Michael Gielen

Michael Gielen als Brahms Interpret
Die tragische Ouvertüre wird energiegeladen und insgesamt grandios von Michael Gielen ausgedeutet. Dies gelingt dem Dirigenten auch bei der 1. Sinfonie. Mit welchem Feingefühl es ihm gelingt, die zweite Sinfonie zu interpretieren, läßt interessiert aufhorchen. Beiden darauffolgenden Variationen über ein Thema von Haydn  op. 56a, geht die Innenspannung dieses Werkes in erster Linie von den Bläsern aus, selbst wenn die Streicher stellenweise etwas energischer klingen. Die 3.Sinfonie gelingt zu Beginn etwas weniger spannend. Diese Interpretation ist eher lyrischer Natur. Auch in der vierten Sinfonie ändert sich das von Michael Gielen erzeugte Klangbild kaum, da er selbst hier ein eher romantisch geprägtes Klangbild favorisiert. Trotz der schrofferen Bläserakkorde: für einen im Ansatz dramatischer wirkenden Zugriff bleibt der Grundton doch eher lyrisch. Die Interpretation des 1. Klavierkonzerts ist seitens Michael Gielens und des Orchesters schlichtweg grandios, mit einer Spannung, die von der ersten bis zur letzten Note gehalten wird. Gerhard Oppitz spielt mit weichem  Anschlag und perlenden Trillern. Ihm gelingt eine feinsinnige Werkausdeutung. Bei der Schicksalssinfonie findet der Chor schon in den ersten Sekunden den richtigen Tonfall, um diesem Werk klangmalerisch gerecht zu werden. Gefühlvoll und einfühlsam musizieren sowohl das Orchester wie auch der Chor. Beide sind in einer perfekten Balance aufeinander abgestimmt. Das Konzert für Violine und Violoncello auf der 5. und letzten CD  bietet ein grandioses Klangbild. Mark Kaplan an der Violine und David Garingas am Violoncello  (warmer, angerauter Klang) spielen ebenfalls in perfekter Harmonie miteinander. Das Klavierquintett von Arnold Schönberg, für Orchester eingerichtet,  klingt leider weniger spannend . Ein melodischer und einschmeichelnder Grundton, trotz einiger schrofferen Einwürfe, ist im Klangbild vorherrschend.
Michael Gielen als Bruckner Interpret
Zu den wichtigsten Brucknerdirigenten und wegweisenden Interpreten zählen ohne Zweifel Wilhelm Furtwängler, Hans Knappertsbusch und Sergiu Celebidache, wenn es um Klangbild, das Auftürmen und Zusammenfallenlassen von dramatischen Klanggebilden geht. Wieso viele Kritiker aber gerade diese Namen meiden, wie der Teufel des Weihwasser, wenn es um vergleichende Interpretationen geht, ist nicht nur dem Verfasser ein Rätsel. Stattdessen wird auf Paternostro, Solti, Karajan, Abbado oder Sinopoli verwiesen.
Bruckner: 9.Sinfonie ( 20.11.2013 )
Beginnend mit einem explosionsartigen Akkord, der den Zuhörer sofort elektrisiert und packt mit seinen scharfen Bläserakkorden und straffen Streicherklängen. Die gesamte Sinfonie klingt transparent und spannungsgeladen, auch wenn in dieser Interpretation, verglichen mit denen der oben erwähnten Dirigenten, ein flotteres Tempo angeschlagen wird, was man vielleicht als entmystifizierend empfinden könnte. Diese Innenspannung hält Michael Gielen bis zum Ende durch, denn auch der 2. Teil beginnt pointiert, kurz und zupackend und mit energischen Trommelakzenten. Selbst im dritten, lyrisch beginneden Teil, reißt die Spannung nicht ab.
Bruckner: 8.Sinfonie ( 02.06.2007 )
Sanfter als in der 9., mit samtigen Klängen, bevorzugt Michael Gielen ein eher romantisches Klangbild aus dem sich im 1.Satz erst im späteren Verlauf kurze, dramatische Ausbrüche entwickeln. Auch hier ist das Klangbild transparent aber leider nicht so energiegeladen und mit geringerer Innenspannung. Dieses ändert sich wieder im 2. und auch im verträumt beginnenden 3. Teil.
Bruckner: 7.v ( 15./16.12.1986 )
Auch hier bedient sich Michael Gielen überwiegend eines romantischen Klangbildes.
Bruckner: 6.(  29.03.2001 )
Ähnlich wie in der 7. überwiegt ein lyrisches Klangbild, doch schon nach wenigen Minuten im ersten Satz entwickeln sich dramatische Ausbrüche, die beeindruckend herausgearbeitet werden. So spannend und energiegeladen erlebt man diesen 1.Satz selten. Scharfe Bläserakkorde prägen die Tonsprache dieser Sinfonie.
