Richard Strauss: Frau ohne Schatten (Hamburgische Staatsoper, 16.04.2017)

Das in mancherlei Hinsicht ungewöhnliche Werk von 1919 aufzuführen, ist für jedes Opernhaus eine ganz besondere Herausforderung. Schon die im „Orient in märchenhaften Zeiten“ angesiedelte Handlung, von Hugo von Hofmannsthal meisterhaft zu einem Libretto geformt, ist schon ein fulminantes „Kaliber“, das nicht nur den Regisseur fordert. Es geht darin um eine Kaiserin, Tochter eines Geisterfürsten , die keinen Schatten wirft und dadurch auch nicht in der Lage ist, Mutter zu werden, was wiederum zum Versteinern des kaiserlichen Gatten führen würde. Um ihre Ehe mit dem Kaiser zu retten, der es vorzieht, für einige Tage auf die Jagd zu gehen, beschließt sie, auf Anraten und in Begleitung der Amme, in die unreine und entwürdigende Menschenwelt hinabzusteigen, um sich den fehlenden Schatten zu besorgen. Hier geraten beide an ein einfaches Färberehepaar mit erheblichen Beziehungsproblemen und ein recht kompliziertes Geschehen beginnt um den Ankauf des Schattens ebendieser Färberin, bei dem es um ungeborene Kinder, um Mutterschaft und um menschliche Abgründe schlechthin geht, allerdings mit Happy End für beide Paare aus der Geister- und Menschenwelt. Klingt irgendwie ganz modern.
Dieses Libretto hat Richard Strauss mit einer Musik ausgestattet, die, auf dem Höhepunkt seiner Meisterschaft, von einer außergewöhnlichen Farbigkeit, einer Hochdramatik, von einmalig schönen, lyrischen Melodiebögen und einer fulminanten Leitmotivtechnik geprägt ist. Ohne Zweifel: einer der“härtesten Brocken“ der Operngeschichte.
Andreas Kriegenburg hat das Werk, das von vielen Häusern eher konzertant gegeben wird, spannend und einfallsreich in Szene gesetzt (bis auf das überzogene, knallbunte Finale), wobei einige Sequenzen etwas rätselhaft bleiben. Aber so ist es nun einmal im Märchen.
Die flache, düstere und höhlenartige Behausung der Färbers‘ und der dagegen üppig bemessene, wunderbar ausgeleuchtete Lebensraum der royalen Geisterwelt darüber, werden von einer gemeinsamen Statik getragen, bestehend aus schräggestellten Pfählen, so als wären es beim Umfallen erstarrte, überdimensionale Mikadostäbe. Eine Wendeltreppe verbindet diese höchst unterschiedlichen Welten, auf der  sich ein reger Personenverkehr entwickelt. Architektonisch betreut von Harald B. Thor und schön beleuchtet von Stefan Bollinger!
Was Kent Nagano und das Philharmonische Staatsorchester Hamburg an diesem Abend an einem energie- und spannungsgeladenen Straussklang, vom zarten Piano bis zur Klangentfaltung der Sturmstärke 10, in Böen 12, gelang, war schlichtweg sensationell. Strauss vom Allerfeinsten! Das Orchester kann zur Höchstform auflaufen, wenn es denn will! Leider ist es nicht immer so, wie stellenweise bei der Tosca am 21.3.
An diesem Abend durften sich die Zuschauer auf 4 Rollendebuts freuen. Zum einen auf Lise Lindstrom in der Rolle der Färberin. Sie hatte schon an der Staatsoper eine großartige Elektra gesungen. Ihre grandiosen, stimmlichen Möglichkeiten gehen vom feinsten Piano bis zu einer explosiven Höhe mit metallischem Klang. Eine Freude für Augen (Bühnenpräsenz) und Ohren. Zum anderen auf Linda Watson, die hier schon als Isolde zur Höchstform auflief; sie war in der Höhe brilliant; in der Tiefe jedoch fehlte der Sopranistin die nötige Substanz für diese extrem schwierige Mezzopartie. Sie sollte es bei einem einmaligen Versuch an dieser Rolle belassen. Andrzej Dobber, der in diesem Hause schon in anderen Rollen zu bestaunen war, gab sein Barak- Debüt. Kurz vor Schluß merkte man dem Sänger an, dass er sich etwas zurücknehmen mußte um dann am Ende  noch die Kraft für das dramatische Finale zu haben. Im Großen und Ganzen eine eher charakterisierende Interpretation dieser anspruchsvollen Partie, wobei die Rolle überwiegend doch mit einem runden, baritonalen Klang gesungen werden sollte. Dennoch ein überzeugendes Rollenporträt. Als letzter in der Reihe der Debütanten gab Bogdan Baciu seinen sehr gelungenen Einstand als Geisterbote. Emily Magee, in der ebenfalls höchst anspruchsvollen Partie der Kaiserin, gelang eine fulminante Darstellung. Ihr überaus runder, eher weicher Sopran scheint über unbegrenzte Kraft und Schallreserven zu verfügen. Die Intensität und Modulationsfähigkeit ihrer Stimme ist grandios und faszinierend zugleich. Roberto Sacca sang die Rolle des Kaisers viel zu lyrisch und hatte Mühe, sich gegen das Orchester durchzusetzen, obwohl Kent Nagano den Klang etwas zurücknahm. Die Falkenarie des Kaisers im 2. Akt ist nun einmal tenoraler Extremgesang der in der Vergangenheit sogar „heldischen“ Tenören nur sehr selten perfekt gelungen ist. Alex Kim war da als Erscheinung eines Jünglings stimmlich deutlich besser präsent. Gabriele Rossmanith, in der Rolle des Falken und Hüters stimmlich großartig, neigt aber dazu, in ihrer Darstellung etwas zu überziehen. Marta Swiderska überzeugte als Stimme von oben und die drei Bürder Baraks, Der Einäugige (Alexey Bogdanchikov), Der Einarmige (Bruno Vargas) und Der Bucklige (Markus Nykänen) waren stimmlich perfekt aufeinander abgestimmt; auch hier gelang ihnen überzeugende Rollenporträts. Als Stimmen der Wächter der Stadt überzeugten Alin Anca, Julian Arsenault und Alexander Roslavets. Als Dienerinnen gefielen Diana Tomsche Martha Swiderska und Luminita Andrei (die einigen Lesern auf Grund ihrer großartigen Rollenporträts; u.a. Dame mit Noten aus dem Allee Theater bekannt ist). Die Kinderstimmen und Stimmen der Ungeborenen rundeten das umfangreiche Ensemble ab. Grandios wie immer: der Chor der Hamburgischen Staatsoper.
Am Ende großer Jubel für alle Beteiligten auf der Bühne und im Orchestergraben für diesen großen Wurf des Hauses.
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