Giacomo Puccini: Tosca (Theater Lübeck, 18.11.2016)

 

Was Regisseur Tilman Knabe auf die Bühne bringt ist blutig, brutal aber konsequent von Anfang bis zum Ende durchgezogen. Noch bevor ein Ton erklingt, sieht man auf der Bühne eine Gruppe junger Frauen ( YPG = Yekinyen Parastina Jinel, gegründet am 04.04.2013) in Kampfmontur mit martialischen Waffen herumgehen oder sportliche Übungen machen. Zu dieser Einheit gehört auch die Marchesa Attavanti. Das ganze Werk hindurch spielt sich in einem zerbombten, von Terroristen beherrschten Rom ab, was unmittelbar Assoziationen zum schrecklich verwüsteten Aleppo weckt. Eine Königin Maria Carolina beherrscht die Stadt. Der 1. Akt spielt in den Ruinen einer Kirche, im Hintergrund eine Mauer, eine Art GSG 9 Einheit stürmt durch zwei Seitentüren über den Zuschauerraum auf die Bühne; die Frauen fliehen und ein Soldat uriniert an eine im Hintergrund zu sehende Wand mit dem Konterfei der Königin. Tosca, hochgewachsen, mit ihren Stiletos noch etwa 10cm größer, stürmt, laut Regiekonzept am Boderlinesyndrom leidend, mit drei Einkaufstaschen bepackt auf die Bühne. Kurze Eifersuchtsszene, ein bisschen Drogen und ein Quickie auf dem Fußboden mit Cavaradossi, einem mittelgroßen, an einen Mafiaboss erinnernden, etwas pummeligen Maler. Zum Ende des ersten 1. Aktes erscheint Königin Carolina auf der Bühne, begrüßt zwei Passanten herzlich in der Kirche, und zeigt unverholen ihren Abscheu gegenüber Scarpia, der zum Ende des Aktes die eingangs erwähnten, jungen Frauen mit einer Waffe mit Schalldämpfer in der Kirche erschießt und einer aus dieser Gruppe die Bluse aufreißt und ihr mit einem Messer die Kehle aufschlitzt. Im zweiten Akt wird der selbst brutal veranlagte Scarpia gleich zu Beginn vor den Augen der Königin von zwei Männern mißhandelt; sie treten ihn mehrfach, während er am Boden liegt. Zum Ende des Aktes verpaßt er Tosca einen Fausthieb ins Gesicht, bevor er sie, nur noch vom Unterkleid verhüllt, vergewaltigen will. In diesem Moment tritt die Marchese Attavanti mit ihren Kämpferinnen auf die Bühne, erlegt Scarpia, kastriert den Toten und spricht den Satz „e avanti a lui tremava tutta Roma“. Derweil erleidet Tosca aufgrund des wiederholten Drogenkonsums einen Kollaps und wird von den Kämpferinnen ärztlich versorgt. Im dritten Akt wird Cavaradossi vom Kerkermeister zu Boden geworfen und getreten, bevor er ihm etwas zum schreiben gibt. Tosca kommt auf die Bühne; sie konsumiert wieder Drogen. Schließlich treten erneut die Marchese Attavanti mit ihren Kämpferinnen auf. Sie befreien Cavaradossi, und lassen die halluzinierende Tosca zurück. Im Drogenrausch sieht sie,  wie Cavaradossi erschossen wird und sie wird zum Ende vom Geiste Scarpia’s erneut bedrängt. Der Vorhang fällt und die Buhs (Für die Inszenierung) und Bravos hielten sich ungefähr die Waage. Für die Sänger gab ein einhelliges Feuerwerk aus Applaus und Bravorufen. Die südafrikanische Sopranistin Erica Eloff war als Tosca schlichtweg phantastisch; eine große, runde, volle Stimme, eine brilliante Höhe; manche Phrasen wurden auf höchstem Niveau interpretiert. Die Stelle im 1.Akt „die Jungfrau sieht, wie ich weine“ war einfach grandios. Das „Vissi d’arte“ gelang verletzlich, berührend und mit einem großen, emotionalen Abschluß. Der georgische Tenor, Zurab Zurabishvili, war mit seinem schönen „italienischen“ Timbre und seiner kraftvollen Höhe, hervorragend disponiert. Ein überzeugendes Rollenporträt. Gerard Quinn war gesanglich ein elegant klingender, bedrohlich wirkender Scarpia; eine tolle gesangliche und darstellerische Leistung. Seokhoon Moon bestach als Angelotti. Taras Konoshchenko war ein großartiger Mesner, Grzegorz Sobczak gab einen überzeugenden Sciarrone /Kerkermeister und Emma McNairy bestach sowohl als Marchesa Attavanti, wie auch als Hirte. Das Philharmonische Orchester der Hansestadt Lübeck unter der Leitung von Ryusuke Numajiri unterlegte diese Tosca mit einem eher lyrisch anmutenden Klangteppich. Leider gelang es ihm nicht immer, den idealen Pucciniklang herauszuarbeiten. Am besten gelang dieses noch im letzten Akt, am wenigsten im 1. Akt. Über die äußerst eigenwillige und brutale Inszenierung kann man geteilter Meinung sein; gesanglich hingegen war es ein grandioser Abend.

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