Claude Debussy: Pelléas et Melisande (Oper Frankfurt, 25.03.2017)

Dieses Werk als Ausnahmefall der Operngeschichte zu bezeichnen, dürfte nicht übertrieben sein. Nach dem romantisch geprägten 19. (Opern)- Jahrhundert, dominiert von Rossini, Bellini, Donizetti, Verdi und Wagner, eröffnete Debussy 1902, also das 20.Jahrhundert- richtungsweisend-  mit einem Bruch der herkömmlichen Opernstrukturen, bestehend aus Rhythmik, Arien, Duetten, Ouvertüren, und Ensembles, alles verbunden mit einer geradezu schier endlos erscheinenden Melodik und Virtuosität. Mit „Pelleas und Melisande“ brach Debussy mit allem und fand zu einer ausschließlich lyrisch-dramatischen, Stimmungen und Emotionen prägenden Musiksprache, ohne Arien und beinahe ohne jegliche große Melodiebögen, ganz konzentriert auf einen einzigartigen Sprechgesang, voller zauberhafter, wehmütig verträumter Harmonien. Musikalisch-impressionistisch; wie geschaffen für eine handlungsarme Oper in der es um Gefühls-und Traumwelten geht, in der sich die Figur Melisande bewegt.
Der Regisseur Claus Guth (und sein Bühnenbildner Christian Schmidt) verstanden es, diese Weltentrücktheit des ganzen Stoffes grandios in Szene zu setzen. Anders, als z.B. an der Staatsoper Hamburg mit einer stilisierenden, eher märchenhaften Inszenierung, wartet die Oper Frankfurt mit einer überwiegend gegenständlichen Produktion auf. Praktisch in „Puppenstuben“- Form beherrschen in einem zweigeschossigen Haus 4 Zimmer nebst Teppenhaus, plus  Garten die Bühne. Auch hier wurde die Drehbühne wieder optimal, geradezu raumgreifend genutzt, was dem eher handlungsarmen Geschehen zugute kommt, wenngleich das Verlieren des Ringes als Erzählung im Schlafzimmer stattfindet und nicht realistischerweise am Brunnen. Erfurts GMD Joana Mallwitz sorgte mit dem Frankfurter Opern-und Museumsorchester für ein großartiges Klangerlebnis. Die Melisande ist eine Frauenfigur, die augenscheinlich immer etwas neben sich zu stehen scheint, akut selbstmordgefährdet ist und wohl auch – im  heutigen Sprachgebrauch –  unter einem Borderlinesyndrom leidet. Der französischen Mezzosopranistin Gaelle Arquez, die wohl nicht nur in Frankfurt vor einer großen Karriere steht, gelang sowohl darstellerisch und vor allem mit Einsatz ihres brillianten und dennoch warmen Mezzos, eine überzeugende, umjubelte Melisande. Der junge Bariton Björn Bürger, Mitglied des Ensembles der Oper Frankfurt, gab einen großartigen Pelleas. Alfred Reiter war an diesem Abend als Arkel hervorragend. Der amerikanische Bariton Brian Mulligan war als Golaud grandios. Der Knabensopran Anthony Muresan sang und spielte einen großartigen Yniold. Judita Nagyova als Genevieve und Thesele Kemane als Arzt, rundeten eine grandiose und stimmige Aufführung dieses anspruchsvollen, wie musikgeschichtlich bedeutenden Werkes, ab.
Advertisements

Über godenrath

Opernexperte
Dieser Beitrag wurde unter 04. Opernreisen veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s