Carl Maria von Weber: Der Freischütz ( Hamburg, 22.05.2016)

Wahrscheinlich müssen sich die Verantwortlichen für diesen Abend gedacht haben – da es  sich „lediglich“ um eine Abonnentenveranstaltung handelte und das Geld für die nächste Spielzeit  schon kassiert wurde –  warum sich also  bei der Besetzung noch große Mühe geben. Wenigstens der Orchesterklang des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg und das Dirigat von Christof Prick waren bravourös; insbesondere der transparente, beschwingt klingende und dennoch spannungsgeladene Orchesterklang muss hervorgehoben werden. Da Julia Maria Dan als Agathe der deutschen Sprache hörbar immer noch nicht so ganz mächtig ist ( wie lange singt sie schon in Deutschland?), wusste sie größtenteils nicht, was sie sang. Dieses war an diesem Abend noch ihr kleinstes Problem. Wesentlich schwerwiegender war der Kardinalfehler, die Stimme künstlich einzudunkeln. Es musste daher  hörbar mit mehr Druck gesungen werden. Dadurch traten die für slawische Stimmen teilweise weniger angenehmen Kiekser noch deutlicher zu Tage. Zu allem Überfluss mischte sich auch noch  ein Tremolo in den weniger ausreichend anmutenden Gesang mit ein. Wenn sich Frau Dan ihre Stimme auf diese Weise unbedingt ruinieren will, dann nur weiter so. Darstellerisch sah es dann leider auch nicht besser aus. Sie stand  oder saß überwiegend auf der Bühne in einer Position als wäre sie irgendwo hin bestellt, aber nicht abgeholt worden: Ihr „langersehnter Bus“ ließ  leider auf sich warten. Gabriele Rossmanith’s –  gesanglich tadellos – Koketterie wirkte aufgesetzt und somit unnatürlich; es wurde schon direkt unangenehm. Hier sollte mehr Wert auf ein natürliches Spiel gelegt werden. Schließlich sind wir nicht zu Gast bei einem Bauernschwank  im Ohnsorg Theater in deren schlechteren Jahren. Vladimir Baykov war als Caspar –  als einer der ganz wenigen – adäquat besetzt, zumindest stimmlich. Er wäre sicherlich noch besser gewesen, wenn es irgendjemand in diesem Haus für nötig befunden hätte, ihn besser mit den Feinheiten der deutschen Sprache vertraut zu machen ( Nein, ich möchte hier keine Integrationsdebatte lostreten ). Leider wusste auch er  stellenweise nicht die genaue Bedeutung der zu singenden bzw. zu sprechenden Worte. Sind wir hier eigentlich  neuerdings eine Provinzbühne, an der sich jeder einmal in einer Sprache ausprobieren darf, unabhängig davon wie diese beherrscht wird. Führende Opernhäuser haben eigens dafür fähige Sprachcoaches engagiert. Daniel Behle, in der Rolle des Max war in der hohen und mittleren Lage beeindruckend; leider kam diese Rolle aber hörbar zu früh, denn für die tieferen Passagen im zweiten Akt fehlte es der Stimme deutlich an Substanz. Runi Brattaberg’s Stimme als Eremit klang leider stellenweise in der höheren Lage etwas leierig. Da war es nur wenig tröstlich, dass er für Wilhelm Schwinghammer eingesprungen war. Kartal Karagedik war als Ottokar leider auch nur durchschnittlich; die Stimme besaß an diesem Abend  zu wenig Schallkraft. Reinhard Hagen war als Kuno einer der Höhepunkte des Abends, von der ersten, bis zur letzten Note perfekt gesungen und die Rolle hervorragend ausgestaltend. Der zweite Höhepunkt des Abends – der Verfasser wird ihn nächstes Jahr schmerzlich vermissen – war Benjamin Popson als Kilian, bravourös und pointiert, sowohl gesanglich wie auch in der Behandlung der deutschen Sprache. Ich erinnere mich hier noch an ein Gespräch mit meinen Eltern, wo er etwas schüchtern am Bahnhof fragte, ob sein Deutsch als zweiter Priester in der Zauberflöte gut genug gewesen sei…?. Für diesen Abend kann man sagen:  Es war perfekt. Ich habe diesen jungen Sänger selten so beeindruckend in seinen Gesangsleistungen erlebt, wie an diesem Abend, Ironisch gefragt: Ist  dies der Grund, warum er nicht ins Ensemble übernommen wurde? . Da mit Julia Maria Dan und Nadezhda Karyazina  offensichtlich auf weniger erstklassige Sänger gesetzt wird, hält der Verfasser  diese Frage durchaus für gerechtfertigt.  Die von Frau Kisseler gesehene „Luft nach Oben“ nimmt weiter zu.

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