Gioacchino Rossini: Il viaggio a Reims ( Lübeck, 05.02.2017)

Comic und Oper; dass sich dieses zu einem anspruchsvollen, vergnüglichen und kurzweiligen Abend hervorragend ergänzen kann, das beweist diese von Pier Francesco Maestrini und Joshua Held (Comicfilm) geschickt ausgeklügelte Inszenierung. Als erstes sieht man eine Kutsche fahren, die dann die Kurve nicht bekommt und über eine Klippe rast. Die Einzelteile der Kutsche samt Gepäck, Kutscher und seine beiden Pferde treiben auch immer mal wieder durchs Bild. Ansonsten eine große, geblümte Tapete im Bühnenhintergrund welche abwechlungsreich mal mit Bilderrahmen, Fenstern, einer Landkarte, auf welcher Irland Großbritannien an den Rand zum Exit bzw. Brexit schiebt, welcher nur durch einen beherzten Lassowurf verhindert werden soll, aber schließlich doch wenig erfolgreich ist, geschmückt wird. Eine Fülle ähnlich fantasievoller Comicszenen spielt sich während der gesamten Inszenierung eben auf dieser riesigen Leinwand ab und wird äußerst kunstvoll mit dem Bühnengeschehen verflochten. Das Ergebnis ist eine Produktion dieses eher handlungsarmen Werkes , die sehr temporeich und farbenprächtig gelungen ist, stellenweise ergänzt um einige recht frivole Interaktionen von Comic-und Ensemble. Ansonsten trifft man auf eine illustre, europäisch geprägte Gesellschaft, die auf ihrem Weg zur Krönung von Karl X. nach Reims durch den bedauerlichen Kutschenvorfall auf halber Strecke in einem Gasthaus strandet. Hier prallen dann die unterschiedlichsten Charaktere, Eitelkeiten und amourösen Vorlieben aufeinander. Es handelt sich hierbei um eine Coproduktion zwischen den Opernhäusern in Kiel, Lübeck und der Fondazione Arena di Verona. Das Theater Lübeck hat an diesem Abend alles aufgeboten, was Rang und Namen an diesem Hause hat. Hier ist möglich, was über längere Zeit auch in der Ära Young an der Staatsoper  Hamburg üblich war, nämlich eine Oper (fast) ausschließlich mit Ensemblemitgliedern besetzen zu können. Für einen guten Rossiniklang sorgte das Philharmonische Orchester der Hansestadt Lübeck unter der Leitung von Daniel Carlberg, wobei der Funke erst im zweiten Teil so richtig überspringen wollte, als sich der typische Rossiniklang mit seiner subtilen Rhythmik entfalten konnte; der erste Teil klang über weite Strecken etwas zu brav. Hervorragend disponiert gab sich der Chor; auch von der Personenführung und Ausstattung her bestens betreut. Evmorfia Metaxaki, die bereits in der Romeo und Julia (Bellini) Produktion glänzte, gab an diesem Abend eine berührende Corinna. Wioletta Hebrowska, ein Garant in Lübeck für exzellente Qualität, gab mit ihrem warmen, erotisch timbrierten Mezzo eine umwerfende Marquise Melibea. Emma McNairy, schon als Zerbinetta umwerfend, gab an diesem Abend eine herrlich quirlige Gräfin von Folleville, mit fulminanten Koloraturen und Andrea Stadel gab die Madame Cortese. Marco Stefani als Chevalier Belfiore und Daniel Jenz als Graf von Libenskof versuchten, sich gegenseitig mit fulminanten Höhenflügen und großartigen Verzierungen auszustechen, um die Gunst der Dame ihres Herzens zu erlangen, einfach phänomenal. Gerard Quinn als Lord Sidney, fehlte es ein wenig an stimmlicher Leichtigkeit für Rossini; dennoch eine bestechend gute Leistung. Taras Konoshchenko als Bade-(quacksalber)-arzt Don Profondo ebenfalls in Topform.  Desweiteren rundeten stimmlich und darstellerisch Steffen Kubach als Baron von Trombonok, Johan Hyunbong Choi als Don Alvaro, der mit Graf von Libenskof um die gleiche Dame buhlt, Seokhoon Moon als Don Prudenzio, Hyungseok Lee als Don Luigino/Zefirino, Caroline Nkwe als Delia, Fiorella Hincapie als Maddalena/Modestina, Tim Stolte als Antonio und Svyatoslav Martynchuk dieses grandiose Ensemble ab.
Die knapp dreistündige Veranstaltung verging wie im Fluge; am Ende: große Begeisterung im Publikum!
Ein unvergeßlicher Abend auf einem selten zu erlebenden, hohen Niveau. Der Verfasser hat dieses Werk zuletzt vor einigen Jahren in der New York City Opera erleben dürfen (ein CD Mitschnitt liegt vor). Das Opernhaus in Lübeck braucht hier, vom gesanglichen Niveau her, einen Vergleich keineswegs zu scheuen
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Opernexperte
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