Mieczyslaw Weinberg: The Passenger Bregenzer Festspiele 2010 ( Blue-ray; ARTHAUS Musik )

Lisa, die Gattin eines Diplomaten, wird während der Überfahrt auf einem Schiff nach Südamerika, nach 15 Jahren von ihrer Vergangenheit eingeholt. Als ehemalige KZ-Aufseherin trifft sie auf Martha, eine Überlebende des Lagers. Eine Paraderolle für Michelle Breedt. Niemals zuvor hat der Verfasser diese Sängerin in einer so bezwingenden Charakterstudie über Selbstverleugnung bis hin zu ihren sadistischen Spielen, an denen sie sich im KZ beteiligt hat. Gesanglich und darstellerisch eine zutiefst verstörende und gerade deshalb auch so ergreifende Leistung. Ihr Gegenüber Elena Kelessidi, die sich nicht brechen läßt und allen körperlichen und seelischen Qualen zum Trotz ,als „Gewinnerin“ des Konfliktes beider hervorgeht. Auch hier eine brilliante Charakterstudie. Roberto Sacca überzeugt als ahnungsloser Diplomat, der mehr und mehr die Taten seiner Frau, trotz ihrer Verleugnung, zu begreifen scheint, und dennoch ihm Rahmen der Verdrängung einer Wahrheit, die er selber nicht wahr haben kann oder will, weil damit auch sein Schicksal als Diplomat steht und fällt, sie bereit ist zu verleugnen. Artur Rucinski (Bariton) gibt den Tadeusz, dem Verlobten von Martha; ebenfalls eine hervorragend gesangliche Leistung. Einer der Höhepunkte dieser Oper bildet ein 7 minütiges Zwischenspiel, in welchem er von Andreas Semlitsch auf der Violine gedoubelt wird. Hier sollte er kurz vor seiner Ermordung vor dem Lagerkommandanten ein banales Musikstück spielen und spielt stattdessen eine „Chaconne“ von Bach, in welche das Orchester mit einfällt.  Teodor Currentzis und die Wiener Symphoniker zeichnen ein bravouröses Orchesterklang. Das Bühnenbild ist zweigeteilt, oben das Schiffsdeck, unten das Lager. Das Werk entstand zwischen 1967 / 68; durfte aber in der Sowjetunion nicht aufgeführt werden. Der Komponist verstarb 1996. Bei diesem Mitschnitt handelt es sich um die Urauführung dieses brillianten Werkes, in welchem auch Anleihen beim Jazz zu finden sind. Das Werk ist zwar komposionstechnisch betrachtet, modern, dennoch melodisch. Eine Oper, die man unbedingt gesehen und gehört haben sollte.
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Opernexperte
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