Jesse Broekman / Irene Quero: Immer weiter (Hamburg 09.07.2017)

Aufgrund des G-20 Gipfels hatte sich der Verfasser entschlossen, die dritte Vorstellung dieser Welturaufführung zu besuchen. Das etwa 1-stündige Werk entstand im Rahmen eines Gemeinschaftsprojektes „15 Kulturschaffender“ aus verschiedenen Kunstrichtungen, um ein „Musiktheaterstück über eine Gesellschaft zu entwickeln, die über das Aufstehen redet und dabei sitzen bleibt“. (Zitat aus dem Jahresprogramm des Hauses).
Der Raum der opera stabile war ganz in klinischem Weiß gehalten. Auf drei Seiten standen weiße Hocker ohne Lehne in zwei Reihen hintereinander arrangiert. Auf der Bühne gab es viel Toastbrot, das immer wieder anders, überwiegend später in immer zerkleinerterer Form auf dem nahezu gesamten Boden verteilt wurde. Im Laufe des Abends gesellte sich dann  Sellerie in enormen Mengen hinzu, der in einer Art kollektiv rhythmischem Wettbewerb zerkleinert wurde. „Verhungern“ mußte an diesem Abend bestimmt keiner und alle, die noch immer nicht wussten, in welchem Ambiente sich das Bühnengeschehen abspielte ahnten schnell: in einer Nervenheilanstalt. Die 7 Solisten hatten sich im Raum bereits auf den Sitzmöbeln verteilt, als man eintrat; links neben dem Verfasser saß gleich zu Beginn Patryk Rrymanowski (Bass). Zak Kariithi ( Bariton) litt unter einem Sauberkeitsfimmel. Narae Son, grandios in ihrer Mimik, mit ihren teilweise hohlen, toten Augen,  die keine Emotionen zulassen wollten, wollte sich permanent das Leben nehmen; zu Beginn vor einem kleinen Spiegel, erst mit einem Messer die Halsschlag-, dann die Pulsader. Später bot sie sogar dem Verfasser ihr Messer an; dieser lehnte dankend ab. Ihre große, runde Stimme prädestiniert sie schon jetzt für Rollen wie Elvira, Maria Stuarda oder Anna Bolena. Patryk Rymanowski arangierte erst Toastbrote, später  Blumentöpfe. Runde, gut geführte Stimme mit einem großartigen Mienenspiel. Marta Swiderska, (Mezzosopran), war sehr präsent und vor allen vom Stimmklang her charmanter, als in anderen Rollen, in welchen sie der Verfasser schon des öfteren auf der großen Bühne der Hamburgischen Staatsoper erlebt hat. Sascha Emanuel Kramer (Tenor) gab ebenfalls eine gute, gesangliche Leistung. Denis Velev (Bassbariton), war ebenfalls bestechend gut in seinem Spiel und seinen gesanglichen Leistungen. Sergei Ababkin war in seiner Rolle extrem schreckhaft; es gab sich aber im Laufe des Abends. Seine Stärken liegen, neben seiner gut geführten Stimme, eher in der Interaktion mit anderen und in seinem intensiven Spiel, weniger in der Mimik. Zum Ende hatte Narea Son ihr Ziel erreicht und sich mit einer Schnur selbst erwürgt während sie sich immer schneller um sich selber drehte. Die Musik war modern, aber nicht gänzlich atonal, insbesondere in der zweiten Hälfte. George Jackson entlockte dem Orchester, bestehend aus jeweils einer Violine, einer Viola, einem Violoncello, zwei Flöten, zwei Posaunen, einem Schlagzeug und einem Akkordeon, mit seinem straffen Dirigat, einen mitreißenden Sound. Der musikalisch opulentere Teil entstammt der Feder von Jesse Broekman; der eher kammermusikalisch anmutende aus der Feder von Galindo Quero. Das Libretto war eher eine Aneinanderreihung fragmentartiger Satzteile oder einzelner Wörter.
Ärgerlich, dass das Interesse an diesem Abend eher zurückhaltend war; nur wenige Zuschauer wollten sich von den hervorragenden Leistungen aller Beteiligten mitnehmen lassen auf eine berückende, stellenweise aber auch verstörend wirkende Reise. Die Stimmen aller Solisten waren perfekt aufeinander abgestimmt und die gute Personenführung ergab beeindruckende Ensembleszenen. Ein gelungener, wirkungsvoller Abend.
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Opernexperte
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