Bruckner:5. ( 08-10.12.1988 und 09.-10.11.1989 )
Explosionsartig und energiegeladen geht es auch in dieser Sinfonie zur Sache.
Bruckner:4. ( 12.-15.04.1994 )
Sensationell auch hier die Bläser; dramatisch, wie diese in den Vordergrund gerückt werden, bevor es dann im 2.  Satz klangschön weiter geht, wobei sich auch dieser Satz ab der 15. Minute wiederum dramatisch zu steigern versteht.
Bruckner: 3. ( 03.-05.05.1999 )
Gleich zu Beginn ein spannungsgeladener Bläserakkord. Grandiose Klangexplosionen im 2.Satz; spannungsgeladene Streicherpassagen machen den 3.Teil schließlich zu einem besonderen Erlebnis.
Bruckner: 2. ( 14./15.03.1968 )
Sehr energisch zupackender Beginn mit scharfen Streichereinschüben vom Anfang bis zum Ende. Furioses Endes des 1. Satzes. Romantisch und dennoch spannend geht es dann in den darauffolgenden Sätzen weiter.
Bruckner: 1. ( 25.01.2009 / 29.01.2009 )
Auch wenn hier ein eher lyrischer Grundton vorherrschend ist, so gibt es auch in dieser Sinfonie die einen oder anderen dramatischen Akzentuirungen.
Michael Gielen dirigiert Mozart, Haydn, Bach
Dieser Mozart klingt kraftvoll in den Streicherpassagen. Hier wird auch kein übertriebener eingeebnet klingender Wohlklang zelebriert, sondern die Streicher klingen etwas rauher, es wird hier bei mittlerer Geschwindigkeit, nicht übertrieben langsam, aber auch nicht zu schnell ein transparentes Klangbild wiedergegeben. Auch die Ouvertüren zur Zauberflöte und zur Cosi fan Tutte klingen mitreißend und spannend. Hier wird uns ebenfalls  kein Mozart im Weichspülklang serviert. Gleiches erwartet uns bei Haydn, auch hier läßt Michael Gielen einen spannenden- und energiegeladenen Orchesterklang auf die Zuhörer loß. Da bekommt zum Beispiel der Adagiosatz in der Sinfonie Nr. 99, als Kontrast, einen besonders klangschönen, romantisch anmutenden Ton, der ein wenig zum Träumen  einlädt. Obwohl hier ein großes Orchester spielt und kein, wie es bei den Orignalklangverwaltern der Fall ist, ein eher reduziertes Orchester zum Einsatz kommt, bleibt der Klang dennoch schlank.  Bei Beethoven’s , Coriolan Konzertouvertüre und  den Leonoren Ouvertüren 1-3 hört man keinen eingeebneter oder ein tendenziell zu weiches Klangbild, hier geht es ebenfalls schroffer und energiegeladen zur Sache. Wunderbar die Interpretation des Konzertes für Violine, Violoncello, Klavier und Orchester mit Edith Peinemann (Violine; mit der es leider viel zu wenig gibt), Antonio Janigo und Jörg Demus ( Klavier ). Herrlich die dynamischen Abstufungen und das Zusammenspiel. Bei Franz Schubert wartet ein besonderes Vergnügen, die von Michael Gielen bearbeitete und eingerichtete von Gustav Mahler arrangiert Fassung für Streichorchester, des Streichquartettes d-moll, der Tod und das Mädchen D.810 hinzuweisen. Grandios wie hier die Charakteristik dieses Werkes noch einmal verstärkt wird. Wagnerfreunde sollten hier einmal ganz speziell auf den 3.Satz ( Scherzo, Allegro molto ) achten, hier treten immer wieder Sequenzen in den Vordergrund, einem Leitmotive gleich, die an die Schmiedelieder des Siegfrieds aus der gleichnamigen Wagneroper erinnern. Wer sich noch an Thomas Mosers unsäglichen Don José erinnert, wird überrascht sein, daß die stellenweise auch hier in der Höhe leicht gequält klingende Stimme, durchaus klang schöne Seiten haben kann. Die Messe Nr 5 As-Dur D.678 aus dem Jahr 2010 mit Sibylla Rubens, Ingeborg Danz, Dominik Wortig, und Rudolf Rosen. Wundervoll wir hier gleich zu Beginn der Chor den beseelten Klangcharakter dieses Werkes trifft. Sibylla Rubens silbrig schimmernder Sopran, Dominik Wortig leicht baritonal anmutender Tenor und der samtige Bass von Rudolf Rosen bilden mit der leider etwas unscheinbar wirkenden Ingeborg Danz und dem, in den Pianopassagen berückend singenden SWR Vokalensemble Stuttgart, welches auch im Forte, in den dramatisch expressiven Ausbrüchen, überzeugt, eine harmonische Einheit. Eine Messe, zupackend, dramatisch gespielt und gesungen, wie diese bekommt man in dieser Form nicht so häufig geboten.

 

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