu verkennen sind. Nach Wagner und zu Zeiten von Strauss und Puccini, hat Schreker seinen eigenen Stil bewahrt; man könnte sagen, dass er in einigen Seqenzen seiner überaus vielschichtigen, glühenden, manchmal sinnlichen Klangbilder den Klangrausch einiger Strausswerke noch übertroffen hat.
Der hier kurz geschilderte Inhalt dieser Oper besteht aus zwei, eigentlich sehr unterschiedlichen Handlungen, die aber auf sehr subtile, emotionale und geheimnisvolle Weise miteinander verbunden sind. Der junge Komponist Fritz, auf der Suche nach dem fernen, idealen Klang, sozusagen nach dem „Goldenen Schnitt der Musik“ für seine neue Oper, liebt Grete, ein Mädchen, das in ärmlichen, geradezu trostlosen familiären Verhältnissen mit einem, dem Alkohol verfallenen Vater lebt. Fritz zieht es aber vor, sich zu trennen, um weiter den „fernen Klang“ zu suchen, während Grete nach einigen Wirren zwangsverheiratet und zur Prostitution gezwungen wird. Im Auf und Ab Ihrer Karriere als Edel-Kurtisane trifft sie in großen, zeitlichen Abständen auf Fritz, bis beide nach dem Misserfolg seiner neuen Oper erkennen, dass sie füreinander bestimmt sind. Es ist aber zu spät; Fritz stirbt, ohne den fernen Klang gefunden zu haben. Irgendwie scheinen fast alle Hauptfiguren nach einem „Fernen Klang“ in ihrem Dasein zu suchen; niemand scheint ihn zu finden, sich nicht eingestehend, dass es ihn wohl auch nicht gibt und alle Hoffnung vergebens ist.
Die Handlung trägt wohl gewollte, satirische Anspielungen auf Vorgänge der damaligen Zeit, trotz aller Tragik. Der Regisseur, Jochen Biganzoli, der zuvor schon sehr erfolgreich die „Lady Macbeth von Mzensk“ in Lübeck in Szene gesetzt hat, zeigt auch in dieser Produktion, dass er sehr komplexe Werke mit viel Fantasie und einer sehr überzeugenden Personenführung, eindrucksvoll auf die Bühne bringen kann. Unterstützt wird dies durch eine eher spärliche Ausstattung von Wolf Gutjahr, die aber einen sehr stimmigen Rahmen für das Geschehen bereitet. Ein enges, schuhkartonartiges Wohnzimmer auf der ansonsten leeren, dunklen Bühne vermittelt die trostlose Umgebung, in der Grete lebt. Die Glitzerwelt der Kurtisanen wird durch bühnenhohe, lamettaähnliche Vorhänge (Loriot: „Früher war mehr Lametta“) an den drei Bühnenseiten wirkungsvoll dargestellt, alles gut beleuchtet von Falk Hampel und farbenfroh kostümiert von Katharina Weissenborn. Einer der Höhepunkte der Inszenierung ist nach der „Inthronisierung“ Gretes‘ im Bordell im glitzernden Kostüm in einer Art gläsernen, etwa 3 Meter hochgehievten Telefonzelle unter der sich eine Horde befrackter Männer nach Grete verzehrt, die Aufforderung an das Publikum, sich in die Foyers zu begeben und sich bei (echtem Sekt) und Häppchen (wohl aus Etatgründen nicht erhältlich), unter die sich anbietenden Damen in glitzernden Kleidern mit Perücken und Sonnenbrillen zu mischen, wohl als eine Art Kontakthof gedacht, von launigen Gesängen einiger Solisten begleitet. Ein toller Regieeinfall!
Dem Dirigenten des Abends, Andreas Wolf, derzeit kommissarischer GMD für Konzert und Oper in Lübeck, ist ein ganz großer Wurf gelungen. Er besitzt das außergewöhnliche Talent, bei aller Liebe zum musikalischen Detail, dabei das Ganze nicht aus den Augen zu verlieren. Das gelingt selbst namhaften, schon auf eine längere Karriere zurückblickenden Pultstars nicht immer. Die orchestrale Umsetzung dieser sehr anspruchsvollen Partitur gelingt überaus brilliant und spannend und vermittelt den Eindruck, dass Orchester und Dirigent mehr aus den Noten „herausgespielt“ haben, als bislang anderweitig zu erleben war. Eine grandiose Leistung, die Andreas Wolf erneut zu höheren Weihen in der Hansestadt empfiehlt.
Die deutsche Sopranistin, Cornelia Ptassek (Rollen: Senta, Medea, Alceste, Contessa, Violetta, Agathe, Feldmarschallin, Ariadne etc.)  gelang es bravourös, alle Facetten der enorm herausfordernden Rolle der Grete darstellerisch und gesanglich grandios herauszuarbeiten. Im ersten Akt, die etwas kindlich naive Grete, im zweiten dann die abgebrühte, aber  desillusionierte „Dirne“, als welche sie von ihrem früheren Geliebten Fritz bezeichnet wird und im dritten Akt dann die von ihrem gräflichen Ehemann schon nach wenigen Jahren verlassene Grete, die auf der Straße anschaffen gehen muss, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können und sich tagsüber die Freier vergangener Nächte vom Hals halten muss. Die Künstlerin besticht mit eher dunkel timbrierter Stimme und einer enormen Ausdrucksskala, sowohl  in den lyrischen, wie auch dramatischen Passagen. Eine  bezwingende Sängerdarstellerin mit großer Bühnenpräsenz.  Der ungarische Tenor, Zoltan Nyari, –wer bisher immer dachte, nur Strauss-Tenöre hätten es schwer; bei Schreker geht es ihnen auch nicht viel besser–, gestaltet die Partie des Fritz, gespickt mit hohen Tönen, die nur ein Tenor mit einer guten Technik makellos  auszuformen versteht. Zoltan Nyari nahm  jede Klippe, die Höhe sprach leicht und scheinbar mühelos an. Eine großartige Rollengestaltung. (Zu seinem Repertoire gehören u.a. Siegmund, Hoffmann, Tristan, Froh, Don Jose und Erik)  Der Bariton, Tim Stolte, mit seinem runden, eleganten Baritonklang, als guter Freund im letzten Bild zu hören, gab einen großartigen Rudolf. Steffen Kubach überzeugte als Vater und Andrea Stadel gab eine überzeugende, gebeutelte Mutter. Taras Konoshchenko war gleich in mehreren Rollen vertreten, sowohl als Wirt, als Baron und Polizist zeichnete er jedesmal ein großartiges Rollenporträt mit seinem runden, ansprechenden Stimmklang. Johan Hyunbong Choi bestach als Schmierenschauspieler, Graf und Schauspieler; ein großartiger Sänger und Darsteller. Gerard Quinn interpretierte einen fulminanten Dr. Vigelius, wie immer mit grandiosem Stimmeinsatz. Wioletta Hebrowska war in den Rollen, Ein altes Weib, Eine Spanierin, als Kellnerin und Ein Mädchen mit ihrem fulminanten Mezzo einer der Höhepunkte des Abends. Evmorfia Metaxaki als Mizi , Caroline Nkwe als Milli, die nicht nur wegen ihrer Haut- sondern auch wegen ihrer sinnlichen Stimmfarbe herausstach  und Emma McNairy als Mary, gaben ein Damentrio par exellence. Nicht zu vergessen, der grandiose Chor und Extrachor des Hauses, die Gäste, sowie die Zigeunerkapelle und die Venezianische Banda. Ein grandioser Abend, den man sich nicht entgehen lassen sollte.

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