Sir Michael Tibbett: King Priam ( Arthaus; Blue-ray disk / Hi-Res Audio )

Wer bis heute gedacht hatte, Opernfilme würden nicht wirken, weil sie die Künstlichkeit einer Bühne brauchen, um einigermaßen glaubwürdig zu erscheinen, wie die Carmen  mit Migenes und Domingo  eindringlich beweist. Der singende Hauptmann auf den Straßen von Sevilla wirkte zu Beginn dieses Opernfilms mehr als nur etwas albern. Der Zuschauer wird von diesem kammermusikalisch inszenierten Operndrama ( King Priam ) als Opernfilm eines Besseren belehrt. Die Oper besteht aus einzelnen dramatischen Szenen, die nur durch seine 7 Interludes zusammengehalten werden. Eine Prophezeiung bedeutet King Priam, daß er und sein erstgeborener Sohn Hector sterben werden, wenn er nicht bereit ist, seinen zweitgeborenen Sohn Paris zu töten. Da er dieses nicht selber übers Herz bringt, übergibt er das Kind einem jungen Mann mit der Aufforderung, es in den Bergen seinem Schicksal zu überlassen. Dieser jedoch übergibt das Kind einem Schäfer. Jahre später treffen Vater und Sohn in den Bergen aufeinander und trotz der Prophezeiung, führt er seinen zweiten Sohn als Prinzen in Troya ein. Als sich Paris in König Menelaos Frau Helena verliebt und diese ihn nach Troya begleitet, ist das Schicksal von Hector, König Priam und Troya besiegelt. Troya geht in Flammen auf und Hector und König Priam sterben  Nebenbei lassen auch noch Patroklos und Achilles ihr Leben. Eine gewisse Homoerotik in diesem Stück scheint mit Sicherheit kein Zufall gewesen zu sein, sondern ist gewollt. Hector, Paris und Patroklos –  überwiegend leicht bekleidet – sehen aus, als wären sie gerade einem Hochglanzmagazin für Männermoden oder einem ähnlichen Unterhaltungsjournal entstiegen. Den König Priam sang der Charakterbass Rodney Macann ergreifend, dessen Hin- und Hergerissenheit nicht nur darstellerisch, sondern auch vokal treffend dargestellt wird. Als Gegenpol sehen und hören wir den charakteristischen Neil Jenkins ( Tenor ) in der Rolle des Achilles. Ebenfalls gesanglich stark agieren hier als  Bruderpaar; Howard Haskin als Paris und Omar Ebrahim als Hector. Christopher Gillett besticht in der Rolle des Hermes. Anne Mason als Helen, Janet Price als Hecuba und Sarah Walker als Andromache, die eine ergreifende Soloszene singen darf, haben ihren stärksten Moment in der Harmonie während der Engführung aller drei Damenstimmen zu einem Terzett zu Beginn des dritten Aktes. Diese gesangliche Harmonie aller drei Stimmen miteinander ist eine absolute Meisterleistung. Wer nur hastig herunter gespulte Sinfonieaufnahmen des späten Roger Norrington kennt, wird überrascht sein, daß dieser Mann 1985 in der Lage war, auch differenziert und getragene Tempi zu finden, um dieses Werk musikalisch hervorragend umzusetzen. Anfangs ist die Musik noch melodisch; erst mit fortlaufender Handlung wird diese schroffer und stellenweise auch etwas disharmonisch. Ein großartiges und auch packendes Werk; eine Begegnung ist hier allemal lohnenswert.

Noch eine kurze Erklärung was Hi Res Audio bedeutet:

Bei dieser Produktion wurden die Frequenzen nicht runtergerechnet, es gab keine Komprimierung der Klangdaten. Die Studiomasterbänder ( 1“ C Bänder  ) .werden hier nun erstmals ohne Verluste in digitaler Form zur privaten Nutzung dem Verbraucher zur Verfügung gestellt. Verglichen mit der Erstveröffentlichung dieser Produktion auf DVD können Sie hier also erstmals erleben, wie beide Klangkörper, die Stimmen und das Orchester zum Zeitpunkt dieser Produktion wirklich im Studio geklungen haben.
Die Blu-ray ermöglicht es dank ihrer immensen Speicherkapazität sowohl hochaufgelöstes Tonmaterial sowie auch  alte (analoge) Musikaufnahmen in ihrer ursprünglichen Qualität zeigen zu können.

weitere Hörtips:

Britten: The Turn of Screw ( Steuart Bedford )

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Opernexperte
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