Georg Friedrich Händel: Ariodante ( Opernhaus Lübeck; 28.04.2017)

Das Bühnenbild war eher karg ausgestattet, 2 Teppiche, wobei einer, ähnlich wie in der Hamburger Lulu, dafür genutzt wurde, um eine Leiche von der Bühne zu ziehen. Es gibt ein schönes, altes Sitzmöbel und einen opulenten Kronleuchter, der im Laufe der Aufführung bis zum Bühnenboden herunter gelassen wurde. Zudem wurde den beiden weiblichen Hauptakteuren, Ariodante (eine Hosenrolle) und Ginevra, zwei männliche Tänzer, Martin Ruppel als Animus im schwarzen Anzug mit freiem Oberkörper darunter und Alexander Wilbert als Anima im weißem Ballettröckchen als Alter Ego gegenübergestellt, die das seelische Innenleben der beiden Protagonisten tänzerisch grandios darstellten. Zudem gab es als humoristische Auflockerung zwei Personen, jeweils in einem schmalen, lilafarbenen Pferdekostüm. Eine schlüssige, lebendige Inszenierung mit überzeugender Personenregie von Wolf Widder mit einer farbenfrohen Ausstattung von Pierre Albert und, nicht zu vergessen, die stimmige, sehr einfallsreiche und mitunter artistisch anmutende Choreographie von Kati Heidebrecht.

Andreas Wolf gelang es, nach z.B. Bellini, Bernstein, jetzt auch mit Händel, mit dem Philharmonischen Orchester der Hansestadt Lübeck, einen exzellenten Händelklang zu entfalten, wobei die charakteristischen, Barock-typischen Merkmale dieser Musik detailliert herausgearbeitet wurden.
Wenn man auch vorweg vermerken muß, dass nicht unbedingt alle Sänger an diesem Abend die musikalische Sprache Händels‘ perfekt beherrschten, so hat dieses Haus z.B. manchen  Besetzungen während der Händelfestspiele in Halle und Göttingen eines voraus: der Verfasser ist mit etlichen Livemitschnitten vertraut und während dort nicht immer alle Sänger über eine eigene Stimmklangfarbe verfügen und dementsprechend die Musik, trotz exzellenter, musikalischer Ausführung, manchmal auch weniger spannend klingt, kann Lübeck hier mit Sängern punkten, bei denen jeder über eine eigene Klangfarbe verfügt und somit den Abend interessant und spannend gestaltete. Wioletta Hebrowska war als Ariodante mit ihren grandios ausgeformten Koloraturen  und ihrer einfühlsamen Interpretation, sowohl in den dramatischen, wie auch in den lyrischen, verinnerlichten Passagen (Lamento im 2. Akt) einer der Höhepunkte dieser Premiere. Ihr zur Seite (das „Traumpaar“ der Oper Lübeck), sang Evmorfia Metaxaki mit ihrem lyrischen, virtuosen und hervorragend plazierten, charmanten Sopran eine großartige Ginevra. Andrea Stadel, vom Stimmtypus her, eher lyrischer, gab eine imposante, auch in den Koloraturpassagen bestechend gute Dalinda. Romina Boscolo (Hosenrolle) hatte als Polinesso ein tiefes, voll tönendes,  erotisches Timbre und eine beeindruckende Bühnenpräsenz, leider nur traten die Registerübergänge bei ihrem Gesang, besonders im ersten Teil als zu deutlich zutage und das Bilden von Koloraturen war auch nicht gerade ihre Stärke. Dies machte sie aber mit den oben genanten Attributen wieder wett und überzeugte in ihrer Rolle. Daniel Jenz versucht, an diesem Abend als Lurcanio männlicher zu klingen als z.B. noch zuvor als Tebaldo in I Capuleti e i Montecchi; das ging leider ein wenig zu Lasten seines natürlichen Charmes, den seine Stimme besitzt und manche Passagen gelangen daher leider etwas weniger rund. Bitte wieder zum ursprünglichen, brilliant-lyrischen Stimmklang zurückkehren. Seokhoon Moon bestach als König und Hyungseok Lee gab einen hervorragenden Odoardo. Als dienstbare, aber gesichtslose Geister, huschten Mats Pape, Sarah Poppe, Lisa Kalies, Linda Saimbee, Dilek Tasduvar und Ida-Marie Brandt über die Bühne.
Eine grandiose Aufführung, bei welcher sich einmal mehr alles auf der Bühne versammelt hatte, was in Lübeck gesanglich Rang und Namen hat. Es ist immer wieder beeindruckend, wie es möglich ist, ganz überwiegend alle Rollen, auch die der Hauptpartien, mit hauseigenem Ensemble zu besetzen.
Im Übrigen: Es war schon vor einigen Wochen zu hören, dass Lübeck einen neuen GMD, also auch musikalischen Chef der Oper sucht. Nach Meinung des Verfassers würde sich geradezu eine „interne“ Lösung anbieten, indem Andreas Wolf die Gelegenheit bekommt, diese Rolle zu übernehmen. Seine Vielseitigkeit (Bellini, Bernstein, Händel) und zukunftsorientierte Begabung als Dirigent würden ihn dafür qualifizieren.
Sven Godenrath

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Opernexperte
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