Giuseppe Verdi: Macbeth ( Hamburg, 08.03.2017)

Mit dem Begriff „Denkwürdiger Abend“ ist das so eine (subjektive) Sache, mit dem gelegentlich Berufskritiker örtlicher und überregionaler Presse insbesondere dann gerne umgehen, wenn Superstars auf der Bühne agieren ( Lesen sie hierzu bitte die Kritiken zum Tannhäuser vom 12.04.2014 aus Berlin und die zum Lohengrin vom 14.05.2016 aus Dresden) und dann schon gern einmal von ihnen „in den Himmel“ gehoben werden, auch wenn die Leistung durchwachsen ist oder sie es in „falschen“ Rollen versuchen. An diesem Abend jedoch, kam dem Verfasser in der Staatsoper Hamburg ziemlich schnell dieser Begriff in den Sinn.

Zu Beginn klangen die Philharmoniker Hamburg unter der Leitung von Axel Kober während des Vorspiels noch ein klein wenig uneben; doch dies gab sich sehr schnell. Es gibt nach Meinung des Verfassers momentan weltweit nur drei Dirigenten, die in der Lage sind, einen derartig spannungsgeladenen Macbeth- explizit sei hier das Ende des 1. Aktes hervorgehoben- zu dirigieren im Stande sind. Einer von ihnen ist der vom Verfasser häufig erlebte George Manahan, jahrelanger Chef der New York City Opera; der Zweite ist Riccardo Muti und der Dritte ist der Dirigent des Abends Axel Kober. Zum Ende des 1. Aktes saß man förmlich auf der Stuhlkante; das Haus schien vor Spannung fast zu bersten. Ein Klang, von dem der Verfasser bisher glaubte, er würde ihn nur auf CD geboten bekommen. Es war nach 20 Jahren Macbeth in Hamburg das beste Dirigat, wovon sich der Verfasser anlässlich zahlreicher Besuche überzeugen konnte, und auch der Chor klang noch in keiner anderen Macbethaufführung so atemberaubend, wie in dieser. Herzlichen Glückwunsch an alle, die dieses ermöglicht haben!
Dimitri Platanias als Macbeth fing etwas verhalten an, steigerte sich dann aber von Akt zu Akt; seine Stimme wurde immer prägnanter und raumgreifender und fand in seiner Schlussarie einen fulminanten Höhepunkt. Alexander Vinogradov war mit seinem edlen, dramatisch geprägten Bass als Banco grandios. Überhaupt hat das hochkarätige Besetzen dieser Rolle in Hamburg eine jahrelange Tradition. Viele werden sich bestimmt noch an die großartigen Abende erinnern, in denen Harald Stamm diese Rolle zelebrierte. Tatiana Melnychenko, eine auch international gefeierte, ukrainische Sopranistin, war in Hamburg noch besser als in Riga (der Verfasser besprach diesen DVD Mitschnitt), weil Axel Kober hier getragenere Tempi wählte; dadurch konnte sie die Arien und Szenen besser gestalten; insbesondere die Schlafwandelszene geriet zu einem Meilenstein der Interpretationsgeschichte dieser Arie. Sowohl in lyrischen, wie auch in den dramatischen Szenen war sie sensationell: Nicht nur vokal, sondern auch, was ihre Bühnenpräsenz anbelangt. Dovlet Nurgeldiyev gestaltete einen differenzierten, großartig gesungenen Macduff; eine Rolle, deren Besetzung an manchen Häusern leider häufig etwas vernachlässigt wird. Hier hat der Verfasser schon etliche Tenöre erleben müssen, die empfindlich abschmierten. Seine Arie -O figli- geriet zu einem ganz besonderen Kleinod. Sascha Emanuel Kramer bestach durch sein konzentriertes Singen als Malcolm; das Duett zwischen Malcolm und Macduff erlebt man selten so ausbalanciert. Gleb Peryazev beeindruckte als Servitore im ersten Akt. Roger Smeets gab einen guten Medico. Enttäuschend hingegen Gabriele Rossmanith; sie glaubte offensichtlich, die Lady einmal selbst spielen so wollen. Ihre künstlich eingedunkelten Töne hätten es fast geschafft, die gesamte Schlafwandelszene der Lady zu beeinträchtigen; unverständlich, dass hier keiner eingegriffen hat. Gesamtbetrachtet: die bisher beste Macbethproduktion, die der Verfasser je auf einer Bühne erlebt hat und eine der besten überhaupt, da diese es mit jeder bisher veröffentlichten Tonträgerproduktion (Live und Studio) spielend aufnehmen kann. Wenn das kein denkwürdiger Abend war, von dem man noch seinen Kindern und Enkeln vorschwärmen kann, dann wüßte der Verfasser auch nicht, welche Produktionen, neben der persönlich erlebten Anna Bolena mit Angela Meade an der Met, als denkwürdig betitelt werden könnten.
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