Vincenzo Bellini: Romeo und Julia ( I Capuleti e i Montecchi ) (Lübeck, d. 08.04.2016 )

Sicherlich lag es an der leichten Nervosität eines Premierenabends, dass einige Stellen im Orchesterklang noch etwas differenzierter hätten  ausgeformt werden können.  Nach einer von Andreas Wolf etwas zu zügig dirigierten Ouvertüre, wurde das Tempo dann im Laufe des Abends getragener. Insgesamt wurde hier ein schöner Belliniklangteppich ausgebreitet, der sich im 2. Akt noch steigerte. Der Orchesterklang war, verglichen mit dem, was kürzlich in Hannover (Norma Vorspiel und Casta Diva ) zu hören war, um zwei Klassen besser. Das Bühnenbild bestand aus einem sich drehenden Rondell, zum Teil komplett geschlossen, zum Teil mit einer etwa in zwei  Metern Höhe eingelassenen Öffnung ( das Zimmer Julias ) und einer großen, offenen Bühne mit einem langen Tisch. Wioletta Hebrowska war an diesem Abend eine absolute Sensation, dunkles Stimmtimbre, verführerisch und elegant in den lyrischen Szenen, dramatisch und dennoch mit runder Stimme gesungen in den dramatischen Sequenzen und ergreifend in der Sterbeszene. Bei der Szene im ersten Akt wirkte die Koketterie nicht aufgesetzt ( darstellerisch und gesanglich ), sondern natürlich und überzeugend. War sie schon im letzten Jahr in La Damnation de Faust hervorragend, so hat sie sich hier noch einmal so enorm gesteigert, daß sie sich seit diesem Abend einen Platz unter den besten Mezzosopranen, nicht nur für diese Rolle, gesichert hat.  Rollen wie Tancredi ( Rossini ) oder Rinaldo ( Händel ) liegen in greifbarer Nähe. Die zweite Sensation des Abends war  Daniel Jenz. Bestach er schon in der Lady Macbeth von Mzensk, so war er auch  an diesem Abend, nicht nur  bei den Noten über dem 2 gestrichenen C, sondern auch in der Mittellage, mit seiner warmen, sicher geführten, wohl timbrierten Tenorstimme, verführerisch und atemberaubend. Hier liegen z.B. Rollen wie die des Tonio in La Fille de Regiment oder auch des Arturo in I Puritani in sicherer Reichweite. Ebenfalls hervorragend war Evmorfia Metaxaki.  Die griechische Sopranistin besitzt einen lyrisch bis dramatischen Sopran und vermochte sich im zweiten Akt sogar noch zu steigern, da sie im ersten Akt wohl doch  noch etwas nervös zu sein schien. Hier läßt schon die Elvira in I Puritani grüßen. Ebenfalls lobend erwähnen muß man Hyungseok Lee, der auch schon als Schäbiger in der Lady Macbeth von Mzensk zu bestechen wußte. Eine großartige Tenorstimme, geführt von einer sicheren Gesangstechnik. Leider hat man bei der Premierenbesetzung des Capellio nicht auf Seokhoon Moon, sondern auf Andrey Valiguras gesetzt. Das war leider keine gute Entscheidung. Die gesanglichen Leistungen waren mangelhaft, die Stimme bewegte sich zu sehr im Ungefähren, anstatt hier eine konzentrierte, gesangliche Leistung zu erbringen. Nach der Pause war er dann nur noch laut, vor allem harsch und uncharmant und das überwiegend in einem weniger gut klingenden Italienisch.( Erinnerungen an Bernd Weikls Rigoletto kamen hier auf ). Zu loben ist auch der Chor, der gesanglich eine sehr gute Leistung erbrachte, wobei allerdings die Personenregie nicht ganz überzeugte, vor allem im 1. Akt. Diese aufgesetzt wirkende Hektik beim flotten Umrunden des Tisches wirkte weniger professionell.  Auch gab es Schwierigkeiten beim flotten Abgang durch die etwas zu schmal geratene Tür. Insgesamt betrachtet war es ein sensationeller Abend, mit herausragenden gesanglichen und darstellerischen Leistungen. Hier kann es die Oper Lübeck im Vergleich durchaus mit den großen Häusern der Opernwelt aufnehmen!

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