Richard Wagner: Der fliegende Holländer (Opernhaus Lübeck, 09.06.2017)

Die letzte Premiere der Spielzeit 2016/2017 war Richard Wagner’s „Der fliegende Holländer“ vorbehalten. Wer diese Oper in einer in sich schlüssigen, modernen Inszenierung mit einer herausragenden Besetzung erleben will, muss nicht nach Bayreuth pilgern: Lübeck kann hier musikalisch durchaus gleichziehen. Hatte der scheidende GMD Ryusuke Numajiri (kommissarisch wird ihm in der nächsten Spielzeit Andreas Wolf folgen, der damit, wie zu hoffen ist, die Chance erhält, sich weiter als kommender GMD zu profilieren) mit Richard Strauss so seine Schwierigkeiten, bei Wagner war er voll in seinem Element. Getragene, spannungsgeladene Tempi, ließen einen Wagnerklangteppich entfalten, der seines gleiches sucht: grandios. Wie immer beeindruckend: Chor und Extrachor des Theaters Lübeck.
Oliver Zwarg’s Holländerinterpretation war zum Teil etwas liedhaft angelegt- man fühlte sich an Wolframs‘ „Blick ich umher in diesem edlen Kreise“ erinnert, konnte aber in den Duetten mit Senta durchaus, was seinen dramatischen Stimmklang anbelangt, mithalten. Taras Konoshenko war als Daland hervorragend. Sein schöner, gut geführter Bass war nahezu die Idealbesetzung dieser doch etwas zweifelhaften Rolle des Senta-Vaters, der seine eigene Tochter aus purer Gier (sehr aktuell) an den Holländer verschachert. Mit ihrem eher dunkel timbrierten Sopran, gestaltete die finnische Sopranistin Miina Liisa Värelä, als Gast des Hauses, eine hochdramatische, mitreißende Senta, die auch in den Pianopassagen zu überzeugen wußte. Mit der Rolle des Steuermanns und als Gevatter Tod, der im Libretto personifiziert nicht vorkommt, wurde diese Rolle wohltuend aufgewertet. Diese Kombination entwickelte symbolhaften Charakter, denn der Steuermann eines Schiffes wird hier sozusagen zum „Steuermann“ des Geschehens um Liebe, Verklärung, Tod und Erlösung, wie in vielen Werken Wagners‘ anzutreffen. Der Tenor Daniel Jenz war somit fast ständig auf der Bühne präsent. Gesanglich und auch darstellerisch war er an diesem Abend einmal wieder grandios. Der sehr beherzt und markant bei Stimme auftretende Heiko Börner, ließ in seiner Erik- Interpretation teilweise leicht veristische Effekte mit einfließen, die der Rolle nicht immer entgegen kamen. Die Rolle des Erik wurde hier heldischer gesungen, als man es sonst gewohnt ist. Wioletta Hebrowska war als Mary in einer Klasse für sich; selten wird diese Partie so hochkarätig besetzt. Um zu verdeutlichen, dass der Holländer alle sieben Jahre an Land kommt, wird ihm die Senta zusätzlich als 7-jährige (Leana Simonen) und als 14- jährige (Serafine Garbe) entgegengestellt und es wird der Eindruck erweckt, als wären sich beide in diesen Zeitabschnitten im Traum oder real begegnet. Ein interessanter Regieeinfall von den beiden jungen Damen sicher dargestellt. Auch Erik taucht als Kind (Jöran Rohlf) während des Vorspiels auf und wird in das Geschehen einbezogen.
Aniara Amos, verantwortlich für Inszenierung und Ausstattung (knallbunte Kostüme der Damen und etwas tuntig bekleidete Matrosen) entwirft hier ein Bühnenbild, in welchem sich Senta immer wieder in einer Badewanne aus gutbürgerlichen Zeiten wiederfindet und wiederholt von den Dorfmädchen in der Spinnstube in dieser auch fast ertränkt wird; einer möglichen Deutung der Rolle der Senta geschuldet, die sich von Erik abrupt abwendet, um sich der Erlösung des umherirrenden Holländers bedingungslos hinzugeben, um sich dann am Ende „…treu dir bis zum Tod“ ins Meer zu stürzen, um auf ewig ihrem Holländer nah zu sein. Verklärung pur!
Am Ende: großer Jubel und Anerkennung für eine musikalisch überaus gelungene Premiere; auch für die Regie, trotz einiger Buh-Rufe. Berechtigt waren sie nicht, denn dieses Werk kann man so inszenieren, wenn man Inhalt und Text verinnerlicht.  Die Symbolik der Figur des Holländers wurde beeindruckend interpretiert und bei etwas Fantasie kann diese auch auf unsere heutige, verworrene Zeit übertragen werden, wo so viele „Figuren“ nach Erlösung und Verklärung trachten, oder etwas, was sie dafür halten.
Ein spannender und gelungener Opernabend!
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