Hector Berlioz: Les Troyens (Oper Frankfurt, 26.03.2017)

Diese 1858 von Berlioz vollendete „Heroisch-phantastische Oper“ hatte der Komponist zu seinen Lebzeiten nie vollständig erleben dürfen. Erst 1863  wurde eine verkürzte Version des 2. Teils in Paris uraufgeführt. 1890, 21 Jahre nach dem Tod Berlioz‘ erfolgte dann am Karlsruher Hoftheater erstmalig die komplette Aufführung beider Teile unter den Titeln „Die Einnahme von Troja“ (06.12.1890) und „Die Trojaner in Karthago“ (07.12.1890), während erst am 03.05.1969  in Glasgow beide Teile erstmalig an einem Abend gegeben wurden. Seitdem wird das mit grandioser, sehr französisch, dramatisch-lyrisch klingender Musik ausgestattete Werk- und damals schon kompositorisch richtungsweisend- , regelmäßig international aufgeführt, allerdings in verschiedenen, meist gekürzten Versionen. 2015 erfolgte z.B. an der Staatsoper Hamburg eine „Trojaner“ Produktion in einer hauseigenen Bearbeitung mit einer reinen Spieldauer von ca. 3 Stunden. Die Oper Frankfurt entschloß sich zu einer vollständigeren Aufführung mit einer reinen Spieldauer von ca. 4 Stunden, was sich als Glücksfall herausgestellt hat, denn sonst wäre z.B. das oft gestrichene, wundervolle Duett Cassandre/Choröbus nicht zu hören gewesen. Am Ende des ersten Teiles geht Cassandre nicht in den Freitod, sondern wird von den Soldaten abgeführt.
Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester, unter der Leitung von John Nelson, klang im ersten Akt noch ein wenig zurückhaltend. Erst ab dem zweiten Akt blühte dieses zu einer grandiosen Bestform auf und sorgte für einen großartigen Klangteppich. Die Regisseurin, Eva Maria Höckmayr verstand es, die große Drehbühne mit ihren vielen unterschiedlichen Handlungsebenen, ideal zu nutzen. Die Personenführung, insbesondere der Massenszenen und der „Auftritt“ des übergroßen „Trojanischen Pferdes“ gelangen besonders eindrucksvoll, wobei der für das Bühnenbild verantwortliche Jens Kilian lobend zu erwähnen ist.
Tanja Ariane Baumgartner, die der Verfasser bereits in Hamburg als Ortrud und in „La bianca notte“ erleben durfte und insgesamt für Furore sorgte, hat sich in ihrem Stammhaus Frankfurt mit der Rolle der Cassandre leider keinen großen Gefallen getan, da die Partie für ihre Stimme zu hoch liegt und dramatischere Akzente erfordert. Ihr runder, wohlklingender Mezzo und ihre beeindruckende Bühnenpersönlichkeit waren trotzdem ein Ereignis. Bryan Register war leider im ersten Teil weniger überzeugend, da nicht alles gesanglich so ganz rund lief; erst ab der zweiten Hälfte wurde er deutlich besser und in der großen Finalsequenz konnte er den vollen Umfang seiner stimmlichen Möglichkeiten optimal einsetzen und eine grandiose Leistung abliefern. Der Bariton Gordon Bintner war als Chorébe großartig; schade, dass er schon im ersten Akt „das Zeitliche segnen“ muß. Alfred Reiter war in seiner Rolle als Narbal nicht immer in der Lage, seine Stimme optimal einzusetzen, da es hier hin und wieder Probleme mit der Stimmbildung gab. Die Mezzosopranistin Claudia Mahnke, die dem Verfasser noch als Komponist in einer Hamburger Ariadne und als Judith in „Herzog Blaubarts‘ Burg“  bestens in Erinnerung geblieben ist,  war in der Rolle der Didon einfach sensationell. Durch ihr großartiges Stimmtimbre, ihrem hervorragenden Stimmsitz und ihrer brillianten Höhe, gelang ihr eine grandiose Rollenumsetzung. Das Liebesduett zwischen Enée und Didon und die Schlußszene der Didon wurden zu den absoluten Höhepunkten dieser Produktion. Ebenfalls grandios war die Liedeinlage von Martin Mitterrutzner als Iopas und die Arie des Hylas im letzten Akt, gesungen von Michael Porter. Zwei sehr interessante Tenorentdeckungen!. Ebenfalls herausragend war mit Judita Nagyova die Rolle der Anna, Didons Schwester, besetzt. Ebenfalls sehr gut besetzt: die beiden trojanischen Soldaten im letzten Akt mit Brandon Cedel und Thesele Kemane aus dem dortigen Opernstudio. Thomas Faulkner gestaltete in beeindruckend stimmlicher Form, den Schatten des Hector, sowie einen Soldaten und den Merkur. Ganz besonderen Anteil am Gelingen des Abends hatten der Chor, Extrachor und Kinderchor des Hauses. Darstellerisch und vor allen Dingen in der stimmlichen Umsetzung der sehr anspruchsvollen Chorszenen: einfach grandios!
Eine fulminante, überaus gelungene Produktion. Nach Eindruck des Verfassers hat die Intendanz des Hauses ganz offensichtlich ein sehr „glückliches Händchen“ bei der Entdeckung junger, begabter Stimmen und sie zu einem großartigen Ensemble zu formen.
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