Leonard Bernstein: Mass (Opernhaus Lübeck, 17.03.2017)

„Mass“ ist ein sehr selten aufgeführtes Werk. Es wurde von Jacqueline Kennedy in Auftrag gegeben und 1971 in Washington anlässlich der Eröffnung des Kennedy Centers uraufgeführt. Der Komponist Leonard Bernstein vermischt geschickt die verschiedenen Stilelemente aus Gospel, Rock, Pop, Musical, Oper, Broadwayshow und der Zwölftonmusik mit den Einflüssen der sakralen Musik miteinander und bringt diese in beeindruckender Weise in Einklang. Die Klangsprache Leonard Bernsteins‘ ist von der ersten bis zur letzten Note deutlich erkennbar. Das gesamte Werk, das Bernstein ein „Theaterstück für Sänger, Spieler und Tänzer nach der römisch katholischen Messliturgie“ nennt, dauert ca. 2 Stunden, ohne Pause und handelt von Gottesdiensten, die immer wieder durch die Exzesse der Gläubigen unterbrochen werden; gerade die jüngere Generation fühlt sich hier mißverstanden und mit ihrem Problem: “ Ich wurde eine Crackhure“ unverstanden. Die einfache, immer wiederkehrende Aufforderung des katholischen Priesters „Let us pray“ ist für die verzagten, zweifelnden und immer wieder aufbegehrenden Gläubigen einfach zu wenig und zeigt die priesterseitige Hilflosigkeit. In der zentralen Rolle des Priesters brilliert Gerald Quinn, der sowohl in den lyrischen, oft sakral gefärbten Sequenzen mit seinem runden, ausdrucksstarken Bariton, als auch in den expressiven Phrasen dieses Werkes zu überzeugen versteht. Elegant, wie hier die Bögen der Musik vom ihm gesanglich zelebriert und die ganze Ausducksskala dieser Rolle ausformt. Die Jugend wünscht in diesem Stück nicht, sie fordert etwas ein:“ Wir sollen zu dir beten; dann erwarten wir eine Gegenleistung, z.B. Frieden, aber nicht irgendwann, sondern jetzt, sofort“, wie in einer gewaltigen Chorszene mit nahezu allen Solisten expressiv gefordert wird. Der Priester muß zum Ende einsehen, dass er selbst längst auf seinem Weg zu Gott irgendwo falsch abgebogen ist und immer nur die gleiche Leier tagein, tagaus herunterbetet. Zum Ende, wenn er sich sein geistliches Gewand förmlich vom Leibe reißt und als ganz normaler „Mensch“ mit  seinen Gläubigen kommuniziert, hat auch er den Weg zu Gott und zu seiner Gemeinde zurückgefunden.
Die Umsetzung dieses ungewöhnlichen Werkes, das weder eine Oper, Oratorium noch Musical ist, aber immer wieder opernhafte, bernsteintypische Sequenzen anklingen läßt, ist besonders opulent und erfordert etwa ein dutzend Solisten, über 100 Chorsänger 4 Solotänzer/innen und ein Tanzensemble. (Der bekannteste Titel in diesem Werk ist „Loada“ und ist gelegentlich als Einzelstück zu hören). Der Dirigent des Abends, Andreas Wolf, hielt alle Fäden fest in der Hand und meisterte die Partitur mit dem Philharmonischen Orchester der Hansestadt Lübeck einfach grandios und bestätigte erneut den Rang dieses Dirigenten, den der Verfasser schon mehrmals erleben konnte. Die Inszenierung von Tom Ryser zeichnete sich durch eine grandiose Personenführung aus, nicht nur der Solisten, sondern auch der grandios singenden Chöre. Die Einbeziehung fast des gesamten Theaterraumes in das Geschehen trug ganz besonders dazu bei, dass sich das Publikum als Teil der Gemeinde fühlen konnte, insbesondere im sehr bewegenden Finale. Die Choreographie von Lilian Stillwell und die stimmige, schöne Ausstattung von Stefan Rieckhoff trugen zum großen Erfolg der Premiere bei.
Die Gospel und Jazz Elemente wurden von Alice Susan Hanimyan, Adi Wolf und Elizabeth King großartig herausgearbeitet. Auch im Bereich des Rocks wurde von Rob Pitcher und Robert Meyer ergreifend und hervorragend musikalisch agiert. Emma McNairy als Descent und Guillermo Valdes als Preacher waren grandios. Überaus ergreifend, die gesanglichen Einlagen und das Spiel des Knabensoprans Ian Jans. In der Rolle des Bariton glänzte Grzegorz Sobczak. Die Tänzerischen Leistungen von Lucy van Cleef, Andrew Cummings, Eleonore Turri und Sayo Shiba und Ensemble rundeten diesen grandiosen Abend beeindruckend ab. Die großartige Leistung des ungewöhnlich umfangreichen Chores, bestehend aus dem Chor-und Extrachor (Ltg. Jan- Michael Krüger), dem Kinder-und Jugendchor „Vocalino“ des Theaters Lübeck und der Musik-und Kunstschule Lübeck (Ltg. Gudrun Schröder), dem „Phemios“ Kammerchor Lübeck (Ltg. Joachim Thomas) und Mitgliedern des Nordelbischen Knabenchores (Ltg. Christoph Liebold), muss hier nochmals besonders gewürdigt werden. Grandios und in dieser Form sicherlich eine Rarität.
Die musicalartigen Sequenzen waren leider stellenweise nicht überzeugend; einige Passagen gerieten doch allzu intensiv, sprich: laut! Leider zeigte sich auch hier, was man heutzutage in Musicalproduktioen häufig zu hören bekommt, nämlich: dass die in diesem Genre eingesetzten Solisten, die meistens keine voll ausgebildeten Opernsänger sind, schnell an die Grenzen ihrer Möglichkeiten kommen. Insbesondere in den hohen Lagen kann dies für den Hörer strapaziös sein, wenn diese Grenzen noch technisch verstärkt werden. Hier sollte die „Technik“ bei der Unterstützung in einigen Passagen etwas heruntergefahren werden.
Ein ergreifendes Werk, das mit seiner offen zur Schau getragenen Kritik an der (vornehmlich katholischen) Kirche und ihren Würdenträgern, keinen Zweifel daran erkennen läßt, dass hier etwas nicht mehr richtig läuft, weil es an der Realität und ihrer aktuellen Probleme vorbei geht. Wie man es in der heutigen Zeit anders und vor allem besser machen kann, hatte unlängst eine Pastorin in der Michaeliskirche am 1. Weihnachtstag bewiesen (der Verfasser berichtete über diese Krippenandacht).
Da dieses Werk von Leonard Bernstein viel zu selten auf den Spielplänen erscheint, legt der Verfasser jedem Musikfreund nahe, sich diese herausragende Leistung, die es in Lübeck zu erleben gibt, sich keineswegs entgehen zu lassen.

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Opernexperte
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