Giuseppe Verdi: La Traviata (Hamburgische Staatsoper 06.10.2017)

Der Beginn dieser Inszenierung mit Paraphrasen aus diesem Werk – von Jakob Neubauer auf der völlig kulissenlosen Bühne auf dem Akkordeon gespielt -, ist schon ein Höhepunkt gleich am Anfang, bevor das Vorspiel zur Oper einsetzt. Einen so stimmungsvollen Einstieg in diese Oper erlebt man nur selten. Z.B. die Introduktion, gespielt vom Philharmonischen Staatsorchester Hamburg unter der Leitung von Christoph Gedschold, gelang, trotz eines insgesamt überzeugenden Verdi-Klanges, leider etwas weniger stimmungsvoll: die Musik hätte fragiler und im späteren Verlauf vor allem an manchen Stellen getragener interpretiert werden müssen, denn bei manchen, flotten Tempi geriet so der eine oder andere (entweder der Chor oder der Tenor) etwas in Bedrängnis. In der großen Szene ab „Alfredo, voi“ im zweiten Teil des zweiten Aktes, bewegt sich der Chor in flottem Tempo, während beim Einsatz der Violetta das Tempo erheblich zurückgenommen werden musste, um hier die adäquate Stimmung zu erzeugen, was aber nicht 100-prozentig gelang.
Der junge armenische Tenor Liparit Avetisyan, der dieses Jahr auch häufiger in Berlin zu erleben sein wird, ist in der Rolle des Alfredo immer dann besonders gut, wenn sich seine Stimme in getragener Orchesterbegleitung langsam entfalten kann; wird das Tempo hingegen zu sehr angezogen, wird die Stimme matt und verliert an Resonanz, was angesichts dieser doch sehr klangvollen, aber eben auch sehr lyrischen Stimme schade ist. Seinen absoluten Höhepunkt erlebt er während seiner Arie „Dei miei bollenti spiriti“. Wundervoll ausgeformt, einfach toll gesungen; so differenziert ausgedeutet erlebt man diese Arie selten. Dann aber, an anderen Stellen, wurde die Stimme mitunter etwas „weinerlich“. Im großen und ganzen eine gelungene Rollenumsetzung.
Die aserbaidschanische Sopranistin Dinara Alieva war mit ihrer vollen, runden, ausgeglichenen Stimme und ihren grandios schimmernden Koloraturen der Höhepunkt des Abends. Ihre Rollenumsetzung, sowohl in den dramatischen Ausbrüchen, wie auch in den lyrischen Momenten, einfach grandios. Das Werk hat zwei Stellen, an denen man aufpassen muss. Z.B. bei den raschen Koloraturläufen im Schlussteil ihrer großen Arie zum Ende des 1.Aktes, wo manche Interpretinnen eher wie ein „hechelndes Hündchen“ klingen; sie umschiffte diese Klippe äußerst geschickt, in dem sie die Koloraturen etwas abwandelte und dann die Briefszene im dritten Akt. Viele Sängerinnen fangen hier mit viel zu tiefer Sprechstimme an und gehen dann übergangslos in die hohen Lagen und ruinieren damit den Gesamtausdruck. Die Künstlerin fing mit einer etwas tiefer gefärbten Stimme an und schaffte dann den eleganten Übergang von der Briefszene in die anschließende Arie. Eine der besten aktuellen Sängerinnen dieser Rolle.
Hervorragend war an diesem Abend auch der spanische Bariton Juan Jesus Rodriguez mit seiner vollen, tönenden, elegant geführten Stimme in der Rolle des Giorgio Germont. Die Arie La provenza kann in manchen Fällen in „Leierkastenmanier“ ausarten. Hier gelang sie bravourös, differenziert und toll ausgeformt. Ruzana Grigorian, neu im internationalen Opernstudio an der Staatsoper, gab eine tolle Annina. Nadezhda Karyazina erlebte man selten stimmlich so sinnlich timbriert wie an diesem Abend; eine gelungene Rollenumsetzung der Flora. Alin Anca überzeugt als Dr. Grenvil. Shin Yeo, ebenfalls neu im internationalen Opernstudio, gab den Marchese d’Obigny überzeugend und Johann Kristinsson, auch neu im internationalen Opernstudio, muss noch etwas an seiner Stimme arbeiten. Nicht überzeugend waren Sergei Ababkin als Giuseppe; die Stimme saß nicht richtig und klang so gar nicht und Gheorghe Vlad, bei dem es sich leider ähnlich verhielt. Den Commissionario sang Peter Veit, und als Gastone Peter Galliard, den man auch schon besser bei Stimme erleben konnte. Insgesamt ein gelungener Abend mit kleinen Schwächen in den Tempi und mitunter in der Interaktion zwischen Orchester, Chor und Solisten.
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