Giuseppe Verdi: Luisa Miller (Hamburg, Allee Theater in Altona, 24.02.2017)

Am 24.02.2017 war es dann so weit. Nachdem schon in der Staatsoper Hamburg Giuseppe Verdis Luisa Miller erfolgreich wieder ins Programm aufgenommen wurde, hatte man sich auch im Allee Theater entschlossen dieses Werk, hier allerdings in deutscher Sprache, aufzuführen.
Nach Auffassung des Verfassers hat diese Oper einen besonderen, reizvollen Rang in Verdi’s Schaffen. Vom Stil und Klangbild her, ist dieses Werk wohl noch der frühen Schaffensphase zuzuordnen, die von grandioser, expressiver Melodik mit einzigartigen Harmonien und glutvoller (patriotischer) Rhythmik geprägt ist, aber in diesem Werk schon durch eine Charakterisierung der Figuren mit musikalischen Mitteln angereichert ist, die Verdi dann in späteren Werken so meisterhaft vollendet hat. Der Reiz dieser Partitur ergibt sich durch eine besonders gelungene Mischung aus beseelt lyrischen Passagen und wuchtigen, dramatischen Sequenzen, die, insgesamt, den Interpreten wunderbare Möglichkeiten bieten, alle Register ihres Könnens zu entfalten.
Das Bühnenbild bestand aus zwei Wänden, die, unterschiedlich gestellt, mal den gesamten Bühnenraum, mal nur einen kleinen Raum im vorderen Bühnenbereich zum Bespielen schufen. Die ganze Szenerie setzte auf die Ausdruckskraft von Farben; der Bühnenhintergrund war mal blau, mal rot und zum Ende dann schwarz. Ettore Prandi am Pult verstand es an diesem Abend, die charakteristischen Merkmale dieser wundervollen Partitur gekonnt herauszuarbeiten. Als Luise (Luisa) war es wieder einmal gelungen, Luminita Andrei für dieses Haus begeistern zu können. Mit ihrem warmen, großen Sopran, der stellenweise fast schon den Rahmen zu sprengen drohte, bestach sie nicht nur mit ihren expressiven Temperamentsausbrüchen im Forte, sondern auch in den Pianopassagen. Ihr intensiver Gesang, ihr überzeugendes Spiel und ihre Mimik sorgten wieder einmal für viel Beifall. Marius Adam bestach durch sein intensives Spiel, vor allem im zweiten Teil, wenn er den Miller, gerade aus dem Gefängnis entlassen, als gebrochenen Charakter darstellte. Auch gesanglich wurde er dieser Rolle trefflich gerecht. Eine überaus glaubwürdige und daher auch gelungene Charakterstudie. Titus Witt als  Graf Walter (Erinnerungen an den Clown von Stephen Kings „Es“ kamen auf) mit einem weißlich geschminkten Gesicht, war vor allem darstellerisch grandios. Gesanglich war es eine solide Leistung. Eine angenehme Baritonstimme, die ihre leichten Schwächen bei der Bildung der Verzierungen hatte, aber ansonsten dieser Rolle vollauf gerecht wurde. Richard Neugebauer als Ferdinand (Rodolfo) lief an diesem Abend mit seinem lyrischen Tenor zu Höchstleistungen auf. Stimmlich so präsent, trat er bisher eher weniger in Erscheinung. Gekonnt verstand er es, dramatische Akzente zu setzen. Seine Stimme war gleich zu Beginn voll da. So voluminös meint der Verfasser, diese bisher noch in keiner anderen Produktion erlebt zu haben. Leider nur, ließ kurz vor Ende des 1.Teils dann die Kondition ein wenig nach; die Stimme wurde etwas flacher. Seine große Arie im zweiten Teil, wurde von Herrn Prandi leider zu schnell begleitet; hier hätte bei „sie hat mich betrogen und belogen“ die Ariengestaltung differenzierter ausfallen können. An einer Stelle wurde es dann leider auch in der Höhe etwas eng. Dennoch: eine der besten Leistungen von Richard Neugebauer, der von Jahr zu Jahr besser und besser wird. Feline Knabe -der Verfasser fürchtete an diesem Abend, dass gleich zu Beginn die ersten Motten aus der Perücke entweichen könnten, war als Lady Milford grandios. Eine warme, prickelnde Stimme, die immer wieder aufs neue begeistert und das Publikum mitriß. Piotr Lempa war als kriecherischer, intriganter Wurm sowohl darstellerisch, wie auch gesanglich überzeugend. Gesamtbetrachtet: ein wunderbarer, kurzweiliger Abend, der leider viel zu schnell vorüberging.
Sven Godenrath
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Opernexperte
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