Bachelorprüfung Yuan Chai (Hamburg-Harburg;Rathaus, 06.07.2017)

Leider waren die klimatischen Verhältnisse in diesem, mit rund 200 Personen bis auf den letzten Platz gefüllten Saal des Harburger Rathauses nicht optimal. Die Fenster wurden zu Beginn verschlossen; eine Belüftung gab es nicht.
Auch die Klavierbegleitung von Mosche Landsberg trug nicht gerade zu einem besseren Klima bei. Die Töne aus dem Klavier wirkten, als ob jemand Musik buchstabieren würde. Die Noten klangen zu wenig gebunden und auch wurde sehr hart gespielt mit zu wenig musikalischem Einfühlungsvermögen. Dass das Lied zur sogenannten Königsklasse der klassischen Gesangsausbildung gehört, scheint sich allgemein noch nicht überall herumgesprochen zu haben; so war der überaus symphatisch wirkende, junge Tenor Yuan Chai aus der Klasse von Prof. Geert Smits an der Musikhochschule Hamburg, mit seinem überaus liedlastlastigen Programm leider etwas überfordert. Bei einer Prüfung sollte man überwiegend damit zu punkten versuchen, was man am besten kann, nicht damit,  wo noch Nachholbedarf besteht. Der Verfasser möchte behaupten, dass dieser junge Tenor das Opernfach anstrebt und daher ist es nicht verständlich, dass hier nicht der Schwerpunkt im Programm war. Kaum zu glauben, dass EU-Richtlinien diese „Macht“ haben!
Die Stimme ist vom Klangcharakter her außergewöhnlich ansprechend und technisch hervorragend gebildet. An manchen Stellen ( Ich grolle nicht) bekam der Verfasser stellenweise „Gänsehaut“, weil hier wirklich gut und einfühlsam gesungen wurde. Die 10 Lieder aus Schumanns‘ Dichterliebe litten allesamt an einer verbesserungsfähigen, deutschsprachlichen Ausformung; dabei ist gerade dieses das A und O des Liedgesanges. Es wurde stellenweise sehr nuanciert interpretiert, aber immer wieder wurden Endungen oder auch ganze Worte verschluckt. Weiteres Sprachtraining dürfte hilfreich sein. Besser war es auch nicht bei den beiden Liedern von Gabriel Faure` wo der Verfasser mitunter nicht ausmachen konnte, in welcher Sprache hier gesungen wurde, da ganze Textpassagen „verschluckt“ wirkten. Bei der Arie „Un momento di contento“ aus Händels‘ Alcina zeigten sich noch leichte Schwächen in der Koloraturbildung, aber von der sprachlichen Ausformung her (italienisch)  und der gesanglichen Umsetzung, war der Sänger hier voll in seinem Element,  schlüssig im Aufbau und großartig in der expressiven Gestaltung; hier liegen die wirklichen Stärken dieses jungen Tenors; darauf hätte man sein Programm schwerpunktmäßig aufbauen müssen. Nur eine Arie genügt nicht. Die 2. Opernarie (Aus La Traviata) wurde durch ein weiteres Lied ersetzt. Zum Glück war da noch eine Arie und Rezitativ aus Haydns‘ Oratorium „Jahreszeiten“. Diese wurden mit einer Innenspannung und einer dramatischen Intensität vorgetragen, die aufhorchen ließ. Sprachliche Schwierigkeiten fielen hier nicht auf.  Die drei Lieder (Wohin, Danksagung an den Bach, Der Neugierige) wurden schön gesungen, aber sprachlich nicht sehr präzise. Zum Abschluß dann ein beeindruckend schön und expressiv vorgetragenes, chinesisches Lied.
Fazit: Tolle Stimme, hervorragendes Timbre, ein großartiges, musikalisches Gespür, nur an der deutlichen Artikulation des Textes ist Verbesserungsbedarf. Nicolai Gedda wäre hier ein gutes Beispiel für eine professionelle Artikulation in diversen Sprachen.
Yuan Chai ist ein sehr begabter Tenor. Für den Verfasser dürfte feststehen, dass die Welt der Oper seine Bestimmung ist, in der er seinen Weg gehen wird.
Advertisements

Über godenrath

Opernexperte
Dieser Beitrag wurde unter 03.16. Verschiedenes veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s