Alban Berg: Lulu ( Hamburgische Staatsoper 12.02.2017)

Eine unvollendete Oper, wie Alban Berg’s Meisterwerk „Lulu“ auf die Bühne zu bringen, ist kein einfaches Unterfangen. Will man nur die vollendeten Teile bringen, würde das nur die Akte 1 und 2 umfassen. Der 3. Akt liegt nur in Skizzen vor, sodass es seit der Uraufführung 1953, also 18. Jahre nach dem Tod des Komponisten, wiederholt zu Produktionen dieser Oper mit musikalischen Lücken im 3. Akt kam. Auf Grundlage dieser Skizzen hatte dann 1979 der Komponist Friedrich Cerha für die Pariser Oper eine von ihm orchestrierte Fassung erstellt.
Die Staatsoper Hamburg hat für ihre Neuproduktion den Weg gewählt, auf der Basis einer auf dem Particell Alban Bergs beruhenden Fassung (Lt. Programmheft) den 3. Akt neu zu bearbeiten. Es ist praktisch eine hausinterne Bearbeitung, an der u. A. der Dirigent Kent Nagano und der Regisseur Christoph Marthaler mitgewirkt haben. Teile des 3. Aktes werden von 2 Klavieren und einer Violine gespielt, deren Spieler in das Bühnengeschehen integriert sind. Ungewöhnlich, am Schluss einer schon 3 1/2 Stunden währenden Aufführung Alban Bergs Violinkonzert „Dem Andenken eines Engels“ anzufügen und auch ins Geschehen zu integrieren. Man hätte die Frage aufwerfen können, warum das sinnvoll war, wenn die Violinistin Veronika Eberle dieses wunderschöne Werk nicht so grandios gespielt hätte!
Die zweite, grundsätzliche Frage ist: Wie stellt man eine „Kindfrau“ dar, von welcher der Tierbändiger am Anfang des Stückes sagt „—das schönste, gefährlichste Raubtier: das Weib.— Sie ward geschaffen, Unheil anzustiften, zu locken, zu verführen, zu vergiften und zu morden…ohne dass es einer spürt“? Inszeniert man nun die Figur Lulu als hocherotische Femme fatale in Stöckelschuhen, Netzstrümpfen und hochgebundenem Korsett oder als blutjunge, naive, hemmungslose, schmucklos in Turntrikotage, unbekleidet an Füßen und Beinen, die Männer um den Finger wickelnde, skrupel-und mitleidlose, nur mit ihrer lasziven Natürlichkeit daherkommende, weibliche Erscheinung?
Die erstgenannte Verkörperung gelang z.B. Anneliese Rothenberger in Inszenierungen, auch an der Staatsoper Hamburg vor mehr als 50 Jahren. Legendär ist auch die Götz Friedrich Produktion am ROH Covent Garden Anfang der 80er Jahre z.B. im September 1983 mit Colin Davis; Summers, Armstrong, R. Karczykowski, Reich, Leggate, Bainbridge, Grobe, Van Allen, Fassbaender u.A.
Für die Hamburger Neuproduktion hat man sich eindeutig für die zweitgenannte Charakterisierung der Lulu entschieden, mit grandiosem Ergebnis. Für diese hochanspruchsvolle Rolle konnte die kanadische Sopranistin Barbara Hannigan gewonnen werden. Im Rahmen einer Szenerie, bestehend aus Zirkusmanege, Maleratelier und Turnhalle vor einem plüschigen Variete-Bühnenvorhang, konnte sie darstellerisch und gesanglich alle Register ihres fulminanten Könnes entfalten. Bis in die höchsten Höhen bot diese Ausnahmekünstlerin eine Virtuosität und Ausdrucksskala, die auch dann makellos zur Verfügung standen, wenn sie bei diversen Turnübungen- auch über Kopf- vollen Körpereinsatz zeigte. Eine grandiose, am Schluss mit großem Jubel bedachte Leistung.
Anne Sofie von Otter war eine vom Stimmklang her, schon leicht in die Jahre gekommene Gräfin Geschwitz. Peter Lodahl sang auf bravouröse Art und Weise mit seinem lyrischen Tenor den Maler. Ebenfalls hervorragend: Jochen Schmeckenbecher als Dr.Schön/Jack, Matthias Klink als Alwa, Serge Leiferkus als Schigolch, Marta Swiderska als Garderobiere und Gymnasiast und  Ivan Ludlow als Tierbändiger und Athlet.
Christoph Marthaler gelang es, die Charaktäre der handelnden Figuren sehr prägnant zu formen. Die Männerwelt, die Lulu wie die Motten das Licht, lüstern umschwirrt, wird mit all ihren menschlichen Abgründen, bis hin zu ihrer freudlosen Entsorgung, sehr plastisch dargestellt. Ansonsten wirkte die Inszenierung etwas kühl.
Kent Nagano dirigierte das bestens aufgelegte Philharmonische Staatsorchester sehr umsichtig und ihm gelang, die filigranen Besonderheiten dieser meisterhaften Partitur, das dramatische Aufblühen der Musik und die eher lyrischen und dann die düsteren Klänge, insbesondere im Finale, zum Klingen zu bringen. Ein großer Erfolg des Hauses. Umso unbegreiflicher, daß so manch einer, bei einer derartigen hochkarätigen Besetzung, die Pausen nutzte um vorzeitig abzureisen
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